Teilnehmer am jüdischen Lichtfest in Frankfurt am Main | Bildquelle: dpa

Antisemitismus in Deutschland Die Vermessung des Hasses

Stand: 21.12.2017 14:32 Uhr

Wie weit verbreitet ist der Antisemitismus in Deutschland? Und wächst die Zahl der Straftaten? Offizielle Zahlen geben nur bedingt Aufschluss. Klar ist: Viele Juden fühlen sich bedroht - und zwar von verschiedenen Seiten.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

In Deutschland sei kein Platz für Antisemitismus - insbesondere wegen der deutschen Verbrechen gegen Juden. Das ist ein Satz, den man in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder hören und lesen konnte. Doch die Realität ist eine andere: Polizisten und Sicherheitsdienste bewachen jüdische Einrichtungen, egal ob Grundschule oder Synagoge. Und antisemitische Straftaten sind alles andere als Einzelfälle.

Schändungen von Friedhöfen

So hatte der Historiker Adolf Diamant in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch "Geschändete Jüdische Friedhöfe in Deutschland" aufgeführt, dass in Deutschland seit 1945 mehr als 1000 Schändungen jüdischer Friedhöfe verübt worden seien. Demnach wuchs die Zahl sogar: Während es kurz nach Kriegsende jährlich 18 waren, stieg die Zahl von 1990 bis 2000 auf etwa 40 Schändungen jährlich.

Zu einer Anfrage nach der Zahl der Schändungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland seit dem Jahr 2000 verwies die Bundesregierung 2009 darauf, dass dies im Strafgesetzbuch kein eigenständiges Delikt darstelle. Soweit noch Datenbestände verfügbar gewesen seien, hätten Polizeibehörden insgesamt 471 antisemitische Straftaten "mit dem Angriffsziel Friedhof" innerhalb von acht Jahren registriert. Seit 2010 ging die Zahl dann offenbar zurück - nach Angaben des Expertenkreises Antisemitismus auf jährlich etwa 30 dokumentierte Fälle. 

Fast alle Täter waren Rechte

Die Motivation der Täter ist dabei klar verteilt: Fast alle Taten wurden von Rechten begangen. Zwischen 2001 und 2014 zählten die Behörden 614 Schändungen jüdischer Friedhöfe, 591 davon gingen auf das Konto "politisch motivierte Kriminalität (PMK) rechts". Vier wurden der "PMK Ausländer" zugeordnet, elf dem Bereich "Sonstige". 

Zudem gab es zahlreiche antisemitische Anschläge in Deutschland auf Juden und Israelis: 1970 starben sieben Holocaust-Überlebende bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Gemeindehaus in München. Bei den Olympischen Spielen in München 1972 töteten palästinensische Terroristen elf Israelis. 1980 erschoss ein Rechtsterrorist in Erlangen den Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin.

Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 in München
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Auch die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 in München galt Israelis.

Im Jahr 2000 traf eine Rohrbombe zehn russische Migranten - mehrheitlich Juden. Eine Schwangere verlor ihr ungeborenes Kind. Der Anschlag wurde zunächst nicht aufgeklärt, mittlerweile liegen aber neue Hinweise auf einen bereits damals Verdächtigen Rechtsextremisten vor, gegen den nun Anklage erhoben wurde.

Hunderte Delikte jährlich

Zu solchen Terrorattacken kommen Hunderte Propagandadelikte wie Hakenkreuz-Sprühereien oder Beleidigungen sowie Bedrohungen: Im ersten Halbjahr 2017 waren nach Angaben der Bundesregierung insgesamt 681 antisemitische Delikte erfasst worden. Nach Angaben der Bundesregierung wurden 93 Prozent (632 von 681 Delikten) von Rechtsextremen begangen. Bei 23 Fällen wird ein religiöser Hintergrund oder "politisch motivierte Kriminalität, ausländische Ideologie" angenommen, 25 Delikte ließen sich nicht zuordnen, in einem Fall wurde ein linksextremes Motiv angenommen.  

