Polizisten führen einen verdächtigen Mann nach einer Razzia gegen kriminelle Mitglieder arabischer Großfamilien in Berlin ab. | Bildquelle: dpa

Ermittlungen gegen Großfamilien Kampf gegen kriminelle Clan-Szene

Stand: 30.01.2019 16:39 Uhr

Raub, Drogenhandel oder Rotlichtmilieu - vor allem in Nordrhein-Westfalen kämpft die Polizei gegen Kriminelle in arabischen Clans. Doch einige fühlen sich zu Unrecht beschuldigt.

Von Nina Ostersehlte, WDR

"Aggressiv ist der Modus, der uns antreibt. Richter im Visier. Ihr seid nicht so wie wir. Habe Rücken wie Gorilla." In einem spärlich beleuchteten Essener Tonstudio rappt sich der Musiker Ghazi die Wut aus dem Leib.

Er ist frustriert über die aktuelle Berichterstattung über arabische Großfamilien. Auch er hat libanesische Wurzeln, kokettiert in seinen Musikvideos mit Clan-Verbindungen, Gewalt und Drogenkriminalität. Er bediene nur das Klischee, das die Medien und die Polizei ihm auferlegen: "Man versucht, uns in eine Schublade zu stecken. Nur weil einer kriminell ist, sind nicht alle kriminell."

Der Rapper Bushido (r) posiert mit Arafat Abou-Chaker am 3.2.2010 bei der Premiere des Films "Zeiten ändern Dich" in Berlin. | Bildquelle: picture alliance / Eventpress Sc
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Rapper Bushido mit einem der bekanntesten Clan-Chefs in Deutschland, Arafat Abou-Chaker.

Rapper Bushido und seine Clanverbindungen

Das Clan-Thema geht über das Essener Tonstudio hinaus, über Berlin bis in die Medien. Erfolgsserien wie "4Blocks" oder "Dogs Of Berlin" finden viele Zuschauer. Und es ist der bundesweit bekannte Rapper Bushido, der mit seinen Clanverbindungen immer wieder in der Presse auftaucht. Nachdem sich der Musiker von seinem ehemaligen Geschäftspartner, einem der bekanntesten Clan-Chefs in Deutschland, Arafat Abou-Chaker, getrennt hat, soll dieser versucht haben, Bushidos Kinder zu entführen. Nun soll ein anderer Clan, der Remmo-Clan, Bushido Schutz geben.

Aber auch durch spektakuläre Raubüberfälle auf das Berliner KaDeWe oder den Raub einer schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum, schaffen es Clans immer wieder in die Presse.

Organisierte Kriminalität

Abseits der Musikszene und Boulevardpresse geht es um konkrete Fälle der Organisierten Kriminalität. 2017 wurden laut Bundeskriminalamt bundesweit 39 Verfahren im Bereich Organisierte Kriminalität geführt, die Bezüge zu arabischen und türkischen Clans hatten. In Essen kam es 2018 zu 15 Ermittlungsverfahren im Bereich der Clan-Kriminalität. Dabei kam es alleine in der Ruhrmetropole zu einer Vermögensabschöpfung von insgesamt 800.000 Euro.

Einsatzkräfte stehen vor einem Kiosk im Stadtteil Neukölln. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Razzien gegen kriminelle Clans in ganz Deutschland.

Großangelegte Razzien in NRW

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul hat daher eine "Null-Toleranz-Strategie" gegenüber Clankriminalität ausgerufen. Seit Wochen gehen Sicherheits- und Ordnungsbehörden mit großangelegten Razzien gegen kriminelle Strukturen innerhalb arabischer Großfamilien vor. Alleine in Essen gab es laut neuster Zahlen der Polizei Essen im Januar 2019 320 Durchsuchungen, unter anderem bei der größten Razzien gegen Clan-Kriminalität in der Geschichte Nordrhein-Westfalens Anfang des Monats. Hierbei wurden 14 Verdächtige festgenommen, unversteuerter Tabak, Messer und Schlagstöcke sichergestellt.

Der Kriminologe Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum kritisiert die Aktion. "Generell seien solche Großrazzien eher eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme als eine angemessene kriminalpolizeiliche Maßnahme", sagt Feltes.

