AstraZeneca Impffläschchen in einem Impfzentrum in Thüringen | dpa
FAQ

Vor EMA-Beratung Welche Folgen die AstraZeneca-Pause hat

Stand: 18.03.2021 08:06 Uhr

Heute will sich die Arzneimittelagentur EMA äußern, ob der Impfstoff von AstraZeneca weiterverwendet werden kann. Schon jetzt ist klar, dass die Unterbrechung Auswirkungen auf die Impfstrategie hat. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Über was entscheidet die EMA heute?

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) berät heute in einer Sondersitzung über die Sicherheit des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca. Erwartet wird, dass die EMA im Anschluss eine abschließende Empfehlung abgibt.

Zuletzt hat die EMA sich zuversichtlich geäußert. Die Vorteile zur Verhinderung von Covid-19 seien größer als das Risiko. Unerwartet kämen Erkrankungen nach einer Impfung nicht, wenn man Millionen Menschen impfe, sagte EMA-Chefin Emer Cooke. Ähnlich äußerte sich auch die WHO. Aber: Sind das Nebenwirkungen oder ist es Zufall? Diese entscheidende Frage prüft die EMA noch.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Frank Bergmann, hält eine Einschränkung der Zulassung für den AstraZeneca-Impfstoff für möglich. Die Experten prüften derzeit, ob es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Verhütungsmitteln, Rauchen und Impfen gebe, sagte Bergmann der "Rheinischen Post". Möglicherweise hätten sich "hier Risiken potenziert". Dann könnte es eine Zulassung mit Einschränkungen geben - "etwa nur für bestimmte Altersgruppen oder beispielsweise ohne gleichzeitige Nutzung der Pille".

Was sind die nächsten Schritte in Deutschland?

Deutschland will sich nach der EMA-Empfehlung richten. Es würden aber zunächst die Ständige Impfkommission (STIKO) und das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) darüber beraten, so das Gesundheitsministerium. Danach entscheide die Bundesregierung, wie künftig mit diesem Vakzin verfahren werde.

Noch sind die Folgen unklar. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten vergangene Woche empfohlen, dass die Hausärzte spätestens in der Woche vom 19. April groß in die Impfkampagne einsteigen. Eine für gestern geplante Telefonschalte zum Impfen sagten Kanzlerin Angela Merkel und die Länder-Regierungschefs ab. Sie soll nun morgen stattfinden.

Heikel werden die Beratungen von Bund und Ländern zu den Corona-Maßnahmen am Montag: Wegen der steigenden Infektionszahlen stehen gerade alle Öffnungsschritte wieder in Frage.

War der vorläufige Impfstopp in Deutschland nötig?

Kritiker sagen: Nein, das zerstört Vertrauen. Grünen- und FDP-Politiker schlugen vor, dass man sich nach einer Risikoaufklärung trotzdem mit AstraZeneca impfen lassen sollte.

Das Bundesgesundheitsministerium verteidigt den Stopp. Gerade diese Vorsicht solle für Vertrauen sorgen. Seit Freitag wurden drei neue Fälle von Hirnvenen-Thrombosen nach einer Impfung gemeldet - also jetzt insgesamt acht. Drei verliefen tödlich. Trotz der hohen Zahl von 1,6 Millionen AstraZeneca-Impfungen sei das "überdurchschnittlich". Für Experten sei ein Zusammenhang mit der Impfung "nicht unplausibel", erklärte das Paul-Ehrlich-Institut. Ohnehin wäre nun eine Impfpause nötig, heißt es aus dem Ministerium.

Wer ist nach der Impfung erkrankt?

Nach bisherigem Kenntnisstand sind das Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren, darunter sechs Frauen. Bei dieser Art von Thrombose kommt es zu einem Verschluss bestimmter Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel. Die Folge: Kopfschmerzen. Zudem können epileptische Anfälle, Lähmungen, Sprachstörungen oder Blutungen an der Haut auftreten.

Gibt es sonst weniger Hirnvenen-Thrombosen?

