Eine Ampulle des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca wird in einer Arztpraxis aus einer Packung entnommen. | dpa

Debatte über AstraZeneca "Kann sein, dass Vertrauen schwindet"

Stand: 31.03.2021 09:23 Uhr

Die erneut geänderte Impfempfehlung für AstraZeneca könnte nach Ansicht von STIKO-Chef Mertens zu einem Vertrauensverlust führen. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach erwartet jedoch kaum Auswirkungen auf die Impfkampagne.

Nach der erneuten Änderung der Impfempfehlung für AstraZeneca hält der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, einen Vertrauensverlust für möglich. "Es kann sein, dass dadurch Vertrauen schwindet", sagte Mertens den Zeitungen der "Funke Mediengruppe". Die Entscheidung könne aber auch das Gegenteil bewirken.

Denn der Fall zeige, dass die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gut funktioniere. "Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein", sagte Mertens dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland".  

Die Bundesregierung hatte gestern beschlossen, das AstraZeneca-Vakzin nur noch an Menschen über 60 Jahren zu verimpfen. Hintergrund sind Thrombose-Fälle vor allem bei jüngeren Frauen. Jüngere Menschen in den Impfgruppen eins und zwei könnten "gemeinsam mit dem impfenden Arzt nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung entscheiden, mit AstraZeneca geimpft werden zu wollen", hieß es in dem Beschluss.

"Das System funktioniert"

Der Berliner Gesundheitsstaatssekretär Martin Matz sieht in der erneuerten Impfempfehlung eine wichtige Botschaft. "Wann immer Fakten auftauchen, die relevant sind, die Gefahr signalisieren, funktioniert das System", sagte er dem RBB-Inforadio. "Man versucht dann, vorsichtig zu sein und lieber eine Gruppe mehr auszuschließen von der Impfung als dass man eine Gefahr eingeht."

Berlinerinnen und Berliner unter 60 Jahren könnten weiterhin bei teilnehmenden Hausärzten mit dem AstraZeneca-Präparat geimpft werden, sagte Matz: "Das hat sicherlich was mit der individuellen Einstellung zum Risiko zu tun. Das hat aber auch was damit zu tun, dass man mit einer Ärztin, einem Arzt im Gespräch herausfindet, ob man besondere Risikofaktoren für diese Thrombosen eventuell hat."

Weil das jedoch beratungsaufwendiger sei, werde es in der nächsten Zeit keine Erstimpfungen mit AstraZeneca für unter 60-Jährige in den Berliner Impfzentren geben.

Unionsfraktionsvize will von Impfreihenfolge abweichen

Auch Unionsfraktionsvize Thorsten Frei unterstützt die Entscheidung, die Verwendung des Impfstoffes von AstraZeneca einzuschränken - "auch wenn das mit Sicherheit zu Verunsicherung in der Bevölkerung führt". Im Deutschlandfunk zeigte er sich zuversichtlich, dass trotzdem die Zusage eines Impfangebots für alle bis zum Ende des Sommers eingehalten werden kann. Das sei zu schaffen, wenn die Hersteller die Impfzusagen einhielten. "Dann werden wir schon in den nächsten Wochen mit deutlich höheren Impfdosen rechnen können."

Frei plädiert zudem dafür, von der Impfreihenfolge "ein gutes Stück weit" abzuweichen. Die Haus- und Betriebsärzte müssten jetzt sehr viel stärker in die Impfkampagne eingebunden werden. Die Reihenfolge sei grundsätzlich richtig, es gehe aber darum, dass "man sich nicht mehr sklavisch daran hält".

Freie Impfmittelwahl gefordert

Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, fordert nach der erneuten Änderung der Impfempfehlung eine freie Wahl des Impfmittels. Gegenüber NDR Info sagte er, das Hin und Her beim Vakzin von AstraZeneca schade sehr. "Deswegen wundere ich mich schon, warum wir nicht einen ganz offenen Schritt gehen und endlich die Wahlfreiheit in ganz Deutschland einführen", sagte Brysch. Dabei dürfe aber die Impfpriorisierung nicht aufgegeben werden. Alte und schwerkranke Menschen müssten weiterhin zuerst geimpft werden.

Die Entscheidung, das Mittel von AstraZeneca hauptsächlich nur noch bei Menschen im Alter von über 60 Jahren zu nutzen, nannte Brysch eine 180-Grad-Wende in vollem Galopp. "Noch vor wenigen Wochen hieß es, AstraZeneca nur nicht bei den Alten, sondern nur bei den Jungen. Und jetzt genau anders. Aber es ist wichtig, die Fakten auf den Tisch zu legen." Nur so könne man Vertrauen wiedergewinnen, so Brysch.

"Gift in Vertrauen"

Der Gesundheitsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Janosch Dahmen, kritisierte vor allem die Krisenkommunikation im Umgang mit AstraZeneca. "Man muss schon feststellen, dass wir in Deutschland ein großes Maß an Verunsicherung mit diesem Impfstoff haben, vor allem auch mit der Krisenkommunikation und Krisenmanagement", sagte er im ARD-Morgenmagazin.

Es habe keinen abgestimmten Prozess nach den Vorfällen mit dem Impfstoff von AstraZeneca gegeben. Stattdessen hätten einige Kliniken dominoeffektartig die Impfungen mit dem Wirkstoff ausgesetzt. "Das ist natürlich Gift in Vertrauen und eine abgestimmte Strategie", sagte Dahmen. "Das untergräbt nicht nur das Vertrauen in einen Impfstoff, sondern vor allem auch in die entsprechenden Zulassungsbehörden in Deutschland und Europa."

Lauterbach: Kaum Auswirkungen auf Impfkampagne

Nach Ansicht des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach überwiegt bei dem Impfstoff von AstraZeneca bei über 60-Jährigen der Nutzen über möglichen Risiken. "Es ist ein sehr guter Impfstoff, den ich weiter empfehlen kann", sagte Lauterbach. Die Entscheidung der Bundesregierung sei aber richtig gewesen. Man müsse auf die neuen Daten reagieren, denn "das ist keine Kleinigkeit, über die wir hier reden". Es mache Sinn, dass man jetzt bei jüngeren Menschen vermehrt den BioNTech-Impfstoff einsetze, sagte der SPD-Politiker. "Es kommt einfach darauf an, den richtigen Impfstoff in der richtigen Gruppe einzusetzen."

Lauterbach geht zudem davon aus, dass die Entscheidung zur Aussetzung der AstraZeneca-Impfungen bei unter 60-Jährigen kaum Auswirkungen auf die Impfkampagne in Deutschland haben wird. "Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen", sagte Lauterbach. "Ich rechne nicht damit, dass wir auf dem Impfstoff sitzen bleiben."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. März 2021 um 22:30 Uhr.

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Moderation 31.03.2021 • 12:29 Uhr

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