Szene aus dem Theaterstück "Welche Zukunft?! Let them eat money"

Deutsches Theater Berlin Von der Realität inspiriert

Stand: 23.09.2018 05:27 Uhr

In Berlin feiert ein Theaterstück Premiere, das sich im Jahr 2028 mit der Vergangenheit und der politischen Verantwortung beschäftigt. Tamara Anthony und Lea Busch ziehen den Vergleich zur aktuellen Krise der Großen Koalition.

Von Lea Busch, ARD-Hauptstadtstudio

Politiker hängen kopfüber von der Decke, umringt von den Mitgliedern einer radikalen Bürgerbewegung. "Warum haben Sie das Gesetz nicht umgesetzt? Was ist damals falsch gelaufen?" Es ist ein Zukunftsszenario, das der Regisseur Andres Veiel in dem Stück "Welche Zukunft?! Let them eat money" am Deutschen Theater inszeniert. Im Jahr 2028 sind viele Menschen so frustriert, dass sie die Politiker in die Mangel nehmen.

Inspiration für das Theaterstück über die Entfremdung von Politik und Bürgern liefert Veiel vor allem die Realität. "Es gibt das Gefühl, die Politiker vertreten uns nicht", sagt der Regisseur, "Probleme, die nicht wirklich im Zentrum stehen, werden dahin gepusht, sodass die eigentlichen Probleme gar nicht mehr berührt werden."

Der Theaterregisseur Andres Veiel
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Der Theaterregisseur Andres Veiel wurde für das Theaterstück über die Entfremdung von Politik und Bürgern von der Realität inspiriert.

Macht kommt vor Sachpolitik

Wie die Zerwürfnisse innerhalb der Großen Koalition zur Causa Maaßen: Sie hinterlassen den Eindruck, dass Macht vor Sachpolitik kommt, dass die Parteien durch ihren Profilierungsdrang kaum kompromissbereit sind. Und sie werfen Fragen auf: Warum soll ein abberufener Behördenleiter aufsteigen und in seinem neuen Job als Staatsekretär mehr Geld verdienen?

Innenminister Horst Seehofer wollte hart bleiben, an Maaßen festhalten. Sein Hauptthema: die innere Sicherheit voranbringen. SPD-Chefin Andrea Nahles hat eine andere Klientel im Blick. Bürger, die sich über Maaßens Äußerungen zu Chemnitz erzürnen.

Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages und Sozialdemokrat Wolfgang Thierse sieht darin ein strukturelles Problem: "Mein beunruhigender Eindruck ist, dass es in diesem Land immer schwerer wird, sich auf ein gemeinsames Verständnis dessen zu einigen, was Wirklichkeit ist und was die Probleme sind. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung."

Wolfgang Thierse
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Wolfgang Thierse, ehemaliger Präsident de Deutschen Bundestages, sagt, es werde immer schwerer, sich auf ein gemeinsames Verständnis zu einige, was Wirklichkeit ist und was die Probleme sind.

Lage neu bewerten

Nach zwei Krisensitzungen und einer vermeintlichen Einigung am Freitag dann die Kehrtwende. Man wolle die Entscheidung überdenken, sagte SPD-Chefin Nahles, denn: "Wir haben nicht Vertrauen geschaffen, sondern wir haben Vertrauen verloren." Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert sich, man wolle die Lage neu bewerten. Auch, weil die Menschen ein Anrecht darauf hätten, dass die Regierung ihre Sorgen und ihre Probleme löst, so Merkel.

Es sind Worte, die von der Pressekonferenz nach den Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD im Februar stammen könnten. "Wir haben verstanden", sagte Horst Seehofer damals. Kein weiter mehr also, sondern Aufbruch, auch um die Spaltung und Polarisierung im Land zu überwinden. "Alle haben, glaube ich, das Gefühl, dass es endlich Zeit ist, mit der Arbeit zu beginnen", so die Bundeskanzlerin.

Rücktritt vom Rücktritt

Aber es kommt anders. Nämlich zum Koalitionskrach über Zurückweisungen von Flüchtlingen an der deutschen Grenze. Seehofer legt sich fest, treibt Merkel vor sich her, am Schluss dann sein Rücktritt vom Rücktritt. Vieles stand auf der Kippe - war es das wert? Seit den Zurückweisungsvereinbarungen mit Spanien und Griechenland wurden bis zum 11. September zwei Personen nach Griechenland zurückgewiesen.

Dabei gibt es durchaus Sachpolitik in der Großen Koalition: Rente, das neue Kitagesetz, sozialer Wohnungsbau. In ihren Sommerinterviews weisen Merkel und Seehofer fast einstimmig darauf hin: "Wir werden jetzt Woche für Woche wichtige Entscheidungen treffen."

Mangel an Debattenkultur

Eine Absicht, die jedoch erneut von Machtkämpfen überlagert wird: Machtkämpfe über den Verbleib eines Behördenleiters. Der Mangel an Debattenkultur zeigt sich dabei auch innerhalb der Parteien. So erwartet die Fraktionsführung laut Wolfgang Bosbach, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter, dass die Abgeordneten pflegeleicht seien, dass sie alles mittragen, was von oben serviert wird.

Szene aus dem Theaterstück "Welche Zukunft?! Let them eat money"
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In dem Theaterstück "Welche Zukunft?! Let them eat money" zeichnet der Regisseur ein düsteres Zukunftsszenario.

Für den Regisseur Andres Veiel ein weiterer Punkt, der Entfremdung und Politikverdrossenheit erzeugt. Und der zeige, dass Politik angesichts einer Komplexität dieser Welt eigentlich schon kapituliert habe. Es werde nur von Punkt zu Punkt agiert und versäumt zu sagen: "Was sind die größeren Ideen, Ideenräume? Wo wollen wir schrittweise hinkommen zu einer besseren, gerechteren Gesellschaft? Es bleibt im Klein-Klein, in der Erregung von Meinungen stehen."

Über dieses Thema berichtete rbb radioeins am 05. September 2018 um 20:10 Uhr.

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