Petrischalen mit sogenannten Krankenhauskeimen, die Mehrfachresistenzen gegenüber Antibiotika aufweisen.  | Bildquelle: dpa

Europaweite Studie Mehr Tote durch resistente Keime

Stand: 06.11.2018 01:11 Uhr

In der EU sterben jedes Jahr mehr als 33.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. Das Ergebnis der aktuellen Studie zeigt damit auch, dass die Zahl deutlich höher ist als bislang angenommen.

Von Christian Baars, NDR

"Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien sind eine Bedrohung für die moderne Gesundheitsversorgung", schreiben die Autoren gleich zu Beginn ihrer aktuellen Studie, die im Magazin Lancet erschienen ist und dem NDR vorab vorlag. Demnach ist die Bedrohung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Warum immer mehr Menschen durch Antibiotika-resistente Keime sterben
06.11.2018, Ute Konrad, ARD-aktuell

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Gefährlicher als viele andere Infektionen

Die bisherigen Schätzungen beruhten auf Zahlen von 2007. Damals starben etwa 25.000 Menschen an den Folgen einer Infektion mit antibiotikaresistenten Erregern. Für die aktuelle Auswertung wurden Daten aus dem Jahr 2015 analysiert. Danach hat sich die Zahl der Infektionen fast verdoppelt, und deutlich mehr Menschen sterben.

Die Wissenschaftler gehen nun von etwa 33.000 Toten pro Jahr in der Europäischen Union aus. Besonders gefährdet sind Kleinkinder und ältere Menschen. Insgesamt, so schätzen die Wissenschaftler, sei die Belastung durch antibiotikaresistente Bakterien so groß wie die von HIV/AIDS, Grippe und Tuberkulose zusammen genommen.

Infektionen und Todesfälle durch antibiotikaresistente Bakterien 2015
Zahl der Infektionen*Todesfälle*
Italien201.58410.762
Griechenland18.4721626
Rumänien25.0771470
Portugal24.0211158
Zypern119266
Frankreich124.8065543
Slowakei7622379
Polen41.0692218
Kroatien4347240
Ungarn10.271543
Bulgarien5374280
Malta60829
Irland4893219
Slowenien228096
Tschechien10.438486
Belgien12.892530
Spanien41.3451899
Großbritannien52.9712172
Österreich6634276
Lettland84744
Littauen182890
Luxemburg48719
Deutschland54.5092363
Dänemark3351124
Schweden4571167
Finnland252490
Norwegen188269
Niederlande4982206
Estland36515
Island271
EU/ Europ. Wirtschaftsraum671.68933.110

*Median verschiedener Studien, Quelle: ECDC. Reihenfolge in Relation zur Einwohnerzahl

Große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern

Die Studie wurde vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) durchgeführt, einer Organisation der EU. Die Autoren sprechen von einer "erheblichen" Belastung, machen aber auch deutlich, dass es deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern gibt.

Mit Abstand am stärksten betroffen sind Italien und Griechenland. Deutlich besser ist die Situation in Nordeuropa. In Deutschland erlitten laut der Studie im Jahr 2015 knapp 55000 Menschen eine Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen, fast 2400 starben.

Mehr Tote durch Antibiotika-resistente Keime
tagesschau 20:00 Uhr, 06.11.2018, K. von Tschurtschenthaler/C. Baars, NDR

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Beunruhigender Anstieg schwerer Erkrankungen

Die Wissenschaftler haben zudem die sogenannte Krankheitslast berechnet. Dabei wird nicht nur die Zahl der Todesfälle berücksichtigt, sondern unter anderem auch, wie schwer eine Erkrankung verläuft. Die Studie zeigt, dass mittlerweile ein großer Teil der Krankheitslast, nämlich knapp 40 Prozent, durch Bakterien verursacht wird, die gegen sogenannte Reserveantibiotika resistent sind.

Dies ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2007 und nach Ansicht des ECDC "beunruhigend". Denn diese Antibiotika sind in der Regel die letzten verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten. Wenn sie nicht mehr wirken, ist es extrem schwierig oder sogar unmöglich, Infektionen zu behandeln.

Ansteckung vornehmlich in Gesundheitseinrichtungen

Ein Pfleger schiebt einen Rollstuhl über einen Flur in einem Krankenhaus. (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / Peter Steffen
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Die meisten Ansteckungen mit antibiotika-resistenten Keimen erfolgenin Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen.

Etwa drei Viertel der Krankheitslast sei auf Ansteckungen in Kliniken oder anderen Gesundheitseinrichtungen zurückzuführen, schreiben die Autoren. Mehr als die Hälfte dieser Fälle sei wahrscheinlich vermeidbar. Verbesserte Maßnahmen zur Infektionsvermeidung und -kontrolle könnten folglich das Problem deutlich mildern.

Insgesamt sei aber jeder verantwortlich, meint das ECDC: Patienten, Mediziner, Krankenschwestern, Apotheker, Tierärzte, Landwirte und Politiker. Antibiotika sollten zurückhaltend eingesetzt werden - nur wenn es wirklich nötig sei. Außerdem müsste die Erforschung und Entwicklung neuer Medikament vorangetrieben werden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. November 2018 um 06:15 Uhr.

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