Eine Kuh steht auf einer Wiese in der Nähe der Bichler Alm | Bildquelle: dpa

Bayern vor der Landtagswahl Alpenidylle vs. Hochtechnologie

Stand: 08.10.2018 11:12 Uhr

In sieben Tagen wählen die Bayern. Politisch steht das Land vor einem Umbruch, wirtschaftlich ist der bereits vollzogen. Das sorgt für Spannungen - etwa auf einem Bauernhof.

Von Vera Cornette, BR

Kurz vor sechs auf dem Hof der Familie Peipp, südlich von Nürnberg. Der Tag ist noch nicht angebrochen, mit der Arbeit müssen die Eheleute dennoch schon beginnen: 75 Kühe müssen durch den Melkstand. Knapp zwei Stunden dauert die Prozedur, danach werden die Kühe und Kälber versorgt. Seit 30 Jahren gibt es jeden Morgen und jeden Abend den immer gleichen Ablauf. Aber: Wie lange noch? Gerhard Peipp erreicht im Dezember das Rentenalter.

Bayern im Umbruch: Die Marke Bayern
Mittagsmagazin, 08.10.2018, Vera Cornette, BR

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Einen Nachfolger für den Hof gibt es bisher nicht. "Es ist immer wieder bedrückend", sagt Luise Peipp, "wenn man nicht weiß, wie es mit den Kühen weitergeht." "Ich habe mir das etwas anders vorgestellt", gibt ihr Mann zu. Beide wollen den Betrieb noch weiterführen, irgendwie. Ein Leben ohne ihre Kühe ist für sie nur schwer vorstellbar.

Das Ehepaar hofft, dass sich die Tochter und ihr Mann dafür entscheiden, den Familienbetrieb fortzuführen. Sie ist Erzieherin, er Installateur. Beide wohnen mit ihren vier Kindern ganz in der Nähe des Hofes. "Wenn ich meine Kinder um sechs für die Schule und den Kindergarten herrichte, dann müsste ich eigentlich melken und das ist nicht möglich. Abends ist es das gleiche - wenn es bei uns richtig brennt, und alle gleichzeitig die Mama brauchen, dann müsste ich eigentlich melken," sagt Tochter Evi Beyer.

Landwirte Gerhard und Luise Peipp | Bildquelle: Vera Cornette, BR
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Gerhard und Luise Peipp hängen an ihrem Bauernhof.

Die kleinen Bauernhöfe sterben

75 Kühe und Kälber - das sei für eine junge Familie mit Kindern kaum zu schaffen, sagt sie. Deshalb bleibt sie Erzieherin, ihr Mann arbeitet als Installateur weiter. Womit er gutes Geld verdient, ohne dass er sich sieben Tage die Woche, Morgen für Morgen, Abend für Abend um die Tiere kümmern muss.

Evi Beyers Eltern haben mal mit 20 Kühen angefangen und sich nach und nach vergrößert. So haben sie Betrieb und Familie unter einen Hut gebracht. Das brachte ihnen lange Arbeitszeiten und immer wieder wirtschaftliche Unsicherheiten: schwankende Milchpreise, Preisdumping bei Fleisch und Gemüse.

Der Trend geht zu immer größeren Ställen: Immer mehr Bauern haben in den letzten Jahrzehnten der Landwirtschaft den Rücken gekehrt. Auch in der Nachbarschaft von Familie Peipp haben zwei Bauernhöfe erst von Milchvieh auf Schweinemast umgestellt und dann den Hof dichtgemacht. Aber nicht nur in Franken ringen familiengeführte Betriebe um ihre Existenz, in ganz Bayern sterben die kleinen Bauernhöfe.

Polizistinnen auf Segways in Regensburg | Bildquelle: dpa
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Zwei Polizistinnen fahren auf Segways durch Regensburg. Technischer Fortschritt - damit will Bayern punkten.

