Auszubildende in einer Firma für Werbemittel | dpa

Arbeitsmarkt Was bringt das Corona-Ausbildungsjahr?

Stand: 31.07.2020 17:45 Uhr

Montag startet das neue Ausbildungsjahr. Doch in Corona-Zeiten finden Schulabgänger schwer einen Job. Viele Firmen können sich keine Lehrlinge leisten - obwohl sie dringend Fachkräfte brauchen.

Peter Sonnenberg

Von Peter Sonnenberg, ARD-Hauptstadtbüro

Die Montagehalle von Charlotte Hoffmann ist fast leer, viele Maschinen stehen still. "Normalerweise fahren wir manche Fräsmaschinen in Doppelschichten, jetzt jedoch nur maximal eine Schicht am Tag", sagt die Prokuristin von Maschinenbau Hoffmann in Gau-Odernheim, zwischen Mainz und Worms. Am Montag beginnt zwar das Ausbildungsjahr 2020, viele sagen: das Corona-Ausbildungsjahr. Doch der Zuliefererbetrieb aus Rheinhessen hat sich nach langem Überlegen entschieden, dieses Jahr nicht auszubilden.

"Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, weil wir wissen, dass Auszubildende die Investition der Betriebe in die Zukunft sind", sagt Hoffmann. Die Prokuristin rechnet vor, was ein Auszubildender jedes Jahr kostet: um die 20.000 Euro. Viel Geld dafür, dass Lehrlinge viel Zeit in der Schule verbrächten und dem Betrieb für leichtere Aufgaben oft nicht zur Verfügung stünden. Weil der Fachkräftemarkt jedoch seit Jahren nichts mehr hergebe, habe man eigentlich keine Wahl, müsse alle neuen Mitarbeiter selbst ausbilden.

Doch genau das gehe in ihrem Betrieb dieses Jahr einfach nicht. Wegen Corona sei die Hälfte der Mitarbeiter in Kurzarbeit, die Produktion um die Hälfte gedrosselt. "Ich habe ja nicht einmal durchgehend einen Meister hier, der die Lehrlinge anleiten kann", sagt Hoffmann und ergänzt: "Wenn ich für meine Leute nicht genug Arbeit habe, dann für die Neuen erst recht nicht."

Maschinenbau Hoffmann ist nicht allein in einer prekären Lage. Die Bundesagentur für Arbeit hat die neusten Arbeitsmarkt- und Ausbildungsmarktzahlen vorgelegt. Demnach hängt der Bewerbungs- und Einstellungszeitraum gegenüber normalen Jahren um sechs bis acht Wochen hinterher. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Von Oktober 2019 bis Juli 2020 haben sich bundesweit bei den Arbeitsagenturen 439.000 Bewerber gemeldet - 40.000 weniger als im Vorjahr. 182.000 suchen immer noch einen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig waren 495.000 Ausbildungsstellen gemeldet - 43.000 weniger als im vergangenen Jahr. Davon sind 201.000 aktuell noch unbesetzt.

Das Angebot ist etwas größer als die Nachfrage - passt doch, könnte man meinen. Nur passen Stellen und Bewerber nicht unbedingt zusammen: Bewerber wollen nicht umziehen, unbeliebte Berufe werden nicht nachgefragt, die Vorstellungen mancher Bewerber sind unrealistisch oder ihre Noten zu schlecht.

"Bewerbungszug" ist nicht abgefahren

Die Probleme sind nicht neu. Jedoch kommt im Corona-Ausbildungsjahr als entscheidender Faktor hinzu, dass sich Bewerber und Unternehmen nicht getroffen haben - im wahrsten Sinne des Wortes. Wegen der Coronakrise fiel monatelang die Schule aus, auch Ausbildungsmessen und schulisches Bewerbungstraining. Da hätten viele Chefs gern für ihre Betriebe geworben.

Ohne den sanften Druck aus der Schule - und laut Fachleuten fehlt der bei manchen Bewerbern auch zu Hause - haben viele Jugendliche das Thema Bewerbung auch auf die lange Bank geschoben. Sie wollen noch ein Jahr länger Schule machen oder eben erstmal nichts.

Doch der Bewerbungszug ist noch nicht abgefahren. Wegen Corona werden viele Firmen auch im August oder September noch Ausbildungsverträge unterschreiben.

Kontakte auf Ausbildungs-Messen knüpfen

"Wir hatten richtig Glück, denn wir haben alle Azubis schon vor Corona gefunden", freut sich Susanne Knies, Geschäftsführerin eines Elektro-Fachmarkts in Worms. Sie vermutet: "Schwierig wird das nächste Ausbildungsjahr." Derzeit sehe es nicht so aus, als ob es im Herbst große Ausbildungs-Messen oder andere Veranstaltungen geben werde, auf denen Firmen Kontakte anbahnen könnten.

