Ein Kind wird im Olgahospital des Klinikums Stuttgart mit einem Stethoskop abgehorcht.

Mehr Atemwegserkrankungen Kinder holen Erkältungen nach

Stand: 03.10.2021 09:20 Uhr

Viele Kleinkinder kamen ohne die üblichen Erkältungen durch den vergangenen Winter. Der Grund: die Corona-Maßnahmen. Nun stecken sich auffallend viele Kinder und Jugendliche an. Ärzte berichten von Nachholeffekten.

Seit einigen Wochen machen viele Jungen und Mädchen Atemwegsinfekte durch, die eigentlich erst in den Wintermonaten zu erwarten wären. Betroffen seien vor allem unter Sechsjährige, sagte Jakob Maske, Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der Nachrichtenagentur dpa.

Aufgrund von Kita-Schließungen und anderen Corona-Maßnahmen im vergangenen Winter und Frühjahr seien sie bisher nicht in Kontakt mit bestimmten Erregern gekommen. "Die Infekte werden jetzt nachgeholt."

Starker Anstieg von Krankenhaus-Einweisungen

Das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet von einem starken Anstieg der Krankenhaus-Einweisungen wegen Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) bei Ein- bis Vierjährigen. Gefährlich kann dieser Infekt der oberen Luftwege insbesondere für Frühgeborene sowie vorerkrankte Kinder im ersten Lebensjahr werden.

Laut RKI wurden in den Jahren vor der Pandemie im Monat September rund 60 bis 70 Ein- bis Vierjährige pro Woche mit schweren Atemwegsinfekten in Kliniken eingewiesen, aktuell seien es doppelt so viele. Das RKI rechnet mit einem weiteren Anstieg.

"Es gibt leider im Moment eine Zuspitzung", sagte Maske, der in Berlin eine Kinderarztpraxis hat. "Wir haben etwas mehr kranke Kinder als sonst zu dieser Zeit und immer weniger Betten in den Kinderkrankenhäusern, weil Personal fehlt." Die Mediziner sorgen sich um die Versorgung schwerkranker Kinder im Herbst und Winter.

Schülerinnen mit Mundschutz stehen vor Beginn des Unterrichts zusammen. | dpa

Ärzte sprechen sich dafür aus, dass Kinder wieder konstant in Schule und Kindergarten gehen und "unnötige Krankmeldungen" vermeiden können. Bild: dpa

"Kinderkliniken früh zugelaufen"

Maske zufolge ist es schon jetzt sehr mühsam, kleine Patienten stationär unterzubringen. Hintergrund sei auch, dass zu wenige Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger ausgebildet würden. "Die Kinderkliniken sind sehr früh zugelaufen", sagt auch der Kinderarzt Thomas Buck aus Hannover, Vorstandsmitglied der niedersächsischen Ärztekammer.

Größere RSV-Ausbrüche unter Kindern wurden bereits im Mai aus Israel und in den Sommermonaten in den USA, Australien und Japan gemeldet. Das RKI mahnte deshalb schon im Sommer an, sich auf ein ähnliches Szenario vorzubereiten. "In der Regel begegnen Kinder jedes Jahr RSV und bauen dabei einen gewissen Immunschutz auf", erläuterten die RKI-Experten. Diese Hilfe bei der Abwehr der Erreger fehle jetzt, weil es im letzten Winter wegen der Corona-Maßnahmen fast keine RSV-Erkrankungen gab.

Plädoyer für mehr Normalität

Die Kinder- und Jugendärzte plädieren dafür, den Alltag für Kinder und Jugendliche nach Monaten der Entbehrung so normal wie möglich zu gestalten. Für Eltern ist es oft eine schwierige Entscheidung, ob sie ihr Kind mit Schniefnase oder Halsschmerzen in die Kita oder Schule schicken - Stichwort Corona-Verdacht. "Man muss kluge Risikoabwägungen treffen", sagte Buck. "Wir wollen, dass die Kinder endlich wieder konstant in Kindergarten und Schule gehen und unnötige Krankmeldungen vermeiden." Auf der anderen Seite gehe es auch darum, möglichst keine Corona-Infektion zu übersehen.

Sorgen vor Grippewelle

Ab Anfang Oktober etwa zirkulieren auch wieder mehr Grippeviren. "Wir machen uns zudem Sorgen, dass es eine Grippewelle gibt", sagte Buck. Im letzten Pandemie-Winterhalbjahr mit vielen Hygienevorkehrungen und eingeschränkten Kontakten blieb die Grippewelle praktisch aus. Mediziner hoffen, dass die Bereitschaft zur Grippeimpfung für die anstehende Saison nun dennoch hoch bleibt.

Bei gesunden Kindern und Erwachsenen unter 60 Jahren verläuft eine Influenza in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen. Deshalb gibt es für sie auch keine Impfempfehlung - ihnen wird aber auch nicht davon abgeraten. Ältere Menschen kann die Impfung dagegen vor schweren Grippeverläufen bis hin zu tödlichen Lungenentzündungen schützen.

Als günstigster Termin für die Impfung gilt die Zeitspanne zwischen Oktober und Mitte Dezember, weil sich eine Grippewelle meist Anfang des Jahres aufbaut. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt sie generell Menschen ab 60 Jahren, seit neuestem mit einem Hochdosis-Impfstoff.

Dazu kommen Empfehlungen für Schwangere und Menschen mit chronischen Krankheiten. Geimpft werden sollte laut STIKO aber auch bei einem erhöhten beruflichen Ansteckungsrisiko, zum Beispiel bei medizinischem Personal und in allen Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr. Darüber hinaus gilt die Impfempfehlung für Menschen, die Risikogruppen anstecken könnten, also zum Beispiel für pflegende Angehörige.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Oktober 2021 um 09:42 Uhr.