Bayerns Abhängigkeit von der Autoindustrie

Auch im niederbayerischen Dingolfing lässt sich der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat beobachten: Seit mehr als 50 Jahren baut BMW hier Autos. Viele ehemalige Bauern haben dort in der Produktion gut bezahlte Jobs gefunden. Einst galt Niederbayern als Armenhaus Bayerns, durch den Fahrzeugbau wuchs der Wohlstand - nicht nur bei den ehemaligen Bauern.

Insgesamt arbeiten in Bayern mehr als 200.000 Beschäftigte direkt in der Automobilindustrie, mehr als 400.000 Jobs sind von ihr abhängig. Der Fahrzeugbau wird gern als Versicherung für den bayerischen Wohlstand genannt. Nach dem Motto: Läuft es im Fahrzeugbau, geht es dem Freistaat gut.

Den erfolgreichen Übergang von Agrar- zum Industriestaat schreibe sich die CSU zwar auf die Fahnen, doch weder die CSU noch Franz Josef Strauß seien die alleinigen Väter des modernen Bayerns, sagt der Historiker Dirk Götschmann. Schon während der Industrialisierung versuchte das rohstoffarme Bayern den Mangel durch hochwertige Produkte, Maschinenherstellung und später auch Dienstleistungen zu kompensieren.

Bayern - plötzlich im Zentrum Europas

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Flüchtlinge und Vertriebenen maßgeblich an der bayerischen Erfolgsgeschichte mit: "Sie waren einerseits Arbeitskräfte, andererseits haben sie zusätzliche Kaufkraft ins Land gebracht", erklärt Götschmann. Als weiterer Erfolgsfaktor erwies sich, dass viele Unternehmen aus dem Osten ihre Produktion und dann auch Konzernzentralen nach Bayern verlegten: Siemens, Audi und Osram lockte nicht nur die Vorzugsbehandlung der bayerischen Regierung an.

Auch die anwendungsbezogene Forschung, die technische Hochschulen und Institute - gefördert von der Staatsregierung - ausgerichtet auf die Bedürfnisse der Wirtschaft leisteten, war und ist für die Firmen attraktiv. Der nächste Schub für die bayerische Wirtschaft war das Ende des Eisernen Vorhangs: Plötzlich hatte Bayern keine Randlage mehr, sondern rückte ins Zentrum Europas.

Söder auf der Zugspitze | Bildquelle: dpa
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Ministerpräsident Söder auf der Zugspitze. Er versucht, die Heimatlust der Wähler zu bedienen.

Dialekt ist wieder angesagt

Zwar habe die CSU-Regierung die wirtschaftliche Stärke Bayerns gefördert, aber der Erfolg basiere eben auch auf internationalen Entscheidungen und Entwicklungen, so der Historiker Götschmann. "Dass es der Wirtschaft und der breiten Masse im Mittelstand gut geht, das ist für die CSU immer eine Art Lebensversicherung gewesen", sagt Götschmann.

Zur Marke Bayern gehören neben Fortschritt, Hightech und Laptop aber eben auch die Lederhose: Trachtenmode erlebt ein Revival, Berg-Hype und Alpen-Alarm, die sich unter dem Hashtag #wanderlust in den Sozialen Netzwerken wie Instagram manifestieren, Dialekt ist wieder angesagt.

Entwicklungen, die sich auf den Nenner bringen lassen: Im Morgen das Gestern nicht vergessen wollen. Und das fühlt auch Evi Beyer, die Tochter der Milchbauern im Süden von Nürnberg: "Ich hänge an dem Hof. Es muss weitergehen, das ist meine Heimat." Nicht zuletzt lassen sich mit Bildern dieser bäuerlich-gepflegten Idylle die Hochqualifizierten nach Bayern locken - des besonderen Lebensgefühls zwischen Tradition und Moderne wegen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 06. Oktober 2018 um 15:02 Uhr sowie 17:32 Uhr und am 08. Oktober 2018 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.

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