Auf der Waterloo Station in London ist ein Bahnsteig abgesperrt. | AFP

Größter Ausstand seit 30 Jahren Bahnstreik in Großbritannien hat begonnen

Stand: 21.06.2022 11:24 Uhr

Das halbe britische Schienennetz soll lahmgelegt werden, nur noch ein Fünftel der Züge soll fahren. Mit dem größten Bahnstreik seit 30 Jahren fordern die Gewerkschaften weniger Stellenabbau und höhere Löhne.

In Großbritannien hat der größte Bahnstreik der vergangenen 30 Jahre begonnen. Mehr als 40.000 Eisenbahner dürften sich an dem Ausstand beteiligen und so etwa die Hälfte des britischen Schienennetzes lahmlegen, nur ein Fünftel der Züge soll fahren. Auch für die kommenden Tage sind Streiks geplant. Besonders trifft es die britische Hauptstadt: In London ist wegen eines separaten Streiks auch die U-Bahn überwiegend außer Betrieb.

Grund für den Ausstand sind geplante Einsparungen bei Arbeitskräften und anderen Kosten, da während der Corona-Pandemie weniger Menschen mit der Bahn fahren. Bei Verhandlungen zwischen Bahnunternehmen und Gewerkschaften wurde keine Einigung erzielt. Die Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport Union teilte mit, sie nehme das Angebot einer Lohnerhöhung um drei Prozent nicht an. Die Inflation in Großbritannien liegt mit derzeit neun Prozent deutlich höher.

Auftakt für "Sommer der Unzufriedenheit"

Nach Ansicht der Gewerkschaften ist der Ausstand nur der Auftakt für einen möglichen "Sommer der Unzufriedenheit", in dem auch Lehrer, Mediziner und Anwälte in den Arbeitskampf treten werden. Denn viele Briten leiden unter steigenden Preisen für Lebensmittel und Kraftstoff.

Die Wirtschaft auf der Insel hatte sich zunächst zwar gut von der Corona-Pandemie erholt. Wegen einer Kombination aus Arbeitskräftemangel, gestörten Lieferketten, Inflation und Handelsstreitigkeiten nach dem Brexit droht nun aber eine Rezession. Die britische Inflationsrate erreichte im April ein 40-Jahres-Hoch von neun Prozent. Erwartet wird, dass im weiteren Jahresverlauf die Marke von zehn Prozent übertroffen werden dürfte.

Johnson verurteilt die Streiks

Premierminister Boris Johnson warf den Gewerkschaften vor, mit den Streiks gerade jenen zu schaden, denen sie helfen wollen. "Mit diesen Streiks vertreiben sie Pendler, die letztlich die Jobs der Eisenbahner sichern", sollte Johnson laut einer Mitteilung seines Büros bei einer Kabinettssitzung am heutigen Dienstag sagen. Die Folgen des Ausstands würden Unternehmen und Gemeinden im ganzen Land zu spüren bekommen.

Boris Johnson (Archivbild vom 26. Mai 2022) | REUTERS

Er versteht es nicht: Premierminister Johnson. Bild: REUTERS

Neues Gesetz soll Minimalversorgung sichern

Verkehrsminister Grant Shapps kündigte bereits eine Gesetzesänderung an, die Bahnbetreiber zu einer Minimal-Versorgung an Streiktagen verpflichtet und die Vertretung von streikendem Personal durch Ersatzkräfte erlaubt. "Wir werden dafür sorgen, dass solche Dinge in Zukunft weniger Schaden anrichten", sagte er dem Sender Sky News.

Die jetzigen Streiks finden zu einer Zeit statt, in der Reisende auf britischen Flughäfen aufgrund von Personalmangel Verspätungen und Annullierungen in letzter Minute hinnehmen müssen. Zudem müssen viele Briten aufgrund von Verzögerungen bei der Bearbeitung monatelang auf neue Pässe warten.

Gewerkschafter: "Absolut inakzeptabel"

Der Gewerkschafter John Leach rechtfertigte den Streik im Sender TalkTV: "Wir können uns nicht auf etwas einlassen, das fast acht Prozent der Inflation hinterher hinkt - das ist absolut inakzeptabel", sagte er. 

Der aktuelle Arbeitskampf wirft Vergleiche mit den 1970er-Jahren auf. Damals gab es in Großbritannien eine Serie von Streiks, die schließlich in den "Winter der Unzufriedenheit" 1978/79 mündete.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 21. Juni 2022 um 10:20 Uhr.