Ein unterirdischer Gang im Bergwerk Asse.

Atommüll-Lager Asse Löchrig wie ein Schweizer Käse

Stand: 29.03.2018 06:30 Uhr

Deutschland sucht ein Endlager für hochradioaktiven Müll. In der Asse lagern bereits Tausende Tonnen Atom-Abfälle. Dennoch taugt sie nicht als Endlager.

Von Christoph Scheld, ARD-Hauptstadtstudio

Abwärts geht es mit dem Fahrkorb - rasend schnell. Es hat etwas von "Reise zum Mittelpunkt der Erde", der starke Luftzug lässt die Haare im Wind wehen. Annette Parlitz leitet die Besucher heute durch Aufzüge, Schächte und Stollen. Nach einer knappen Minute sind wir unten. "490 Meter unter der Tagesoberfläche", erklärt Parlitz.

126.000 Atommüll-Fässer

Willkommen in der Asse, vielleicht dem Symbol schlechthin für das Scheitern von Atommüll-Lagerung in Deutschland. Verschlossen hinter dicken Betonwänden lagern die berühmten gelben Fässer: 126.000 Stück, voll mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, das meiste aus Kraftwerken und Kernforschung - Filter, Flüssigkeiten, Schrott.

Alles zusammen ergibt zwar nur 0,5 Prozent der Strahlung eines einzigen Castor-Behälters, sagen die Betreiber. Trotzdem ist der Ort dafür ungeeignet. "Die Schachtanlage Asse ist ein altes Bergwerk, das gebaut wurde, um Salz zu produzieren", sagt Manuel Wilmanns von der Asse-Infostelle. "Und der Fehler, der gemacht wurde ist, dass in dieses alte Salzbergwerk radioaktive Abfälle eingebracht worden sind." Denn weil hier jahrzehntelang Salz abgebaut wurde, gibt es zahlreiche Hohlräume, zum Teil mehr als hundert Jahre alt.

Radlader kippt Atommüllfässer in die Schachtanlage Asse | Bildquelle: picture alliance / Schachtanlage
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Viele der 126.000 Fässer wurden damals einfach in die Löcher des ehemaligen Salzstocks gekippt, statt sie ordentlich zu stapeln.

Die Asse ist undicht

"Hoher Durchbauungsgrad" heißt das bei den Fachleuten. Der Laie würde sagen: Die Asse gleicht einem Schweizer Käse. Der ganze Berg sei instabil, erklärt Annette Parlitz: "Wenn Sie sich hierhin umdrehen, sehen Sie einen sechs bis acht Meter mächtigen Salzpfeiler, der hier vertikale Risse hat. Durch die Auflast von vielen hundert Metern Gestein über viele, viele Jahrzehnte, beginnt der Pfeiler aufzublättern wie Blätterteig."

Der instabile Berg führt zu einem weiteren Problem: Die Asse ist undicht. Durch lange Risse dringt Grundwasser ein. Nicht ein paar kleine Rinnsale. Mehr als 12.000 Liter - jeden Tag. Die Befürchtung: Das ganze Bergwerk könnte absaufen, das Wasser radioaktive Stoffe aus den Fässern lösen. In geringem Umfang passiert das heute schon.

Rückholung dauert und kostet

Bevor es schlimmer wird, soll alles raus. Doch es ist offen, wann genau und wohin der Müll soll. Vorgesehen war das nie. Vorbilder wie so etwas geht, gibt es keine. Die Planung für die sogenannte Rückholung läuft seit fünf Jahren. Denn aus heutiger Perspektive erfüllt die Asse keines der Kriterien für ein Endlager. Die Fässer zurückzuholen ist mühsam, dauert lange und kostet viel Geld.

Asse-Mitarbeiter bei der Einlagerung von Fässern mit radioaktovem Müll (Aufnahme vom 14.11.1971) | Bildquelle: picture alliance / Wolfgang Weih
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Besonders akribisch wurde nicht protokolliert, wie viel radioaktiver Müll genau eingelagert wurde.

Eines der Probleme: Am Ende der Einlagerungszeit in den 1970er-Jahren wurden die berühmten gelben Fässer nicht ordentlich aufgereiht, sondern regelrecht in die Kammern gekippt. Die Protokollierung war lückenhaft, sagt Manuel Wilmanns: "Wir stehen vor dem Problem, dass wir nicht genau wissen, welche Abfälle hier eingelagert wurden. Wir können uns nur auf die Dokumente verlassen, die man uns hinterlassen hat. Und diese Dokumente sind sehr problematisch, weil in vielen der Begleitscheinen gar nicht ganz genau steht, was dort drin ist, sondern da steht beispielsweise: 'Zehn bis 100 Gramm Plutonium'. Und dann fragt man sich: Sind es jetzt zehn oder 100 Gramm?"

Beispiel, wie man es nicht macht

Die Rückholung ist also eine Gleichung mit mehreren Unbekannten - und die Asse ein Beispiel, wie man es nicht macht mit der Endlagerung von strahlendem Müll. Der Besuch des Lagers macht ziemlich nachdenklich. Beim Verlassen schließt sich ein gewaltiges, gelbes Stahltor hinter den Besuchern. Wenn unten doch etwas schief geht, soll es die radioaktive Strahlung im Berg halten - hoffentlich.

Die Asse - das undichte Lager
Christoph Scheld, ARD Berlin
28.03.2018 19:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. März 2018 um 12:00 Uhr.

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