Eine Kassiererin schützt sich mit Plastikfolie vor einer möglichen Ansteckung durch die Kunden. | Bildquelle: dpa

Systemrelevante Berufe Welchen Wert haben Helden?

Stand: 05.04.2020 11:58 Uhr

In der Corona-Krise wächst das Bewusstsein, wie wichtig die Arbeit von Altenpflegerinnen, Lkw-Fahrern und Kassiererinnen ist. In der Politik werden Forderungen nach Sonderzahlungen laut. Aber reicht das?

Von Jan Liebold, ARD-Hauptstadtstudio

Dreißig Jahre schon arbeitet Astrid Füßler als Verkäuferin im Supermarkt. Leicht war der Job noch nie. Aber das, was sie gerade erlebt, hätte sie sich so nie vorstellen können. Leergeräumte Nudel- und Konserven-Regale. Kunden, die schon die Klopapierpackungen von den Paletten reißen, wenn sie gerade erst aus dem Lager geschoben werden.

Und dazu immer das ungute Gefühl, dass man sich ja auch selbst anstecken kann mit dem Coronavirus. An der Kasse zum Beispiel, wenn Kunde und Verkäuferin ganz nah beieinander sind. Stress pur sei das, sagt die 50-jährige Berlinerin. Aber durch müsse man da nun mal, zu Essen bräuchten die Leute ja.

Ohne Füßler würden sie es im Supermarkt nicht schaffen in diesen Krisenzeiten. Aber bezahlt werde sie trotzdem schlecht. Für 35 Stunden/Woche erhalte sie gerade mal 2400 Euro brutto im Monat. Damit lag sie 2019 laut Statistischem Bundesamt als ausgebildete Fachkraft im Lebensmitteleinzelhandel deutlich unter dem Lohn, den Fachkräfte für die gleiche Arbeitszeit zum Beispiel im produzierenden Gewerbe verdienten.

Bei Beschäftigten der gleichen Qualifikationsstufe in Altenheimen oder der Güterbeförderung auf der Straße, wie die Statistiker die Branche nennen, herrscht ebenfalls ein niedriges Verdienstniveau.

Systemrelevant, aber unterbezahlt
Bericht aus Berlin, 05.04.2020, Jan Liebold, ARD Berlin

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"Ein Zuschlag wäre das Mindeste!"

Nun, in der Corona-Krise, wächst in der Bevölkerung das Bewusstsein für die Leistungen dieser Berufsgruppen. Auf den Balkonen wird geklatscht für die "Corona-Helden". Und in der Politik werden Forderungen laut, zum Beispiel nach Sonderzahlungen, die am besten steuerfrei sein sollen. Aber reicht das wirklich aus?

"Ein Zuschlag zu den meist niedrigen Löhnen in diesen Branchen wäre das Mindeste", sagt Sozialwissenschaftler Stefan Sell. "Aber an den strukturellen Problemen löst er nichts." Vielmehr müsse man grundsätzlich über die Vergütung sprechen. Denn in Dienstleistungsbranchen wie der Altenpflege oder dem Einzelhandel würden immer weniger Unternehmen nach Tarif zahlen. Seit Mitte der Neunziger Jahre habe es in diesen Bereichen eine regelrechte Tarifflucht geben.

Um Beschäftigte in systemrelevanten Berufsgruppen besser zu stellen, will Hubertus Heil, der sozialdemokratische Bundesarbeitsminister, nun vor allem auf allgemeingültige Tarifverträge setzen, also Vereinbarungen, die für alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Branche gelten. "Und eine langfristige Konsequenz wird sein, dass wir für soziale Dienstleistung, für Gesundheit, für Pflege auch in diesem Land mehr Geld ausgeben müssen", sagt er. "Das ist eine Lehre, die wir aus dieser Krise zu ziehen haben."

Die bayerische Landesregierung will allen Pflegekräften eine steuerfreie Bonuszahlung von 500 Euro zukommen lassen. Das sagte Ministerpräsident Markus Söder der "Bild am Sonntag". Den Bonus sollen nach Angaben eines Regierungssprechers alle Pflegekräfte in Krankenhäusern, Reha-Kliniken, Alten-, Pflege- und Behindertenheimen bekommen - insgesamt sind dies 252.000 Angestellte.

