Impfstoff von AstraZeneca | dpa

Wegen Thrombose-Risiko Impfungen mit AstraZeneca teils ausgesetzt

Stand: 30.03.2021 16:04 Uhr

Wegen weiterer Thrombose-Fälle haben mehrere Bundesländer Impfungen mit AstraZeneca für Menschen unter 60 Jahren vorerst gestoppt. Gesundheitsminister von Bund und Ländern beraten am Abend über das weitere Vorgehen.

Die Länder Berlin und Brandenburg haben die Impfungen mit AstraZeneca bei Menschen unter 60 Jahren bis auf Weiteres ausgesetzt. Grund dafür ist das Bekanntwerden weiterer Thrombose-Fälle im Zusammenhang mit dem Impfstoff.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci verwies bei der Bekanntgabe der Aussetzungen auf neue Daten über Nebenwirkungen. Sie bezeichnete dies als Vorsichtsmaßnahme. Entsprechende Termine in Impfzentren werden Kalayci zufolge erst einmal abgesagt. Das Land werde nun die Beratungen auf Bundesebene und Stellungnahmen der Fachleute abwarten.

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beraten nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums heute Abend um 18 Uhr über den Einsatz von AstraZeneca. Minister Jens Spahn werde dann einen Vorschlag für das weitere Vorgehen vorlegen, heißt es. Berlins Gesundheitssenatorin Kalayci sagte, die Ständige Impfkommission wolle erneut eine Empfehlung aussprechen. Außerdem werde eine aktuelle Einschätzung des für die Sicherheit von Impfstoffen zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts erwartet.

Berliner Kliniken stoppen AstraZeneca-Impfungen

Zuvor hatte bereits das Universitätsklinikum Charité Impfungen mit dem Covid-19-Vakzin von AstraZeneca für Frauen unter 55 Jahren ausgesetzt. "Dieser Schritt ist aus Sicht der Charité notwendig, da in der Zwischenzeit weitere Hirnvenenthrombosen bei Frauen in Deutschland bekannt geworden sind", erklärte eine Sprecherin. Obwohl in der Charité selbst keine Komplikationen nach Impfungen mit AstraZeneca aufgetreten seien, wolle man eine abschließende Bewertungen abwarten.

Nach RBB-Informationen hatten auch die landeseigenen Vivantes-Krankenhäuser die Impfungen mit dem Präparat von AstraZeneca vorsorglich bei jungen Frauen gestoppt. "Dies betrifft vor allem die eigene Belegschaft", teilte eine Sprecherin mit.

Auch München setzt Impfungen teilweise aus

Auch in München werden bis auf Weiteres keine Menschen unter 60 mehr mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca geimpft. "Aufgrund der aktuellen Entwicklung hat die Stadt entschieden, wie Berlin die Impfungen mit AstraZeneca für Personen unter 60 Jahren vorsorglich auszusetzen, bis die Frage möglicher Impfkomplikationen für diese Personengruppe geklärt ist", teilte ein Sprecher der Stadt mit. Dies betreffe vor allem die geplanten Impfungen im Impfzentrum und im Isar-Klinikum. Die Impfungen in den Alten- und Service-Zentren könnten fortgesetzt werden.

Das Land Brandenburg setzt Corona-Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca für Menschen unter 60 Jahren ebenfalls vorerst aus. Der Stopp gelte ab heute, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Die Entscheidung sei mit dem Impflogistik-Stab abgestimmt worden.

Thüringen will hingegen Impfungen mit dem Vakzin von AstraZeneca vorerst nicht einschränken. Für Thüringen sei bisher keine Klinik bekannt, die das Impfen eingestellt habe, hieß es auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa aus dem Gesundheitsministerium.

