Eine Frau sitzt mit ihrem Koffer auf einer Bank im Hauptbahnhof in Berlin | dpa

Wachsende Kritik an der GDL "Eine völlig unnötige Belastung der Fahrgäste"

Stand: 04.09.2021 10:58 Uhr

Bei der Bahn geht der Streik weiter, die GDL gerät öffentlich zunehmend unter Druck. Den gerade wieder nach den Lockdowns angelaufenen Bahnverkehr so massiv lahmzulegen, sei unangemessen und falsch, so die Kritik.

Angesichts des Streiks bei der Bahn nehmen die Forderungen an die Lokführergewerkschaft GDL zu, wieder mit dem bundeseigenen Konzern zu verhandeln.

Auch der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, stellte sich gegen die GDL. Mit den Arbeitsniederlegungen würde eine Berufsgruppe wie die Lokführer ihre "partikularen Interessen gegen das Gesamtinteresse aller anderen Bahn-Beschäftigten" durchsetzen, sagte Hoffmann der "Rheinischen Post". Die unterschiedlichen Beschäftigten in einem Unternehmen dürften aber "nicht gegeneinander ausgespielt werden".

Obwohl die Differenzen zwischen der Gewerkschaft und der Bahn nicht sehr groß seien, weigere sich GDL-Chef Claus Weselsky, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Im Kern gehe es GDL-Chef Weselsky darum, seine Gewerkschaft zu erhalten und ihren Einflussbereich zu vergrößern, um auf diese Weise mehr Mitglieder zu gewinnen, so Hoffmann. "Bei Herrn Weselsky und der GDL geht es ums pure Überleben." Die GDL ist allerdings nicht Mitglied des DGB, sondern des Deutschen Beamtenbundes dbb.

"Bewusste und willentliche Verknappung"

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen VDV, Oliver Wolff, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Wir erleben, dass die Fahrgäste keinerlei Verständnis mehr für die Dauer der Streiks und die Beharrlichkeit der GDL haben, nicht an den Verhandlungstisch zurückzukehren." Wolff sagte, der Verband respektiere die Tarifautonomie. Im Kontext der Corona-Pandemie könne der VDV allerdings überhaupt kein Verständnis für den GDL-Streik aufbringen. "Während der gesamten Zeit der Pandemie war es breiter Konsens zwischen Politik und Unternehmen, dass das Verkehrsangebot im öffentlichen Verkehr in vollem Umfange aufrechterhalten wird." Mit dem Streik verknappe die GDL "bewusst und willentlich das Angebot und sorgt damit für eine völlig unnötige Belastung der Fahrgäste".

Mehr als 6000 Lokführer streiken

Nach dem Sieg vor Gericht am Freitag setzte die GDL den Streik heute fort. Nach Angaben der Bahn lief der Ersatzverkehr erneut "planmäßig an", das Unternehmen riet Fahrgästen jedoch erneut, Reisen wenn möglich zu verschieben. Über das Wochenende will die Bahn 30 Prozent der Züge im Fernverkehr anbieten, an den vergangenen Streiktagen waren es 25 Prozent. Im Nahverkehr sind rund 40 Prozent der Züge unterwegs. Seit Beginn der jüngsten Welle am Mittwoch 6057 Lokführer von insgesamt rund 19.700 DB-Triebfahrzeugführerinnen und -führern die Arbeit nieder. Mitarbeitende der Infrastrukturgesellschaften der DB seien hingegen "kaum" in den Ausstand getreten.

Die Heftigkeit des Arbeitskampfes sei für die meisten Außenstehenden nicht nachvollziehbar, sagte Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. "Das wird auf dem Rücken der Kunden ausgetragen." Gerade jetzt müsse es doch darum gehen, die Fahrgastzahlen nach den Lockdowns wieder auszubauen, so Krischer.

Nach den schweren Einbrüchen durch die Corona-Krise sei der Schienenverkehr gerade dabei gewesen, wieder Fahrt aufzunehmen, sagte der Geschäftsführer des Verkehrsbündnisses Allianz pro Schiene, Dirk Flege, der dpa. "Da kommt mit dem langen Streik der nächste Schlag." Im Güterverkehr boome der Lkw, dagegen sei der Marktanteil der Schiene zuletzt sogar gesunken. "Und im Personenverkehr haben wir in der Pandemie erlebt, dass viele Menschen aufs Auto umgestiegen sind", so Flege. Dies sei mit Klimaschutz im Verkehr nicht vereinbar und laufe allen verkehrs- und umweltpolitischen Zielsetzungen der Bundesregierung zuwider. Streiks seien ein legitimes Mittel in Tarifauseinandersetzungen. "Aber wir dürfen jetzt nicht zu viel Zeit verlieren durch weitere Rückschläge für die klimafreundliche Schiene."

9000 Leihfahrräder in 80 Städten

Die Bahn kündigte derweil an, bis zum Ende des Streiks 9000 Leihräder für 30 Minuten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das Angebot gelte für bundesweit in etwa 80 Städten und Regionen, teilte das Unternehmen der Nachrichtenagentur AFP mit. Unterstützt wird die Aktion von den Städtepartnern der Bahn und den Kommunen. Mit der Fahrradaktion will sie unter anderem Pendler ansprechen, die damit den Weg zur Arbeit bestreiten. 

Ingessamt bietet die Bahn etwa 16.000 Leihräder an, darunter auch Pedelecs und Lasten-Pedelecs, die allerdings von der Freiminuten-Aktion ausgeschlossen sind. Nach Angaben der Bahn sind bei den großen Leihradsystemen in Hamburg und Lüneburg die ersten 30 Minuten innerhalb des Abos ohnehin frei. Für die restlichen 9000 Räder müssen sich Interessierte demnach bei Call-a-Bike oder RegioRadStuttgart, das ebenfalls zur Call-a-Bike-Gruppe gehört, in der App registrieren. Die Freiminuten werden dann bei jedem Entleihvorgang verrechnet, eine Verpflichtung zum Abo besteht nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. September 2021 um 08:55 Uhr.

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