Dampf steigt aus den Kühltürmen des Atomkraftwerks Grohnde im Landkreis Hameln-Pyrmont auf, während im Hintergrund Windräder zu sehen sind | dpa

Habeck und Lemke dagegen Hohe Hürden für längere AKW-Laufzeiten

Stand: 08.03.2022 08:50 Uhr

Sollten die Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke verlängert werden, um Versorgungsengpässe zu verhindern? Das Wirtschafts- und das Umweltministerium sind dagegen - und auch die Betreiber sehen hohe Hürden.

Trotz möglicher Energieversorgungsengpässe wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben sich Wirtschaftsminister Robert Habeck und Umweltministerin Steffi Lemke gegen eine Laufzeitverlängerung der verbliebenen Atomkraftwerke ausgesprochen.

"Im Ergebnis einer Abwägung von Nutzen und Risiken ist eine Laufzeitverlängerung der drei noch bestehenden Atomkraftwerke auch angesichts der aktuellen Gaskrise nicht zu empfehlen", zitierten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe aus einem gemeinsamen Prüfvermerk des Wirtschafts- und des Umweltministeriums. 

Kurzzeitige Verlängerung nicht wirtschaftlich

Eine Verlängerung der Laufzeiten der noch in Betrieb befindlichen drei Atomkraftwerke würde im Winter 2022/2023 keine zusätzlichen Strommengen bringen, sondern frühestens ab Herbst 2023 nach Befüllung mit neu hergestellten Brennstäben. Ein Weiterbetrieb müsste mit einer umfangreichen Sicherheitsprüfung und mit der Schulung von Personal für jedes der drei Atomkraftwerke einhergehen.

Um den Aufwand wirtschaftlich zu rechtfertigen, sei eine Verlängerung der Laufzeiten "für mindestens drei bis fünf Jahre notwendig", heißt es in dem Papier. Wirtschafts- und Umweltministerium gingen davon aus, dass in dem Zeitraum bis 2028 "andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um eine ausreichende Stromversorgung trotz einer Gasmangellage zu gewährleisten". Außerdem gebe es Zweifel, ob eine Verlängerung verfassungsrechtlich belastbar begründet werden könne.

Auch Atomkonzerne sehen hohe Hürden

Heute kommen die deutschen Energieminister zu einer Sonderkonferenz zusammen, um über die Energiesicherheit nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zu beraten. Aus dem Wirtschaftsministerium hieß es vorab: "Eine Verlängerung der Laufzeiten könnte nur einen sehr begrenzten Beitrag zur Lösung des Problems leisten, und dies zu sehr hohen wirtschaftlichen Kosten. Der Staat müsste hier in großem Umfang Risiken übernehmen. Dies steht in keinem Verhältnis."

Auch nach Einschätzung der deutschen Atomkonzerne lassen sich die befürchteten Energieengpässe kaum schnell durch längere Laufzeiten der Kernkraftwerke ausgleichen. Eine Sprecherin von PreussenElektra, eine Tochterfirma des Energiekonzern e.on, wies darauf hin, dass die Lieferung neuer Brennstäbe lange dauern würde.

"Nach einer ersten Abschätzung gehen wir davon aus, dass frische Brennelemente in gut 1,5 Jahren zur Verfügung stehen könnten", sagte sie der "Rheinischen Post". Zudem müssten sich die Konzerne dann wohl neue Uran-Lieferanten suchen. "In den letzten Betriebsjahren unserer Kraftwerke haben wir das für die Brennelemente benötigte Uran aus Kasachstan und Russland sowie in geringen Mengen aus Kanada bezogen."

Kretschmann: Keine Denkverbote

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann schloß eine Verlängerung der Laufzeiten für Kohle- und Atomkraftwerke dagegen nicht aus. Wirtschaftsminister Habeck habe zurecht gesagt, die Versorgungssicherheit müsse gewährleistet sein und es dürfe keine Denkverbote geben. "Das sehe ich auch so", sagte Kretschmann der "Süddeutschen Zeitung". "Wir müssen jetzt kurzfristig Lösungen finden - und mittelfristig führt kein Weg daran vorbei, dass wir den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter forcieren, um uns unabhängig von fossilen Brennstoffen zu machen."

Zum Jahreswechsel sind die Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen vom Netz gegangen. Strom liefern seither nur noch die Meiler Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2, die Ende diesen Jahres abgeschaltet werden sollen.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 02. März 2022 um 05:10 Uhr sowie um 16:36 Uhr und die tagesschau am 08. März 2022 um 12:00 Uhr.