Milliarden für die Besserstellung

Die Frage ist allerdings, woher das Geld dafür kommen soll. Und ob die Bevölkerung immer noch klatscht für die "Corona-Helden", wenn sie für deren Besserstellung ins eigene Portemonnaie greifen muss. Zum Beispiel in Form von steigenden Lebensmittelpreisen oder höheren Beiträgen in der Pflegeversicherung. Wissenschaftler errechneten 2016 in einer Studie, dass allein die Angleichung der Altenpflege-Löhne an die des Krankenhauswesens 5,9 Milliarden Euro kosten würde.

Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt schlägt vor, Mittel des Gesundheitsfonds zu nutzen, um Dankprämien an das medizinische Pflegepersonal zu zahlen. "Der Bund sollte jetzt alle Mittel und Wege nutzen, um neben anderen Maßnahmen auch direkte finanzielle Prämien an das Personal zu unterstützen", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Das Bundesgesundheitsministerium könnte Mittel aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds freigeben.

Die Besserstellung systemrelevanter Berufsgruppen sei ein finanzieller Kraftakt und müsste von der gesamten Gesellschaft getragen werden, findet der Sozialwissenschaftler Sell: "Das bedeutet höhere Abgaben." Er schlägt allerdings vor, höhere Lohnkosten für die Beschäftigten in der Altenpflege nicht über Sozialbeiträge sondern über Steuern zu finanzieren, "weil sich bei den Steuern letztendlich auch die wirtschaftlich leistungsfähigen und starken Schultern beteiligen."

Die Debatte über bessere Bezahlung für Altenpflegerinnen, Lkw-Fahrer und Supermarkt-Kassiererinnen ist für den Sozialwissenschaftler auch eine Gerechtigkeitsdebatte, in der geklärt werden müsse, welche Arbeit welchen Wert für die Gesellschaft hat. Für die Linkspartei steht fest: Um systemrelevante Berufsgruppen besserzustellen, müssten auch Reiche einen Beitrag leisten, zum Beispiel durch eine einmalige Abgabe auf große private Vermögen. "Wenn ich eine gerechte Gesellschaft möchte, dann muss ich auch entsprechend für Ausgleich sorgen", sagt die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Amira Mohamed Ali.

Rezepte aus der "linken Mottenkiste"

Neu sind Konzepte zu Besteuerung von Reichen nicht. Aber in der Corona-Krise haben sie Konjunktur. Auch die SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken sprach sich in der vergangenen Woche für eine einmalige Vermögensabgabe aus. Wenig später ruderte sie allerdings zurück. Die Forderung käme zur Unzeit, finden einige in der Partei. Offen sagen will das aber niemand. Und andere SPD-Spitzenpolitiker, wie Finanzminister Olaf Scholz oder der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Kahrs, wollen auf Anfrage nicht näher eingehen auf Eskens Vorschlag.

In der Union schütteln sie deshalb den Kopf. Die SPD-Parteivorsitzende stehe im Seitenaus mit ihren "Rezepten aus der linken Mottenkiste", findet Marc Hauptmann, der Vorsitzende der Jungen Gruppe in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Denn Pläne für eine Vermögensabgaben seien "wenig hilfreich in einer Krisenphase, in der ein Großteil der Vermögen als Betriebsmittel in den Unternehmen gebunden ist." Die ohnehin schon gebeutelte Wirtschaft würde durch zusätzliche Abgaben nur noch mehr geschwächt.

Nur gute Vorsätze?

Noch sind die ökonomischen Schäden der Corona-Pandemie nicht absehbar. Und was aus den Altenpflegerinnen, LKW-Fahrern und Kassiererinnen wird, die gerade so sehr gebraucht werden. Aber je länger die Krise dauert, desto mehr Unternehmen könnten pleite gehen und viele Menschen würden ihre Jobs verlieren. Erst dann wird sich zeigen, wie die Gesellschaft wirklich zu ihren Corona-Helden steht. Ob es nur beim Applaus bleibt oder sie in Zukunft auch mehr Geld bekommen.

Über dieses Thema berichtet der "Bericht aus Berlin" am 5.4. um 18:05 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Bericht aus Berlin" am 05. April 2020 um 18:05 Uhr.

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