Schild warnt vor Strahlung | Bildquelle: picture alliance / dpa

Atommüll-Entsorgung Die schwierige Suche nach dem Endlager

Stand: 16.01.2019 17:49 Uhr

Bis 2031 soll ein Standort für ein atomares Endlager für Deutschland gefunden sein. Schon jetzt können sich Behördenvertreter informieren - der Andrang ist allerdings alles andere als groß.

Von Jenni Rieger, SWR

Es sind nicht viele Demonstranten, die an diesem Tag vor die Donauhalle in Ulm gezogen sind. Gerade mal ein Dutzend steht frierend der Kälte - dabei wären sie viel lieber drinnen, in der Halle. "Wir demonstrieren dagegen, dass diese Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet", beschwert sich Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND. "Die Endlagersuche wird einer der schwierigsten Prozesse werden, der auf uns zu kommt in den nächsten Jahrzehnten. Und das wird nur gelingen, wenn wir von Anfang an Transparenz und Öffentlichkeit herstellen, Bürger genauso informieren wie Behörden und Amtsvertreter."

Wolfram König, Präsident des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) redet in Ulm mit Umweltschützern | Bildquelle: dpa
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Dialog vor der Halle: BfE-Präsident Wolfram König redet mit Umweltschützern in Ulm.

Keine Geheimnisse

Aber an diesem Vormittag wird keineswegs Geheimwissen weitergegeben, sondern schlicht "über das Verfahren, die Akteure und den Ablauf der Endlagersuche informiert". Das Bundesamt für kerntechnische Versorgungssicherheit (BfE) spricht mit Vertretern von Städten, Landkreisen und Gemeinden Süddeutschlands. Mit denjenigen, die später ihren Bürgern Rede und Antwort stehen sollen. Doch die Nachfrage ist mäßig. Etwa 70 Verwaltungsbeamte sind hierher nach Ulm gekommen, bei den vorangegangenen Veranstaltungen in Hamburg und Leipzig waren es um die 50, in Frankfurt kamen sogar nur etwa 20 Volksvertreter. Warum?

"Ich bin ja eher erfreut, dass so viele gekommen sind!" So sieht es Wolfram König vom BfE. "Denn generell müssen wir ja mit dem Paradoxon leben, dass man sich dem Thema nicht unbedingt stellt, so lange man sich nicht betroffen fühlt. Das wird sich in dem Moment umkehren, in dem konkrete Regionen in die Diskussion kommen." 

Noch fehlt die Betroffenheit

Tatsächlich ist noch Zeit - einerseits. 2031 soll der Standort für ein atomares Endlager in Deutschland gefunden sein, 2050 mit der Einlagerung von Atommüll begonnen werden. Andererseits sind zwölf Jahr nicht gerade viel, um einen Konsens darüber zu finden, welche Gemeinde, welcher Landkreis die nächsten Millionen Jahre mit den atomaren Hinterlassenschaften unserer Gesellschaft leben soll.

Wenn im Jahr 2022 der letzte Reaktor in Deutschland vom Netz geht, werden insgesamt 1900 Behälter mit hochradioaktiven Abfällen angefallen sein. 2017 hat der Bundestag mit breiter Mehrheit beschlossen, diese Abfälle in tiefen Gesteinsschichten einzulagern. Das Standortauswahlgesetz legt detailliert fest, wie die Suche nach einem geeigneten Aufbewahrungsort ablaufen soll und in welcher Form die Bürger daran beteiligt werden. Das Suchverfahren steht noch am Anfang.

"Die zuständige Gesellschaft für Endlagerung sammelt Daten zur Geologie der Regionen", erklärt Wolfram König vom BfE. "Man geht von einer weißen Landkarte aus, das heißt, kein Gebiet wird aus nicht-fachlichen Gründen ausgeschlossen oder in besondere Betrachtung gezogen", sagt er. Das sei die Lehre aus Gorleben gewesen. Dort habe man nicht nachvollziehen können, auf welcher Grundlage die Politik in den 1970er-Jahren diesen Standort ausgewählt hat. "Von daher hat man daraus gelernt und jetzt geht es darum, ein faires, nachvollziehbares und transparentes Verfahren durchzuführen."

Salzstock Gorleben
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Archiv: Bergarbeiter bei Instandhaltungsarbeiten in Gorleben

"Genug getuschelt"

Schon im kommenden Jahr sollen mögliche Standortregionen für ein Endlager vorgestellt werden. Dann beginnt die eigentliche Arbeit - und der eigentliche Dialog. Verschiedene Formen der Bürgerbeteiligung sind vorgesehen, Informationsveranstaltungen, Regionalkonferenzen, ein "Rat der Regionen". Grundsätzlich kann jeder Betroffene im Rahmen solcher Planungsprozesse Einwände erheben. 

Draußen vor der Tür der Donauhalle ist der Unmut dennoch groß. "Genug getuschelt. Volle Transparenz bei der Endlagersuche" ist auf einem Plakat zu lesen. "Ja, es ist beabsichtigt, dass irgendwann mal die Bürger informiert werden im Jahr 2020", schimpft Brigitte Dahlbender vom BUND, "aber warum die Behördenvertreter ein Jahr vorher? Das lässt doch den Verdacht aufkommen, dass es hier Informationen für die Öffentlichkeit erster und zweiter Klasse gibt." 

Dass solche Vorwürfe kommen, damit habe man gerechnet, meint König. Und er stellt sich auf noch härtere Diskussionen ein. "Wir brauchen diese Diskussion um die Frage der Endlagerung und ich hoffe, dass wir sie sachlich führen können. Wir können diese Endlagerfrage nicht lösen, indem wir die Augen verschließen, sondern wir müssen uns unserer Verantwortung stellen. Diese Stoffe sind nun einmal in der Welt und wir können sie nicht anderen Generationen zuschieben."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Januar 2019 um 20:50 Uhr.

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