Kippa | Bildquelle: dpa

Juden in Deutschland Beschimpft, bedroht, zum Sündenbock gemacht

Stand: 18.07.2020 11:37 Uhr

In den vergangenen zwei Jahren haben antisemitische Straftaten immens zugenommen. Der Zentralrat der Juden, der in diesen Tagen sein 70-jähriges Bestehen feiert, fordert härtere Strafen.

Von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Der Anschlag von Halle ist neun Monate her. Am höchsten jüdischen Feiertag - Jom Kippur - hatte der Rechtsextremist Stephan B. versucht, eine Synagoge zu stürmen. Er wollte einen Massenmord begehen.

Insgesamt 2032 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund hatte es 2019 gegeben - 17 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. "Das ist eine Schande für unser Land", sagt dazu Innenminister Horst Seehofer. "Diese Straftaten waren fast ausschließlich rechtsextremistisch motiviert." Laut dem Verfassungsschutzbericht, den Seehofer vor einer Woche vorgestellt hatte, gab es im vergangenen Jahr 73 Gewalttaten gegen Juden. Sieben Täter wurden festgenommen, zwei mussten ins Gefängnis.

Häufig zu lasche Strafen

Der Zentralrat der Juden kritisiert die häufig zu laschen Strafen. Präsident Josef Schuster glaubt, dass die Urteile oft so milde seien, dass sie die Täter nicht abschrecken.

Marina Chernivsky leitet den Verein OFEK e.V., der Opfer antisemitischer Gewalt berät. Sie sagt, die meisten Taten würden gar nicht erst angezeigt. "Die Betroffenen haben nicht immer den Mut, zur Polizei zu gehen. Oft sind sie nicht davon überzeugt, dass die Anzeige ihnen helfen wird und das, was sie erlebt haben, überhaupt strafbar ist." Dabei sei viel mehr strafbar, als die meisten glaubten. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden vom Bundeskriminalamt 287 antisemitische Straftaten verzeichnet, fünf Juden wurden dabei körperlich verletzt.

Antisemitismus-Zunahme durch Corona

"Ungeimpft" steht auf dem einem David-Stern nachempfundenen Sticker am Arm eines Mannes, der versucht hatte, sich unter die Teilnehmer einer Demonstration zu mischen, die sich auch gegen Verschwörungstheorien zum Corona-Virus wendet. (Archiv) | Bildquelle: dpa
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"Ungeimpft" stand auf gelben David-Sternen, die Verschwörungsideologen auf Demonstrationen trugen.

Eine Studie der Universität Tel Aviv zeigt, dass Antisemitismus während der Corona-Pandemie weltweit zugenommen hat. In Deutschland haben Verschwörungsideologen auf Demonstrationen gelbe David-Sterne getragen, auf denen "ungeimpft" stand. Juden wurden zu Sündenböcken gemacht, es wurde behauptet, sie wollten sich an der Pandemie finanziell bereichern oder seien sogar für sie verantwortlich.

Der Verschwörungstheoretiker und Koch Attila Hildmann griff auch den Grünen-Politiker Volker Beck an und drohte ihm, ihn umzubringen. Beck wundert sich, wie viele Menschen ihm Gehör schenken und an seine kruden Thesen glauben: "Das fand ich erschütternd. Das zeigt auch, wie viel Antisemitismus in unserem kulturellen Gepäck präsent ist und dass wir in den Schulen noch nicht genug gemacht haben."

Aus Worten werden immer häufiger Taten

Die Politik fordere immer Polizisten und Lehrer auf, gegen Antisemitismus vorzugehen. Das Problem ist laut Beck, dass sie oft gar nicht dazu fähig sind. Sie müssten erst einmal lernen, was Antisemitismus alles ist. Auch Chernivsky sagt, es müsse mehr passieren. Sporadische Projekte in Schulen würden wenig bringen.

Einig sind sich alle, dass aus antisemitischen Worten immer häufiger auch Taten werden. Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang macht vor allem die Neuen Rechten dafür verantwortlich, wie die Junge Alternative und den "Flügel". Aber auch rechtsextreme Vereine seien auf dem Vormarsch. "Hier gibt es einen unverhohlenen Antisemitismus, den wir in Deutschland mit aller Kraft bekämpfen müssen", so Haldenwang.

Volker Beck sagt, Rechtsextreme fühlten sich wie Helden, wenn sie Juden angreifen, auch weil sie sich durch Äußerungen aus der Mitte der Gesellschaft bekräftigt fühlten. Dabei sei es die Mitte, die keinen Rassismus zulassen dürfe.

Antisemitische Übergriffe der letzten Monate
Isabel Reifenrath, ARD Berlin
18.07.2020 10:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2020 um 07:42 Uhr.

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