Europaweite Studie

Mehr Tote durch resistente Keime

Stand: 18.11.2019 00:01 Uhr

In der EU sterben jedes Jahr mehr als 33.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. Das Ergebnis der aktuellen Studie zeigt damit auch, dass die Zahl deutlich höher ist als bislang angenommen.

Von Christian Baars, NDR

"Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien sind eine Bedrohung für die moderne Gesundheitsversorgung", schreiben die Autoren gleich zu Beginn ihrer aktuellen Studie, die im Magazin Lancet erschienen ist und dem NDR vorab vorlag. Demnach ist die Bedrohung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Your browser doesn't support HTML5 video.

Warum immer mehr Menschen durch Antibiotika-resistente Keime sterben

06.11.2018, Ute Konrad, ARD-aktuell

Die bisherigen Schätzungen beruhten auf Zahlen von 2007. Damals starben etwa 25.000 Menschen an den Folgen einer Infektion mit antibiotikaresistenten Erregern. Für die aktuelle Auswertung wurden Daten aus dem Jahr 2015 analysiert. Danach hat sich die Zahl der Infektionen fast verdoppelt, und deutlich mehr Menschen sterben.

Die Wissenschaftler gehen nun von etwa 33.000 Toten pro Jahr in der Europäischen Union aus. Besonders gefährdet sind Kleinkinder und ältere Menschen. Insgesamt, so schätzen die Wissenschaftler, sei die Belastung durch antibiotikaresistente Bakterien so groß wie die von HIV/AIDS, Grippe und Tuberkulose zusammen genommen.

Infektionen und Todesfälle durch antibiotikaresistente Bakterien 2015
Zahl der Infektionen* Todesfälle*
Italien 201.584 10.762
Griechenland 18.472 1626
Rumänien 25.077 1470
Portugal 24.021 1158
Zypern 1192 66
Frankreich 124.806 5543
Slowakei 7622 379
Polen 41.069 2218
Kroatien 4347 240
Ungarn 10.271 543
Bulgarien 5374 280
Malta 608 29
Irland 4893 219
Slowenien 2280 96
Tschechien 10.438 486
Belgien 12.892 530
Spanien 41.345 1899
Großbritannien 52.971 2172
Österreich 6634 276
Lettland 847 44
Littauen 1828 90
Luxemburg 487 19
Deutschland 54.509 2363
Dänemark 3351 124
Schweden 4571 167
Finnland 2524 90
Norwegen 1882 69
Niederlande 4982 206
Estland 365 15
Island 27 1
EU/ Europ. Wirtschaftsraum 671.689 33.110

*Median verschiedener Studien, Quelle: ECDC. Reihenfolge in Relation zur Einwohnerzahl

Die Studie wurde vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) durchgeführt, einer Organisation der EU. Die Autoren sprechen von einer "erheblichen" Belastung, machen aber auch deutlich, dass es deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern gibt.

Mit Abstand am stärksten betroffen sind Italien und Griechenland. Deutlich besser ist die Situation in Nordeuropa. In Deutschland erlitten laut der Studie im Jahr 2015 knapp 55000 Menschen eine Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen, fast 2400 starben.

Die Wissenschaftler haben zudem die sogenannte Krankheitslast berechnet. Dabei wird nicht nur die Zahl der Todesfälle berücksichtigt, sondern unter anderem auch, wie schwer eine Erkrankung verläuft. Die Studie zeigt, dass mittlerweile ein großer Teil der Krankheitslast, nämlich knapp 40 Prozent, durch Bakterien verursacht wird, die gegen sogenannte Reserveantibiotika resistent sind.

Dies ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2007 und nach Ansicht des ECDC "beunruhigend". Denn diese Antibiotika sind in der Regel die letzten verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten. Wenn sie nicht mehr wirken, ist es extrem schwierig oder sogar unmöglich, Infektionen zu behandeln.

Etwa drei Viertel der Krankheitslast sei auf Ansteckungen in Kliniken oder anderen Gesundheitseinrichtungen zurückzuführen, schreiben die Autoren. Mehr als die Hälfte dieser Fälle sei wahrscheinlich vermeidbar. Verbesserte Maßnahmen zur Infektionsvermeidung und -kontrolle könnten folglich das Problem deutlich mildern.

Die meisten Ansteckungen mit antibiotika-resistenten Keimen erfolgenin Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen.

Insgesamt sei aber jeder verantwortlich, meint das ECDC: Patienten, Mediziner, Krankenschwestern, Apotheker, Tierärzte, Landwirte und Politiker. Antibiotika sollten zurückhaltend eingesetzt werden - nur wenn es wirklich nötig sei. Außerdem müsste die Erforschung und Entwicklung neuer Medikament vorangetrieben werden.