Klarsfeld beim Schweigemarsch in Köln | Bildquelle: picture-alliance / picture-allia

Ohrfeige für Kanzler Kiesinger Beate Klarsfeld - auf einen Schlag berühmt

Stand: 07.11.2018 15:40 Uhr

Mit einer Ohrfeige für Kanzler Kiesinger ist Beate Klarsfeld vor 50 Jahren mit einem Schlag berühmt geworden. Die Geste galt Kiesingers NS-Vergangenheit - und rüttelte die bundesdeutsche Öffentlichkeit wach.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Sie ist immer noch eine sehr engagierte Frau: Beate Klarsfeld, mittlerweile fast 80 Jahre alt. Ihre Augen sind hellwach. Sie beobachtet sehr genau, was um sie herum passiert - in Europa und in der Welt. Es sei sehr beängstigend, was in Deutschland passiere, sagt sie. "92 Abgeordnete einer rechtsextremen Partei ziehen in den Bundestag ein. Man lässt es so laufen, denkt, vielleicht wird es wieder besser werden, aber das wird es nicht."

Etwas einfach so laufen lassen, was man für ungerecht und gefährlich hält, das würde Beate Klarsfeld nicht passieren. Sie war es schließlich, die die Deutschen 1968 mit einem Schlag aus dem Schlaf des Nachkriegsvergessens riss - damals, als sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte.

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Beate Klarsfeld - von der Nazijägerin zur Bundespräsidentenkandidatin

Von der Nazijägerin zur Bundespräsidentenkandidatin

Beate Klarsfeld

Beate Klarsfeld wurde berühmt für ihre Aktionen gegen den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Hier beschimpft sie ihn von der Tribüne des Bundestages in Bonn aus als Nazi und Verbrecher. (April 1968) | Bildquelle: picture alliance / dpa

Ohrfeige als Weckruf

"Das war ein letztes Mittel, um die Deutschen aufzuwecken", erklärt Klarsfeld. "Aber auch, um zu erreichen, dass Kiesinger abtritt, was nicht der Fall war. Aber immerhin haben wir erreicht, dass er nicht mehr wiedergewählt werden konnte. Mir ist es gelungen, dass Willy Brandt Nachfolger von Kurt Kiesinger wurde." Das sei für sie das Wichtigste gewesen.

Beate Klarsfeld hatte die Ohrfeige an jenem 7. November1968 genau vorbereitet. Schon vorher war sie auf der Besuchertribüne im Parlament in Bonn auffällig geworden. Während einer Rede des Kanzlers hatte sie "Kiesinger, Nazi, abtreten!" gerufen.

"Die Abgeordneten guckten hoch auf die Tribüne", erzählt sie. Die Mauer des Schweigens sei damit gebrochen gewesen. Man redete darüber - auch über die Vergangenheit.

Pazifistische Grundeinstellung

Klarsfeld würde sich durchaus als Pazifistin bezeichnen, sagt sie in ihrem Pariser Büro, das sie mit ihrem Mann Serge teilt - einem jüdischen Franzosen, dessen Vater in Auschwitz umgebracht wurde. Ihre Ohrfeige sieht sie demnach nicht als Gewalt.

"Der Vorsitzende Richter sagte, ich hätte Gewalt angewendet, als er mich zu einem Jahr Gefängnis verurteilte", sagt sie. Weil sie einen Kanzler geohrfeigt hätte. "'Das war keine Gewalt', sagte ich. 'Gewalt ist, wenn man der deutschen Jugend einen Nazikanzler aufzwingt.'"

Beate Klarsfeld sieht an ihrem Schreibtisch Bilder durch.
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Beate Klarsfeld lebt mit ihrem Mann Serge in Paris.

Mit 21 nach Paris

Beate Auguste Künzel, wie sie vor ihrer Heirat mit Serge Klarsfeld hieß, war nie ein liebes Fräulein, eine angepasste Mademoiselle gewesen. Gegen den Willen ihrer Eltern ging sie aus Berlin nach Paris, da war sie gerade 21. Paris war damals ein Sündenbabel, eine Stadt, in der Beate die Liebe ihres Lebens traf - und ihre Bestimmung.

"Wir haben natürlich zusammen gekämpft", sagt sie. "Serge als Jude, dessen Vater deportiert wurde. Ich als deutsche Nichtjüdin." Gemeinsam hätten sie viele Ziele gehabt.

Verdienstorden und Bundesverdienstkreuz

In Frankreich wird das Ehepaar Klarsfeld sehr geschätzt. Gerade hat Beate Klarsfeld aus den Händen von Staatspräsident Macron den Nationalen Verdienstorden erhalten. Das Shoa-Museum widmete ihr eine Ausstellung. In Deutschland ist man nach wie vor zurückhaltend bei der Frau, die es wagte, einen Kanzler zu schlagen. In Deutschland habe es lange gedauert, bis sie das Verdienstkreuz erhielt. "Das ist nicht das Gleiche gewesen wie in Frankreich, wo unsere Arbeit viel mehr anerkannt wird."

Das deutsche Bundesverdienstkreuz erhielt sie schließlich aus den Händen von Joachim Gauck, gegen den sie bei der Wahl zum Bundespräsidenten kandidiert hatte. Hätte sie die Wahl gewonnen, so wäre sie die erste Bundespräsidentin gewesen, die einen Kanzler geohrfeigt hatte. Auch diese Vorstellung bereitet ihr sichtlich Vergnügen. "Das hätte man nicht hinnehmen können, nicht?", sagt sie und lächelt.

Serge und Beate Klarsfeld im November 2017 | Bildquelle: AFP
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Serge und Beate Klarsfeld im November 2017 - in diesem Jahr feiern sie ihren 55. Hochzeitstag.

Der 7. November ist im übrigen wirklich ein sehr besonderer Tag im Leben der Beate Klarsfeld. Nicht nur aus politischen Gründen, denn sie und ihr Mann haben an einem 7. November geheiratet und feiern nun ihren 55. Hochzeitstag - und zwar mit einer Anzeige in der Zeitung "Le Figaro", in der sie vor einem nationalistischen Rechtsruck bei den Europawahlen warnen. Beate Klarsfeld bleibt sich treu.

Auf einen Schlag berühmt - Beate Klarsfeld und die Kiesinger-Ohrfeige
Barbara Kostolnik, ARD Berlin
07.11.2018 15:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. November 2018 um 09:05 Uhr.

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