Junge mit Kippa  | Bildquelle: dpa

Umfrage in EU Antisemitismus als Teil des Alltags

Stand: 10.12.2018 17:28 Uhr

Juden werden in Deutschland deutlich häufiger angefeindet als in anderen EU-Staaten. Eine Umfrage zeigt auch: In vielen EU-Staaten nehmen Anfeindungen zu.

In Deutschland fühlen sich Juden häufig antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt - wesentlich öfter als in anderen EU-Staaten. In einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur in zwölf EU-Ländern gaben 41 Prozent der Befragten in Deutschland an, im zurückliegenden Jahr Opfer einer Belästigung geworden zu sein, die gegen sie als Juden gerichtet war. Im Durchschnitt lag der Wert bei 28 Prozent.

In den vergangenen fünf Jahren lag die Zahl sogar bei 52 Prozent für Deutschland und in den zwölf EU-Ländern im Durchschnitt bei 39 Prozent. Die Ergebnisse beruhen auf einer Online-Umfrage im Mai und Juni diesen Jahres, an der rund 16.400 Menschen teilgenommen hatten, die sich selbst als jüdisch identifizierten, 1233 davon aus Deutschland.

Anfeindungen wegen Kippa

Der Studie zufolge verzichteten 75 Prozent in Deutschland auf das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit, wie etwa der Kippa. 46 Prozent vermeiden es, "gewisse Gegenden aufzusuchen". Anfeindungen bestanden den Befragten zufolge meist aus persönlichen Beleidigungen, und Drohungen.

Ein großer Teil der Befragten äußerte sich zudem besorgt über zunehmenden Antisemitismus im Internet. Unternehmen wie Facebook, Youtube und Instagram verpflichteten sich daraufhin in einem Verhaltenskodex, als illegale Hassrede gemeldete Inhalte in weniger als 24 Stunden zu überprüfen und gegebenenfalls zu löschen.

Zentralrat der Juden: Ergebnisse müssen wachrütteln

Die für Deutschland vorliegenden Ergebnisse der Studie seien "zutiefst besorgniserregend", so der Zentralrat der Juden. Sie ergänzten zudem das Bild der Polizeilichen Kriminalstatistik. Der zufolge sind mehr als 90 Prozent der antisemitischen Straftaten rechts motiviert. Der Erhebung zufolge sind aber auch Menschen mit extremer muslimischer Einstellung sowie Menschen aus der eher linken Szene unter den Tätern.

Zentralratspräsident Josef Schuster warnte: "Antisemitismus als Normalfall - das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen". Die EU-Staaten müssten sich viel stärker dagegen engagieren.

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Immer mehr Juden sehen sich antisemitistischen Angriffen ausgesetzt.

Vorfälle werden kaum zur Anzeige gebracht

80 Prozent der Befragten gingen nach solchen Erlebnissen weder zur Polizei noch zu anderen Institutionen oder Organisationen. Grund dafür sei oft der fehlende Glaube, dass sich durch die Anzeige etwas ändern würde, heißt es. Oftmals würden die Erlebnisse auch nicht als bedeutsam genug empfunden, um sie zu melden.

Insgesamt sprechen laut der Erhebung 63 Prozent der in den zwölf EU-Ländern Befragten von einer deutlichen Zunahme des Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren. 23 Prozent sprachen von einer leichten Verstärkung. 43 Prozent bezeichneten Antisemitismus als ein "sehr großes Problem".

"Jüdische Gemeinschaft muss sich sicher fühlen können"

Angesichts der Zahlen zeigte sich der erste Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermanns, tief besorgt. Es gebe kein Europa, falls sich Juden in Europa nicht sicher fühlten. Dies sei Verantwortung aller staatlichen Stellen, egal ob auf europäischer, nationaler, regionaler oder lokaler Ebene.

Die stellvertretende Regierungssprecherin, Ulrike Demmer, sagte mit Blick auf die Studie: "Es ist der Bundesregierung natürlich ein besonderes Anliegen, dass sich jüdisches Leben in Deutschland frei und sicher entfalten kann und weiter gestärkt wird". Die Erinnerung an den Holocaust mahne zur Verteidigung der Werte der Demokratie. Dazu gehöre, dass Juden in Deutschland sicher leben können.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. Dezember 2018 um 16:45 Uhr.

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