Ja. Bei 1,6 Millionen Menschen sind in 14 Tagen statistisch gesehen nur 1 bis 1,4 solche Thrombosen zu erwarten. Auch bei Anti-Baby-Pillen sind Thrombosen, auch mit tödlichem Verlauf, bekannt - aber nur als sehr seltene Nebenwirkung. Doch als Argument gegen den Astrazeneca-Stopp will das Gesundheitsministerium das nicht gelten lassen, weil eine Impfung von Gesunden ganz besondere Anforderungen an die Sicherheit stelle.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach zufolge sind die Risiken von Pille und Impfung unterschiedlich. "Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen", sagte er dem Deutschlandfunk.

Was ist mit Menschen, die schon eine AstraZeneca-Impfung haben?

Nur wer vier bis 14 Tage danach anhaltende Kopfschmerzen oder Hautblutungen entwickelt, soll zum Arzt. Impfschutz wiederum gibt es bereits nach der ersten Spritze, wenn auch in abgeschwächter Form. Gegen schwere Verläufe einer Covid-19-Infektion ist man dann schon geschützt - und zwar rund sechs Monate lang. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, für den Fall, dass AstraZeneca nicht mehr zum Einsatz kommen sollte - was aber nicht sehr wahrscheinlich sei - würden für ausstehende Zweitimpfungen auch Lösungen zu finden sein. Wie die aussehen, erläuterte er nicht.

Wie weit sind die Impfungen inzwischen?

Derzeit gibt es dem Ministerium zufolge 244.400 Impfungen pro Tag. Von 12,5 Millionen gelieferten Dosen sind 9,7 Millionen Dosen gespritzt. Mindestens eine erste Impfung haben 8,1 Prozent der deutschen Bevölkerung, beide Impfungen haben 3,5 Prozent. Bis April sollten die Lieferungen von AstraZeneca auf insgesamt 5,6 Millionen Dosen wachsen, die von BioNTech/Pfizer auf zwölf Millionen und die von Moderna auf 1,8 Millionen.

Was bedeutet dies für den Impfplan?

Der AstraZeneca-Impfstoff spielt derzeit eine wichtige Rolle bei den Impfungen. Im Moment solle man vor allem daran denken, "dass wir diese Impfung brauchen", betonte der Charité-Wissenschaftler Christian Drosten im NDR-Podcast Coronavirus-Update. Die epidemiologische Lage sei momentan nicht gut in Deutschland. Die ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 nehme immer mehr Überhand, ihr Anteil betrage inzwischen drei Viertel.

Das Vakzin des US-Konzerns Johnson & Johnson kommt laut Gesundheitsminister Spahn frühestens Mitte/Ende April zum Einsatz. Mit einer Entscheidung über die Zulassung des Präparats von CureVac (Tübingen/Niederlande) sei im Mai oder Juni zu rechnen. Im dritten Quartal könnte dann voraussichtlich geimpft werden, so das Ministerium.

Die Bundesregierung hält aber an ihrem Versprechen fest, dass alle Erwachsenen in Deutschland bis zum Ende des Sommers das Angebot einer Corona-Impfung erhalten soll. Momentan ist laut Gesundheitsminister Spahn rund jeder zehnte Erwachsene geimpft.

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung rechnet für den Fall eines dauerhaften Stopps dem "Handelsblatt" zufolge mit einer Verzögerung um rund einen Monat. Nach ihren bisherigen Modellrechnungen im Auftrag der Regierung könnten mit dem AstraZeneca-Stoff alle bis Ende August zwei Impfungen erhalten haben. Ansonsten würde es Ende September.

Ärzte fordern bereits eine neue Impfstrategie. Bei einer Wiederzulassung von AstraZeneca müsse das Vakzin anders eingesetzt werden als bislang und nur an Ältere verimpft werden, sagte der Chef des Virchowbunds, Dirk Heinrich, dem "Tagesspiegel". "Wir müssen jetzt viel mehr BioNTech für die Jüngeren nehmen."

Heinrich verwies auf neue Studiendaten aus Israel. Diese zeigten, dass der bisher vor allem bei Älteren eingesetzte BioNTech-Impfstoff bei Geimpften auch eine Virusübertragung verhindere. Deshalb müsse BioNTech nun anders eingesetzt werden, sagte Heinrich - und zwar verstärkt für die Bevölkerungsgruppe, die das Virus am ehesten übertrage, etwa Kita-Mitarbeiterinnen, Lehrkräfte sowie medizinisches und pflegendes Personal.

Quellen: dpa/AFP

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 18. März 2021 um 05:38 Uhr.