"Man muss jetzt andere Wege finden, Leute zu suchen", erzählt sie. Ihr Vorschlag: Möglichst viel auf "online" umstellen, damit die Bewerber herausfinden könnten, welcher Betrieb der richtige für sie ist.

Handwerk könnte von Pandemie profitieren

Sie hat die Hoffnung, dass das Handwerk langfristig sogar von der Corona-Krise profitieren könnte. Denn sie zeige, dass das Handwerk immer Konjunktur habe. Anders als in der Vergangenheit stünde während Corona die Zukunft von Handwerkern auf weitaus stabileren Füßen als in beliebteren Branchen - wie kaufmännische Berufe oder das Hotelgewerbe.

Diese Hoffnung hat auch Jürgen Scheubeck. Der Chef von mehreren Bäckerei-Filialen in Worms weiß, dass der Beruf schwer mit seinem Frühaufsteher-Image zu kämpfen hat. "Wer will schon um eins in der Nacht aufstehen?", fragt er rhetorisch. Aber Brot wird immer gegessen, deshalb scheint auch diese Branche sicher zu sein.

Er konnte seine zwei Lehrstellen rechtzeitig vergeben - eine für den Bäcker- und eine für den Konditorberuf. Wenn junge Leute jetzt Angst vor einer Bewerbung in einer "unsicheren" Branche hätten, dann bekomme vielleicht auch die Bäckerlehre wieder mehr Zulauf, hofft er.

Junge Menschen suchen krisensicheren Job

Das bestätigt Bernd Fitzenberger, Direktor des Institutes für Berufs- und Arbeitsmarktforschung in Nürnberg. Weil sie dort im Moment keine Perspektive sehen, bewürben sich junge Leute nicht in der Gastronomie, aber auch nicht in kaufmännischen Berufen oder der Veranstaltungstechnik. Unter anderem zeigten auch die Zahlen der Arbeitsagentur, wie unsicher die Bewerber seien.

Fitzenberger erklärt: "Vor einer Bewerbung steht immer die Frage - Wie finde ich den Job, der zu mir passt?" Jetzt, in der Krise, müssten die Jugendlichen sich zusätzlich fragen: Welcher Job wird auch nach der Krise noch Zukunft haben?

Dennoch sollten sie nicht zu sehr zögern, rät er. Denn es sei zu erwarten, dass dieses Jahr weniger Schulabgänger mit einer Ausbildung starteten. Fitzenberger vermutet, dass der Anteil junger Leute ohne Ausbildung in Deutschland steigen wird. Und das brächte für die Betroffenen langfristig schlechtere Erwerbs- und Verdienstchancen mit sich.

Zwei Auszubildende in einem KfZ-Betrieb | dpa

Zwei KfZ-Auszubildende reparieren ein Auto in einer Werkstatt. Bild: dpa

"Es muss möglichst viel ausgebildet werden"

"Gerade jetzt ist ein Mehr an Ausbildung gefragt, um im Veränderungsprozess zu bestehen. Deshalb muss trotz der Krise möglichst viel ausgebildet werden", verlangt Fitzenberger. Er schlägt vor, während der Krise solle die Bundesregierung Ausbildungsplätze stärker fördern.

Bereits auf den Weg gebracht sind Ausbildungs- und Übernahmeprämien: Kleine und mittlere Betriebe, die von der Coronakrise betroffen sind, sollen belohnt werden. Unternehmen werden 2000 Euro je Lehrstelle bekommen, wenn sie genauso viele junge Leute ausbilden wie im Vorjahr, und 3000 Euro, wenn sie mehr ausbilden. Die Übernahmeprämien erhalten Betriebe, die Azubis von Firmen übernehmen, die in der Krise insolvent gegangen sind. Das reiche aber nicht, sagt Fitzenberger: "Ich schlage vor, dass jeder Ausbildungsplatz gefördert wird, auch wenn ein Betrieb weniger ausbildet als im Jahr zuvor."

Noch gibt es in Deutschland eine große Lücke zu schließen: 182.000 junge Leute wissen noch nicht, was sie zum Jahresende machen werden. Wenn die jungen Menschen heute nicht ausgebildet werden, wird morgen eine andere Lücke noch größer klaffen, die schon jetzt große Probleme macht: der Fachkräftemangel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Juli 2020 um 12:00 Uhr.