Dennoch rütteln diese "Nadelstiche" die Szene auf, meint Thomas Rüth, Sozialarbeiter der AWO Essen, der seit Jahrzehnten mit der Community arbeitet. "Die Leute werden nervös. Wir scheuchen da Strukturen auf. Ich erlebe, dass das viel Unruhe in die Großfamilien bringt." Er warnt aber ebenfalls davor, alle Mitglieder arabischer Großfamilien unter Generalverdacht zu stellen. Nicht jeder, der zu einem Clan gehöre, werde auch gleich kriminell.

Clan-Kriminalität in Nordrhein-Westfalen

Auf das Konto von Clan-Kriminalität in Nordrhein-Westfalen gehen laut LKA-Experten jedes Jahr Tausende Straftaten. Zwischen 2016 und 2018 seien 14.225 Delikte erfasst worden, die meisten im Bereich der Gewalt-Kriminalität Auf Platz zwei folgten Eigentums- und Betrugsdelikte sowie Drogen-Straftaten. Hinzu komme eine sehr hohe Dunkelziffer. Man habe zwischen 2016 und 2018 in NRW 6449 Tatverdächtige ausgemacht, bei jeder fünften Person handelte es sich um eine Frau.
Kriminelle Mitglieder solcher Familienclans lebten vor allem im Ruhrgebiet, allein 1271 Tatverdächtige in Essen, viele auch in Recklinghausen, Gelsenkirchen, Duisburg, Dortmund und Bochum. Das "Territorium" werde "sehr offen und sehr aggressiv" reklamiert und verteidigt. Polizei und städtische Ordnungskräfte würden als Eindringlinge gesehen.
Bundesweit sollen arabischstämmige Clans Tausende kriminelle Mitglieder haben. Als Hotspots gelten das Ruhrgebiet vor allem mit Essen, aber auch Berlin und Bremen.

Problem Integration

Die Mitglieder arabischer Großfamilien sind in den 1980er-Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen. Sie haben arabische, kurdische, türkische und libanesische Wurzeln. Bis Ende der Neunziger kamen laut Schätzungen bis zu 200.000 Menschen in die Bundesrepublik.

Herbert Reul (CDU), Innenminister in Nordrhein-Westfalen, beantwortet in Bottrop Fragen von Journalisten. | Bildquelle: dpa
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Herbert Reul (CDU), Innenminister in Nordrhein-Westfalen, fährt eine "Null-Toleranz-Strategie".

In der Vergangenheit seien damals viele Fehler gemacht worden, so Nordrhein-Westfalens Innenminister Reul: "Die Menschen wurden nicht integriert, erhielten Duldungen, der Zugang zum Arbeitsmarkt wurde ihnen zunächst verwehrt." So seien Parallelwelten entstanden.

Der Essener Rapper Ghazi kritisiert die misslungene Integration: "Wir sind gekommen als Flüchtlinge, als Kriegsflüchtlinge. Wir wurden in Randbezirke geschoben, ausgegrenzt. Wo soll ich mich da integrieren?"

Duldungsstatus wird weitervererbt

Diese Situation hat sich für die Betroffenen noch nicht verbessert, denn der Duldungsstatus wird an ihre Kinder weitervererbt. Bereits in dritter Generation sind die Menschen mit libanesischer Einwanderungsgeschichte nur geduldet, obwohl sie in Deutschland geboren wurden. In Essen zum Beispiel leben derzeit 1000 dieser Menschen mit unsicherer Bleibeperspektive.

Experten sind sich daher sicher: Das Problem kann nicht allein von polizeilicher Seite aus gelöst werden. Die Themen Duldung, Perspektivlosigkeit, Integration müssen ebenfalls angegangen werden. Das brauche Zeit, meint Rüth von der AWO. Das Thema sei leider auch keines, womit man schnelle Erfolge erzielen könne, sondern das seien Strategien, die mindestens zehn Jahre dauern würden.

Ebenfalls sollen mehr Informationen über Clankriminalität gesammelt werden. Im Mai wird das BKA in ihrem Bundeslagebild zur Organisierten Kriminalität erstmalig auch auf "Kriminelle Mitglieder von Großfamilien ethnisch abgeschotteter Subkulturen" schauen.

Über dieses Thema berichtete WDR Extra im Themenabend am 30. Januar 2019 um 20:15 Uhr.

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