Weitere Thrombose-Fälle bekannt

Bislang wurden in Deutschland 31 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfungen mit dem Wirkstoff des schwedisch-britischen Pharmaunternehmens bekannt. Das berichtete das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). In 19 Fällen wurde demnach zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich, wie das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Institut berichtete. Mit Ausnahme von zwei Fällen betrafen laut PEI alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) will angesichts der Nebenwirkungen einem Medienbericht zufolge Corona-Impfungen mit AstraZeneca nur noch für über 60-jährige Frauen und Männer empfehlen. Impfungen mit dem Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers für unter 60-Jährige sollten aber "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoakzeptanz nach sorgfältiger Aufklärung möglich" bleiben, berichtet die "Augsburger Allgemeine"-Zeitung unter Berufung auf einen Beschlussentwurf der Stiko zur Aktualisierung der Covid-19-Impfempfehlung.

Hinsichtlich der zweiten Impfstoffdosis für jüngere Personen, die bereits eine erste AstraZeneca-Dosis erhalten hätten, wolle die Stiko bis Ende April Stellung nehmen. Bis dahin sollten Studien ausgewertet werden, ob eine Zweitimpfung auch mit einem mRNA-Impfstoff wie etwa von Biontech möglich ist.

EMA hatte Sicherheit bekräftigt

Bei einer Sinusvenenthrombose, einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen, handelt es sich um die Verstopfung eines der großen venös‎en Blutgefäße im Gehirn durch ein Blutgerinnsel. In mehreren europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, waren die Impfungen mit AstraZeneca nach Berichten über Fälle von sehr seltenen Blutgerinnseln vorübergehend gestoppt worden. In Deutschland waren vor allem Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren betroffen.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hatte später die Sicherheit des Vakzins bekräftigt, auch die Ständige Impfkommission in Deutschland hatte sich für eine weiteren Einsatz den Mittels ausgesprochen. Die Impfungen mit AstraZeneca wurden wieder aufgenommen.

Zwei Fälle von Nebenwirkungen in NRW

In Nordrhein-Westfalen sprachen sich bereits zuvor die Leiter von fünf der sechs Universitätskliniken für einen vorläufigen Stopp von Impfungen jüngerer Frauen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heißt es in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und den Landesgesundheitsminister, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete.

So hatte der Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen bereits am Montag die Corona-Schutzimpfungen von jungen Frauen mit dem Wirkstoff ausgesetzt. Nachdem eine geimpfte 47-jährige Frau vergangene Woche gestorben war, sei dem Kreis nun der Verdacht auf "eine schwerwiegende Erkrankung" einer 28-Jährigen nach der Impfung mit AstraZeneca gemeldet worden, hieß es. Sie befindet sich nach Angaben des Kreises "in einem stabilen Zustand und wird in einer Spezialklinik versorgt".

Beide Frauen in NRW hatten demnach eine Sinusvenenthrombose erlitten. Alle Daten zu möglichen Nebenwirkungen bei Impfstoffen liefen beim Paul-Ehrlich-Institut und dem Robert Koch-Institut nun zusammen. Nach Informationen des zuständigen Landesministeriums berate die Ständige Impfkommission derzeit, "ob aufgrund der Meldungen der vergangenen zehn Tage eine erneute Anpassung der Impfempfehlung erforderlich ist".

Lauterbach für erneute Impfstoff-Prüfung

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach plädierte dafür, die AstraZeneca-Impfungen für alle Menschen unter 55 Jahren in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen. "Es sollte aufgrund der Datenlage noch einmal geprüft werden, die Impfung mit Astrazeneca auf Menschen über 55 Jahren vorerst zu begrenzen", sagte er der "Rheinischen Post". Er begründete dies mit der Häufung der Verdachtsfälle von Hirnvenenthrombose nach einer Impfung.

Der SPD-Politiker hatte Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich dafür kritisiert, dass dieser nach den ersten Verdachtsfällen die Impfung bis zu einer Prüfung durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA für drei Tage ausgesetzt hatte.

Laut Impfquotenmonitoring des Robert Koch-Instuituts (RKI) wurden bislang etwa 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von AstraZeneca verimpft.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. März 2021 um 14:00 Uhr.