Ein Mann trägt eine Kippa auf dem Hinterkopf. | Bildquelle: dpa

Erster RIAS-Bericht Mehr als 1200 antisemitische Vorfälle erfasst

Stand: 06.05.2020 16:07 Uhr

Die Meldestelle RIAS hat im vergangenen Jahr mehr als 1200 antisemitische Vorfälle erfasst - in vier Bundesländern allein. Die Corona-Krise beobachtet der Verband mit Sorge: Verschwörungstheorien erhielten zunehmend Auftrieb.

Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) hat in seinem ersten Jahresbericht insgesamt 1253 antisemitische Vorfälle für 2019 dokumentiert. Darin eingeflossen sind die Zahlen aus den Bundesländern Berlin (881), Brandenburg (138), Bayern (178) und Schleswig-Holstein (56), wie der Geschäftsführer des RIAS-Bundesverbandes, Benjamin Steinitz, mitteilte. In Berlin ist RIAS schon länger aktiv und bekannt, daher gehen dort deutlich mehr Meldungen von Betroffenen ein als in den anderen Ländern.

Aus den restlichen zwölf Bundesländern seien die Daten weniger aussagekräftig, da dort 2019 noch keine eigenständigen Meldestellen existierten. Für das übrige Bundesgebiet erreichten im vergangenen Jahr insgesamt nur 200 Meldungen den Bundesverband. "Es ist klar, dass wir von einem sehr großen Dunkelfeld nicht angezeigter Vorfälle ausgehen müssen", betonte Steinitz.

Antisemitische Symbole bei Corona-Demonstrationen

Durch die Corona-Krise erhalten antisemitische Verschwörungstheorien und Stereotype nach Einschätzung der Meldestelle zunehmend Auftrieb. Vorurteile und Anfeindungen würden inzwischen nicht nur im Internet verbreitet, sondern sichtbar in der Öffentlichkeit verkündet, etwa bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen.

So seien bei den sogenannten Hygienedemos in Berlin oder ähnlichen Protesten in anderen Bundesländern mehrfach Schutzmasken mit gelbem Stern aufgetaucht, in dessen Mitte "Impfgegner" oder "ungeimpft" stand. In Bayern hätten Demonstranten zum Beispiel Schilder mit der Aufschrift "Ausgangsbeschränkungen sind sozialer Holocaust" gezeigt.

Die aktuelle Entwicklung sei "sehr erschreckend", sagte der Leiter der Landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus Schleswig-Holstein, Joshua Vogel. Sie betreffe nicht nur Anhänger des rechtsextremen Spektrums, sondern reiche bis in die Mitte der Gesellschaft.

Potenziell tödliche Bedrohung

Die öffentliche Wahrnehmung von Antisemitismus sei 2019 stark geprägt gewesen durch den rechtsextremen Terroranschlag auf die Synagoge in Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, sagte Steinitz. Doch auch in anderen Regionen habe es Fälle extremer Gewalt gegeben, so etwa gegen eine Jüdin in Bayern. In Berlin habe zudem ein Mann versucht, mit einem Messer in eine Synagoge einzudringen. Die Vorfälle zeigten, dass von antisemitischen Tätern eine potenziell tödliche Bedrohung ausgeht, betonte der RIAS-Bundesverband.

Laut dem Bericht nimmt Judenfeindlichkeit häufig Bezug auf die Schoah. Zudem werden Juden häufig als nicht dazugehörend markiert. In allen Bundesländern sei der politische Hintergrund in fast der Hälfte der Fälle nicht eindeutig bestimmbar gewesen. Das sei ein Hinweis darauf, dass Antisemitismus auch in nicht explizit politischen Milieus weit verbreitet sei und einzelne Stereotype von unterschiedlichen politischen Spektren verwendet werden, erklärte der Verband.

Weitere Meldestellen noch im Aufbau

Seit Februar 2019 initiiert und unterstützt der RIAS-Bundesverband den Aufbau regionaler Melde- und Unterstützungsnetzwerke in verschiedenen Bundesländern. Vorbild ist die RIAS Berlin, die bereits seit 2015 besteht.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein sagte, die Arbeit von RIAS trage entscheidend dazu bei, das Phänomen des Antisemitismus in der Gesellschaft sichtbarer zu machen. Er würde es daher sehr begrüßen, wenn möglichst rasch in allen Bundesländern entsprechende Strukturen geschaffen würden. RIAS-Geschäftsführer Steinitz hofft, dass bis Ende des Jahres mehr als die Hälfte der Länder dabei sind.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Mai 2020 um 11:44 Uhr.

Darstellung: