Arbeiter auf deinem Baugerüst vor einem Wohnhaus verrichten Fassadenarbeiten. | dpa

Pläne der Bundesregierung Gelingt die Klimawende am Bau?

Stand: 07.08.2022 04:27 Uhr

Der Bausektor hat im vergangenen Jahr seine Klimaziele klar verfehlt. Bauministerin Geywitz muss klimagerechtes Bauen vorantreiben. Die Häuser der Zukunft werden anders aussehen, sagt sie. Aber tut sie auch genug?

Von Eva Huber, ARD-Hauptstadtstudio

Eine Baustelle in Berlin Charlottenburg: Hier entsteht eines der klimafreundlichsten Bauwerke Berlins, sagt Immobilienentwickler Alexander Happ. Der Zillecampus, ein Bürokomplex mit einem Wohnhaus. "Wir lassen das Kerngebäude aus den 50er-Jahren stehen", erklärt Happ und deutet auf einen grauen Gebäudeklotz. In der Regel werden solche alten Gewerbegebäude abgerissen, weil ein Neubau insgesamt rentabler ist.

Eva Huber ARD-Hauptstadtstudio

Holzbau mit Geothermie-Heizung

Aber Happ geht einen anderen Weg, der noch dazu klimafreundlich ist. Denn das bestehende Gebäude zu nutzen, spart Ressourcen und Baumaterialien - und damit CO2, das bei der Herstellung anfallen würde. Auf der freien Fläche neben dem Gebäude will Happ, Geschäftsführer beim Immobilienentwickler Assiduus, einen Anbau fast komplett aus Holz errichten, ein klimafreundlicher Baustoff.

Im Moment gräbt hier aber noch ein Bagger in der Erde, um Erdsonden zu setzen für eine Geothermie-Anlage. Lange Rohre, die 99 Meter in die Tiefe gehen. Dort ist es auch im Winter 24 Grad warm, und diese Wärme wird durch eine Wärmepumpe nach oben gebracht und heizt den Gebäudekomplex ohne CO2-Emissionen.

Häuser der Zukunft werden anders aussehen

Das Beispiel zeigt: Klimafreundlich bauen kann aufwendig sein, und vor allem braucht es neue Ideen und neue Lösungen. "Die Häuser der Zukunft werden anders aussehen", sagt auch Bauministerin Klara Geywitz von der SPD: "Wir werden mit anderen Materialien bauen, wir werden unsere Häuser anders beheizen müssen."

Deshalb stehen eine ganze Reihe von Maßnahme auf dem Arbeitszettel der Ministerin: Sie will eine Holzbauinitiative starten, serielles Bauen fördern und innovative Pilotvorhaben unterstützen. Bisher sind das vor allem Ankündigungen. Ein Qualitätssiegel für nachhaltige Gebäude, das auch die CO2-Emissionen über den Lebenszyklus des Gebäudes erfasst, hat Geywitz schon auf den Weg gebracht.

Klimafreundliches Bauen und Innovationen kosten Geld und können das Gebäude erstmal teurer machen. Die Geothermie-Heizung beim Bauprojekt in Charlottenburg verteuert die technische Gebäudeausrüstung um ungefähr ein Drittel im Vergleich zu einer Gasheizung, erklärt Immobilienentwickler Happ. Dafür fallen dann im Betrieb kaum Nebenkosten an - ganz anders als beim derzeit teuren Gas.

Wer bezahlt?

Trotzdem ist der Zillecampus kein Beispiel für preisgünstiges Bauen. "Wir suchen Mieter, die in der Lage sind, eine marktübliche Miete zu zahlen," sagt Happ. Und die fallen in Berlin-Charlottenburg mit seiner etablierten Lage vergleichsweise hoch aus. Dazu kommt im Moment die hohe Inflation und Zinserhöhungen, die Bauen generell und natürlich auch klimagerechtes Bauen noch teurer machen. Danach gefragt, antwortet die Bauministerin immer ähnlich: Man dürfe keine Krise als Ausrede nehmen, um bei der Klimakrise nichts zu machen: "Wir müssen diese Krisen zusammendenken und zusammen lösen", sagt Geywitz. Nur wie?

Konkreter wird sie allenfalls beim Fachkräftemangel. Es fehlen Bauarbeiter. "Wir müssen produktiver werden", sagt die SPD-Politikerin. Pro Bauarbeiter müssten mehr Häuser hergestellt werden, indem zum Beispiel Planung und Bauantrag digital funktionieren. Außerdem sieht sie im seriellen Bauen mit vorgefertigten Gebäudeteilen oder Fertighäusern große Chancen. So könne auch preisdämpfend gearbeitet werden.

Gebäudesektor stößt 115 Millionen Tonnen CO2 aus

Klar ist, Deutschland muss massiv umsteuern, um im Gebäudesektor das Ziel klimaneutral bis 2045 zu schaffen. 2021 hat dieser Bereich 115 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen - damit hat die Bundesregierung das sich selbst gesetzte Minderungsziel schon mal gerissen. Zur Zwischenetappe 2030 dürften es nur noch 72 Millionen Tonnen sein.

Dieses Zwischenziel kann Deutschland kaum erreichen, sagt Dietmar Walberg von der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen: "Das ist ungefähr der gleiche Einspareffekt, für den wir bisher etwas über 30 Jahre benötigt haben." Optimistischer ist er beim Ziel für 2045. Er hat ausgerechnet, dass sich das theoretisch erreichen lässt. Wenn jetzt schnell alles getan wird, um die Heizungen umzustellen.

Heizungen sind zentraler Hebel

Das ist für Walberg der große Hebel - und nicht das klimagerechte Bauen oder Sanieren. Oft laufen die Heizungen noch mit Öl oder Gas und die müssten schnell auf Erneuerbare Energien umgestellt werden. Die Bundesregierung will deshalb Kommunen bei der Planung von Wärmenetzen unterstützen und fördert den Einbau von Wärmepumpen. Doch auch hier bremsen Personal- und Materialmangel den Boom.

Oft muss bei neuen Heizideen in den Kommunen auch noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, erzählt Immobilienentwickler Happ. Er hat in den letzten Jahren sechs Mal versucht, Geothermie umzusetzen: "Es ist sechs Mal abgelehnt worden. Und jetzt das siebte Mal klappt es plötzlich." Es scheint sich was zu bewegen in Deutschland - langsam.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2022 um 23:16 Uhr.