In den Jahren zuvor waren jeweils 1300 bis 1400 antisemitische Straftaten gezählt worden. Allerdings bilden diese Zahlen nur bedingt die Realität ab, meinen viele Experten und Organisationen. Der Grünen-Politiker Volker Beck kritisierte immer wieder, dass Polizei und Behörden antisemitische  Straftaten unterschiedlich speichern würden; es gebe keinen einheitlichen Kriterienkatalog, um Taten zu erfassen und einzuordnen. Eine solide Datenbasis fehle bis heute.

Verschärft sich das Problem weiter?

Aus den Zahlen wird aber deutlich, dass der Antisemitismus nicht erst nach Deutschland "importiert" werden musste, so wie es in öffentlichen Debatten behauptet wird. Allerdings könnte sich die Bedrohung für Juden durch die Einwanderung weiter verschärfen. Denn Juden in Deutschland werden stellvertretend für den Staat Israel angegriffen. Jüdische Organisationen weisen immer wieder darauf hin, dass sich Juden in Deutschland zunehmend bedroht fühlten.

Im Jahr 2014 gab es während des Gaza-Kriegs hasserfüllte Demonstrationen gegen Israel und Übergriffe in mehreren deutschen Städten gegen jüdische Einrichtungen. Für viele jüdische Deutsche war dies eine neue Dimension des Hasses: In Berlin skandierte ein Mob "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein!" Zudem wurde ein Ehepaar aus Israel angegriffen.

Im Ruhrgebiet wurden am Rande einer Demonstration, die von der Jugendorganisation der Linkspartei angemeldet worden war, pro-israelische Gegendemonstranten attackiert. In weiteren Städten gab es ähnliche Vorfälle. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sah jüdische Mitbürger in Gefahr. Nach dem Anschlag in Wuppertal riet sie Juden, sich erst einmal "nicht als Jude erkennbar zu machen".

Der Rabbiner Daniel Alter sagte bereits 2013 gegenüber tagesschau.de, es gebe einen starken Antisemitismus in der Community mit türkischem, arabischem, islamischem Migrationshintergrund: Einige Stadtviertel seien für Juden zu "No-Go-Areas" geworden, so Alter. "Da muss man mindestens mit Pöbeleien oder verbalen Übergriffen rechnen."

Auch die Fußballer des Berliner Vereins TuS Makkabi waren mehrmals mit Anfeindungen konfrontiert. Gegner beschimpften die Spieler als "dreckige Juden" und drohten, sie "abzustechen".

Nichtregierungsorganisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung oder das "Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus" (JFDA) thematisieren vor diesem Hintergrund die verschiedenen Formen des Antisemitismus, sowohl rechten, linken als unter Migranten. Die Experten sind sich einig, dass es bei den antisemitischen Straftaten eine beträchtliche Dunkelziffer gebe.

Fahnen mit Davidstern verbrannt

Zuletzt dokumentierte das JFDA die Verbrennung von Fahnen mit Davidstern auf pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin. Bilder, die für öffentliches Aufsehen sorgten und eine erneute Diskussion über Antisemitismus in Deutschland auslösten.

Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. (Quelle: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa) | Bildquelle: dpa / JFDA
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Teilnehmer einer Demonstration verbrannten eine selbstgemalte Fahne mit Davidstern in Berlin. Die Bilder sorgten für eine neue Diskussion.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere forderte, es solle einen Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung geben. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, begrüßte die Initiative. Die jüngsten antisemitischen Vorfälle hätten gezeigt, dass es "höchste Zeit ist für einen Bundesbeauftragten zur Bekämpfung von Antisemitismus". Die EU und einige europäische Staaten hätten bereits solche Stellen geschaffen, so Schuster. Er wünsche sich, "dass Deutschland diesem Beispiel bald folgt".

Der Beauftragte sollte nach Schusters Vorstellungen im Bundeskanzleramt angesiedelt werden, mit allen Ministerien und Bundesländern zusammenarbeiten und unter anderem dafür sorgen, dass die Empfehlungen des Unabhängigen Expertenkreises umgesetzt werden. Ferner solle er antisemitische Straftaten erfassen. Denn bislang kursieren zwar viele Zahlen und Berichte, eine systematische Vermessung des Hasses fehlt aber.

Über dieses Thema berichtete die rbb Abendschau am 21. Dezember 2017 um 19:30 Uhr.

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