Spritze mit dem AstraZeneca Covid-19-Impfstoff | AFP

Mögliche Nebenwirkungen Paul-Ehrlich-Institut hält an AstraZeneca fest

Stand: 12.03.2021 09:09 Uhr

Einige Länder haben die Verabreichung des Vakzins von AstraZeneca temporär ausgesetzt, um Berichte über Nebenwirkungen zu prüfen. Experten sehen dafür keinen Grund - sie fürchten, der Stopp werde mehr schaden als nützen.

Das für Impfstoffe in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut hält weiter am Corona-Impfstoff von AstraZeneca fest. Bislang gebe es keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit der Corona-Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca "in kausaler Verbindung" stehe, teilte das Institut mit.

Auch Europäische Arzneimittelagentur (EMA) bleibe nach einer ersten Prüfung bei der positiven Bewertung des zugelassenen Impfstoffs von AstraZeneca. "In Übereinstimmung mit der EMA überwiegt aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts der Nutzen der Impfung die bekannten Risiken", erklärte das Institut mit Sitz in Langen.

Stopp des Einsatzes in mehreren Ländern

Dänemark hatte zuvor entschieden, vorübergehend niemanden mehr mit dem Corona-Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens zu impfen. Als Grund wurden Berichte über schwere Fälle von Blutgerinnseln genannt. Dabei wurde auch über einen möglichen Todesfall berichtet. Man könne jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststellen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Vakzin und den Blutgerinnseln bestehe, hieß es. Nach Behördenangaben wird der Stopp zunächst 14 Tage dauern.

Nach der Bekanntgabe in Kopenhagen entschlossen sich auch die Nicht-EU-Länder Norwegen und Island, den Gebrauch des Präparats von AstraZeneca vorübergehend zu stoppen, ebenso Thailand.

EMA vermutet keinen Zusammenhang zwischen Blutgerinnseln und Impfung

Das Paul-Ehrlich-Institut erklärte, in Deutschland seien bis Donnerstag insgesamt elf unterschiedliche Fälle von Gerinnungsstörungen bei etwa 1,2 Millionen Impfungen gemeldet worden. Vier Menschen seien gestorben. Bei der Betrachtung aller derzeit verfügbaren Informationen zu den deutschen und internationalen Meldungen zu Blutgerinnseln nach einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca gebe es "derzeit keinen Hinweis, dass die Impfung diese Erkrankungen verursacht hat". Die aufgetretenen Ereignisse würden aber in enger Zusammenarbeit der EMA mit den europäischen Arzneimittelbehörden weiter untersucht.

EU-weit wurden der EMA bis 10. März nach eigenen Angaben 30 Fälle von "thromboembolischen Ereignissen" bei fast fünf Millionen mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpften Menschen in der EU gemeldet. Dies sei nicht mehr als statistisch zufällig und komme auch ohne Impfung in der Bevölkerung vor, so die EMA.

Dänemark: Stopp ist Vorsichtsmaßnahme

Die dänische Gesundheitsverwaltung sprach mit Blick auf den Stopp des Impfstoffs von AstraZeneca von einer Vorsichtsmaßnahme. Man lehne das AstraZeneca-Vakzin nicht ab, sondern setze die Verabreichung aus. Es sei gut dokumentiert, dass das Mittel sowohl sicher als auch effektiv sei. Man müsse aber auf Berichte zu möglichen ernsten Nebenwirkungen reagieren. Die allermeisten Nebenwirkungen seien milde, etwa Fieber oder Kopfschmerz, schrieb die dänische Arzneimittelbehörde.

AstraZeneca gab sich auf Anfrage zunächst zurückhaltend. Man sei sich der dänischen Entscheidung bewusst, sagte ein Konzernsprecher. "Die Sicherheit des Impfstoffs ist in klinischen Phase-III-Studien ausführlich untersucht worden und die von Experten begutachteten Daten bestätigen, dass der Impfstoff generell gut verträglich ist."

Ähnlich wie Deutschland reagierten auch andere europäische Länder. Europa, Frankreich und Deutschland seien zurzeit der Ansicht, dass es kein übermäßiges Risiko gebe, sagte der französische Gesundheitsminister Oliver Véran. "Wir überwachen, wir beobachten", fügte er hinzu. Auch Österreich sprach sich für die Verwendung des Impfstoffes von AstraZeneca aus. Der Nutzen der zugelassenen und verfügbaren Corona-Schutzimpfungen sei eindeutig belegt, hieß es vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen.

Wegen eines Todesfalls und drei Erkrankten hatte Österreich zuvor vorsorglich die Verwendung nur einer Charge des AstraZeneca-Impfstoffs ausgesetzt, ebenso Estland, Litauen, Luxemburg und Lettland. Insgesamt sei die eine Million Dosen umfassende Charge ABV5300 an 17 EU-Länder geliefert worden, jedoch nicht nach Deutschland, hatte die EU-Zulassungsbehörde EMA bereits am Mittwochabend mitgeteilt. Ob der dänische Todesfall ebenfalls mit der Charge zu tun hat, ist nicht bekannt.

Experten kritisieren AstraZeneca-Impfstopp in Dänemark

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte den dänischen Schritt. "Der Impfstoff hätte aus meiner Sicht auf Grundlage eines Falles in Dänemark nicht gestoppt werden sollen", schrieb er auf Twitter. Die Schädigung des Vertrauens sei immens. Er bleibe dabei, dass der Impfstoff sicher sei. "Ich würde ihn jederzeit nehmen."

Der Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Jena, Mathias Pletz, äußerte sich ähnlich. Ein Aussetzen werde mehr schaden als nützen. Durch das Aussetzen der Impfungen in Dänemark für zunächst zwei Wochen sei es sehr wahrscheinlich, dass nun mehr Menschen an Covid-19 erkranken als ohne diese Entscheidung - und etwa fünf Prozent davon sicher auch schwer. "Die Entscheidung verursacht wahrscheinlich mehr Schaden, als dass sie potenzielle Impfkomplikationen verhindert, von denen wir derzeit nicht einmal wissen, ob es überhaupt Impfkomplikationen sind", sagte Pletz. Das sei eine unangemessene Nutzen-Risiko-Abwägung gewesen.

Weitere Lieferprobleme bei AstraZeneca?

Der Impfstoff von AstraZeneca wird bisher in Deutschland seltener eingesetzt als der von BioNTech/Pfizer. Der jüngste Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zählte bis 26. Februar 363.645 Impfungen mit dem Produkt von AstraZeneca. Dem stehen 5,4 Millionen Impfungen mit dem Präparat von BioNTech/Pfizer gegenüber. Noch seltener sind Impfungen mit dem Präparat von Moderna (168.189 Impfungen).

Offenbar hat AstraZeneca zudem auch weiterhin Lieferprobleme. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet mit Verweis auf ein EU-Dokument, dass das Unternehmen seine Prognose für die Lieferung von Corona-Impfstoffen an die EU im ersten Quartal auf etwa 30 Millionen Dosen gesenkt hat. Das Dokument zeige, dass die Lieferung nur einem Drittel der vertraglichen Verpflichtungen und einem Rückgang von 25 Prozent gegenüber den Zusagen vom vergangenen Monat entspricht. "Es ist an der Zeit, dass der Vorstand von AstraZeneca seine treuhänderische Verantwortung wahrnimmt und jetzt alles Notwendige tut, um die Verpflichtungen von AZ zu erfüllen", schrieb Thierry Breton, EU-Kommissar für Binnenmarkt und Industrie, auf Twitter. AstraZeneca äußerte sich noch nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2021 um 08:00 Uhr.