Ein Mann geht an einem Wohnblock im Stadtteil Hassel in Gelsenkirchen vorbei. | Bildquelle: dpa

Paritätischer Wohlfahrtsverband Armut auf Höchststand

Stand: 20.11.2020 16:58 Uhr

Laut einem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist die Armut auf den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung gestiegen. Doch es gibt große regionale Unterschiede. Die Corona-Krise dürfte die Probleme verschärfen.

Die Armut in Deutschland ist auf einem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung. Das geht aus dem jährlichen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands hervor. Es basiert auf Daten des Statistischen Bundesamtes zur sogenannten Armutsgefährdungsquote, oft auch einfach Armutsquote genannt. Diese war im vergangenen Jahr auf 15,9 Prozent gestiegen. Das entsprach etwa 13,2 Millionen Betroffenen. Es handele sich um die "größte gemessene Armut seit der Wiedervereinigung", heißt es im Bericht.

Arm ist, wer weniger als 1074 Euro hat

Armut wird in reichen Ländern wie Deutschland nicht über direkte Not wie Hunger oder Obdachlosigkeit gemessen, sondern über das Haushaltseinkommen und die Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe. Die Armutsgefährdungsquote gibt dabei den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Bei einem Einpersonenhaushalt lag diese Grenze in Deutschland im vergangenen Jahr bei 1074 Euro im Monat. Bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2256 Euro.

Ruhrgebiet gilt als Problemregion

Für seinen Armutsbericht hat der Paritätische Wohlfahrtsverband unter anderem untersucht, wie sich Armut regional in Deutschland verteilt. Hier zeigen sich weiterhin deutliche Unterschiede: Im Süden Deutschlands liegen die Regionen mit den niedrigsten Armutsquoten. In München beträgt die Armutsquote demnach 8,7 Prozent; in der Region Oberland (mehrere Landkreise südlich der bayerischen Landeshauptstadt) 9,4 Prozent. Den höchsten Wert gemessen an der Einwohnerzahl gibt es demnach in und um Bremerhaven (26,4) und Bremen (24,5). Als "armutspolitische Problemregion Nummer 1" bezeichnete der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, dennoch das Ruhrgebiet mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und einer Quote von 21,4 Prozent.

"Der einfache Ost-West-Vergleich, die holzschnittartige Gegenüberstellung von neuen und alten Bundesländern, funktioniert 30 Jahre nach der Vereinigung nicht mehr." So zeige Brandenburg mittlerweile eine Armutsquote, die deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liege. Auch Thüringen habe eine Armutsquote unterhalb derer von Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Bremen.

Corona-Hilfen kommen bei den Ärmsten nicht an

Besonders betroffen sind laut Bericht geringfügig Beschäftigte und junge Menschen. Auch Alleinerziehende, Arbeitslose und kinderreiche Familien seien gefährdet. Bei der Gruppe erwachsener Armer sind demnach 33 Prozent erwerbstätig und knapp 30 Prozent in Rente.

Die weiterhin deutlichen regionalen Unterschiede könnten durch die Corona-Krise anwachsen. Der Verband forderte daher eine Anhebung finanzieller Unterstützungsleistungen für arme Menschen. "Eine zunehmende Zahl von Erwerbslosen stößt auf ein soziales Sicherungssystem, das bereits vor Corona nicht vor Armut schützte und dessen Schwächen nun noch deutlicher zutage treten", sagte Schneider. Mit der Mehrwertsteuersenkung im Konjunkturpaket gegen die Corona-Krise seien 20 Milliarden Euro "sprichwörtlich verpulvert" worden. In dem Paket sei aber "kein Cent" für die Armen zu finden. Er sprach sich unter anderem für eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze und die Einführung einer Kindergrundsicherung aus.

FDP: Weiterbildung statt Sozialleistungen

Linke und Grüne fordern eine zentrale Zusammenführung aller Sozialleistungen für Kinder. Linken-Chefin Katja Kipping warf der Bundesregierung vor, sie versage - wie die vorherigen Regierungen - bei der Armutsbekämpfung "auf der ganzen Linie".

Gegen höhere Sozialleistungen sprach sich der sozialpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober, aus. Soziale Probleme löse man nicht mit zusätzlichen Transfers. Er forderte stattdessen bessere Weiterbildungsangebote, nachhaltig helfe nur Qualifizierung. "Auch wenn das länger dauert, ist es besser, als in der Abhängigkeit vom Sozialstaat verharren zu müssen", sagte Kober.

Über dieses Thema berichteten am 20. November 2020 Deutschlandfunk um 13:00 Uhr und NDR Info um 15:15 Uhr in den Nachrichten.

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