Bei grauem Himmel und stürmischem Winterwetter beobachtet ein Spaziergänger in Travemünde das Einlaufen einer Fähre. (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa

Antiterrorübung GSG 9 übt für den Ernstfall auf See

Stand: 19.10.2020 13:33 Uhr

Vor Travemünde probt die Eliteeinheit GSG 9 den Antiterror-Einsatz auf See. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios wird drei Tage lang auf der Ostsee für den Ernstfall an Bord eines Passagierschiffes trainiert.

Von Michael Götschenberg, ARD-Terrorismusexperte

Es ist ein Szenario, von dem alle hoffen, dass es niemals eintritt. Dennoch will man darauf vorbereitet sein: Bewaffnete Terroristen verüben einen Anschlag auf eine Fähre, nehmen Geiseln - und das auf See. "Eine Ausgangslage wie diese stellt Einsatzkräfte vor ganz besonders schwierige Herausforderungen", erklärt Olaf Lindner gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio.

Lindner ist Chef der Bundespolizei Direktion 11 und damit zuständig bei Einsätzen in Terrorlagen. 2009 wurde die GSG 9 ans Horn von Afrika geschickt, nachdem die "Hansa Stavanger", ein deutsches Frachtschiff, samt Besatzung vor der somalischen Küste von Piraten entführt worden war. Lindner war damals Kommandeur der GSG9. Der Einsatz wurde am Ende abgeblasen, weil die Lage in Berlin als zu unübersichtlich eingeschätzt wurde.

In der Übung mit Namen "Racoon" ("Waschbär") geht es um einen Einsatz vor der deutschen Ostseeküste. Doch auch hier gilt: Bis die Einsatzkräfte überhaupt in die Nähe des Schiffes gelangen, vergeht erst einmal Zeit. Womöglich kommen schwierige Wetterbedingungen dazu, eine Annäherung an das Schiff bleibt außerdem nicht unbemerkt, schließlich müssen die Einsatzkräfte auf das Schiff gelangen und die Lage an Bord lösen, ohne zu wissen, was genau sie dort erwartet.

Genau das will die Bundespolizei im Zusammenspiel mit anderen Akteuren ab heute drei Tage lang trainieren. Die fiktive Terrorlage wird an Bord der Fähre "Nils Holgerson" auf See vor Travemünde stattfinden und einen Einsatz der GSG9, der Spezialeinheit der Bundespolizei, auslösen. "Echte" Passagiere sind dabei natürlich nicht an Bord.

Beamte der Eliteeinheit GSG 9 der Bundespolizei | Bildquelle: dpa
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Die GSG 9 ist die Spezialeinheit der Bundespolizei. Bei der Übung soll die Einheit die Geiseln befreien und die Attentäter unschädlich machen.

Viele Beteiligte sind involviert

Trainiert wird nicht nur der eigentliche Zugriff durch eine Einsatzeinheit der GSG 9, die an Bord des Schiffes gelangen, Geiseln befreien und die Attentäter unschädlich machen muss. Sondern auch die Zusammenarbeit mit vielen anderen Beteiligten.

Es werden Hubschrauber der Fliegergruppe der Bundespolizei zum Einsatz kommen, ein neues Einsatzschiff, auf dem ein Hubschrauber landen und das außerdem die Einsatzboote der GSG 9 zum Ort des Geschehens transportieren kann. Aber auch die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg, das zum Bundesverkehrsministerium gehört und die maßgebliche Schnittstelle zwischen Polizei, Reedern und Hafenbetreibern ist, wird geübt.

Kommunikation ist entscheidend

Entscheidend ist dabei nicht zuletzt, dass die Kommunikation zwischen allen Beteiligten funktioniert. Kommt es zu einem schwerwiegenden Sicherheitsproblem an Bord eines großen Fracht- oder Passagierschiffes, kann der Kapitän mit Hilfe eines Alarmknopfes den sogenannten ISPS-Code auslösen und damit das Maritime Sicherheitszentrum in Cuxhaven alarmieren. Das wiederum leitet die Meldung an die Polizei, an das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie an weitere Behörden weiter.

Befindet sich das Schiff noch in Küstengewässern, ist zunächst die Landespolizei zuständig, außerhalb von Küstengewässern die Bundespolizei. Wird die Eliteeinheit GSG 9 mit der Lösung der Lage beauftragt, muss sie eine Einsatzeinheit von St. Augustin bei Bonn sowie ihre Einsatzboote an die Küste verlegen, was Zeit braucht.

Braucht die GSG 9 einen weiteren Standort an der Küste?

In Sicherheitskreisen wird deshalb auch die Frage gestellt, ob die GSG 9 neben ihrem neuen, zusätzlichen Standort in Berlin tatsächlich einen weiteren Standort an der Küste braucht, um besser für Einsätze auf See vor der deutschen Küste gerüstet zu sein. Die Einheit für die Hauptstadt ist seit einigen Wochen voll einsatzfähig.

Dass die Übung überhaupt stattfindet, ist alles andere als selbstverständlich. Bis zuletzt war überlegt worden, ob sie insgesamt aufgrund der wieder steigenden Gefährdung durch die Corona-Pandemie abgesagt werden muss. "Wir haben uns am Ende aber bewusst dafür entschieden", sagt Karin Kammann-Klippstein, Präsidentin des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie dem ARD-Hauptstadtstudio, "weil wir auch in Pandemiezeiten darauf vorbereitet sein müssen, in derartigen Gefahrenlagen den bestmöglichen Schutz der Betroffenen zu bieten".

Keine konkrete terroristische Bedrohung

Hinweise auf eine konkrete terroristische Bedrohung, so heißt es ausdrücklich, gebe es nicht. Insgesamt hat die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus in der letzten Zeit in Deutschland deutlich nachgelassen. Das könne sich aber auch wieder ändern, heißt es in Sicherheitskreisen. Aktuell jedoch steht die Bedrohung durch den Rechtsextremismus eindeutig im Vordergrund.

Im Ergebnis wurde das Programm für die Antiterrorübung auf See schließlich deutlich abgespeckt: Die Übung findet ohne politisches Rahmenprogramm statt, auch Journalisten können nicht vor Ort dabei sein und berichten.

Antiterror-Übung vor der Küste bei Travemünde
Michael Götschenberg, ARD Berlin
19.10.2020 06:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2020 um 09:00 Uhr.

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Michael Götschenberg, RBB

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