Modell einer Krebszelle | Bildquelle: obs

AOK-Qualitätsmonitor Todesfälle durch "Gelegenheits-Chirurgie"

Stand: 23.11.2017 15:15 Uhr

Viele Krebspatienten sterben zu früh, weil sie einer AOK-Studie zufolge in Kliniken mit zu wenig Erfahrung bei komplizierten Operationen behandelt werden. Der AOK-Bundesverband fordert nun Konsequenzen

Von Volker Schaffranke, ARD- Hauptstadtstudio

Es klingt eigentlich ganz einfach, ist aber im deutschen Gesundheitssystem dann doch wieder einmal kompliziert. Viele Patienten sterben zu früh, weil sie in Kliniken mit zu wenig Erfahrung bei komplizierten Krebsoperationen behandelt werden. Der Umkehrschluss klingt dann noch dramatischer: Viele Todesfälle wären vermeidbar, gäbe es nicht eine sogenannte Gelegenheitschirurgie bei Krebs-OPs. So beschreibt das zumindest der neueste AOK-Qualitätsmonitor.

Deutlich macht das Thomas Mansky, einer der Autoren der Krankenkasse-Studie am Beispiel von Lungenkrebs-Behandlungen: Nach neuesten Untersuchungen wird ein Fünftel der Patienten in insgesamt 260 Kliniken behandelt, die im Durchschnitt nur fünf dieser Operationen pro Jahr durchführen: "Es gibt in Deutschland immer noch viel zu viele Kliniken, die komplizierte Krebsoperationen nur hin und wieder durchführen."

Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich auch bei Operationen bei Blasen- oder Darmkrebs. Und auch bei der Behandlung von Bauchspeicheldrüsen-Krebs fehlt in vielen Kliniken gut geschultes Personal und die Erfahrung. "322 Kliniken in Deutschland machen das im Mittel drei Mal im Jahr. Das kann man nicht können, wenn man das nur in so kleiner Stückzahl macht."

OP-Mindestmengen gesetzlich festlegen

Die für eine adäquate Gesamtbetreuung notwendige Spezialisierung ist meist nicht vorhanden, lautet das Fazit von Mansky: "Das können Sie über alle diese Krankheitsraten, die wir untersucht haben, zusammenrechnen. Dann können Sie das mal mit der Zahl der Verkehrstoten vergleichen und Sie kommen zu dem Schluss: In der Medizin könnte man noch einiges tun. Ganz Deutschland ist ja mit Leitplanken bewährt, in der Medizin fehlt es an solchen Leitplanken."

Eine zentrale Forderung der AOK: Mehr gesetzlich festgesetzte OP-Mindestmengen. Die gibt es bei komplizierten Lungenkrebserkrankungen bisher noch nicht, im Fall von Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs will die AOK sich für eine Erhöhung der bestehenden Mindestmengen einsetzen. AOK-Vorstandschef Martin Litsch geht sogar noch einen Schritt weiter: "Dass wir dafür sorgen, dass in diesen Krankenhausabteilungen, die die Mindestmengen nicht erfüllen, auch keine Eingriffe mehr durchgeführt werden."

Qualitätssiegel für Lungenkrebszentren

Die Deutsche Krebsgesellschaft unterstützt die Einführung neuer Mindestmengen. Bundesweit hat die Organisation bereits 49 Lungenkrebszentren zertifiziert. Ein Qualitätssiegel bekommt nur die Klinik, die die Häufigkeit der Eingriffe nachweisen kann. Vor- und Nachsorge werden ebenfalls begutachtet, so Simone Wesselmann von der Deutschen Krebsgesellschaft: "Mit dem Siegel können wir für die Patienten sicherstellen, dass wenn Sie in einem entsprechenden Zentrum behandelt werden, die Qualität transparent ist und vor allem hohe Qualitätsstandards erfüllt werden."

Patienten oder Angehörige sollten sich also vor einer Krebs-OP unbedingt bei ihrer Krankenkasse oder der Deutschen Krebsgesellschaft informieren.

"Gelegenheits-Chirugie" kostet Leben
Volker Schaffranke, ARD Berlin
23.11.2017 14:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. November 2017 um 14:50 Uhr.

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