Antibabypille | Bildquelle: picture alliance/dpa

60 Jahre Verhütung Die Pillen-Revolution

Stand: 18.08.2020 14:47 Uhr

Anfangs sollte sie Regelbeschwerden lindern, Verhütung war nur eine Nebenwirkung: Mit der Antibabypille begann vor 60 Jahren die sexuelle Befreiung der Frauen. Heute setzen sie zunehmend auf Alternativen.

Von Philipp Wundersee, WDR

"Die Pille haben alle meine Freundinnen genommen. Da habe ich mir auch keine Gedanken über die Nebenwirkungen gemacht", sagt Lea aus Köln. Die Studentin ist 26 Jahre alt und lebt seit einigen Jahren ohne hormonelle Verhütung. "Viele schlucken die Tablette seit ihrer Jugend leichtfertig, obwohl es wirklich ein heftiges Medikament ist für den Körper und die Psyche." Seitdem Lea die Pille abgesetzt hat, sei ihre Haut zwar schlechter geworden, aber sie fühle sich weniger müde und sei weniger gereizt.

Die Pille als hormonelles Verhütungsmittel wird bei jungen Frauen immer unbeliebter. Vor zehn Jahren setzte laut einer AOK-Studie noch fast jede zweite junge Frau auf dieses Verhütungsmittel. Im vergangenen Jahr haben sie jedoch nur noch 31 Prozent der gesetzlich versicherten Mädchen und jungen Frauen bis 22 Jahre verschrieben bekommen.

Risiko: Thrombosen

Je jünger die Altersgruppe, desto höher ist die pillenkritische Einstellung, zeigen auch aktuelle Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. So ist nahezu die Hälfte der Befragten der Meinung, dass Verhütung mit Hormonen "negative Auswirkungen auf Körper und Seele" habe.

Heute gibt es eine Vielzahl an Pillen-Präparaten. Doch in den vergangenen Jahren wurden sie immer kritischer betrachtet. "Bei Einnahme der kombinierten hormonellen Pille besteht das Risiko einer Thrombo-Embolie", sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte. Dieses Risiko müsse vorab ausgeschlossen werden. Da nicht jede Frau die Pille gut vertrage, "wird vor der Verordnung jedes Mädchen und jede Frau einzeln beraten".

Wie jedes Arzneimittel hat auch die Antibabypille unerwünschte Nebenwirkungen. So erhöhen besonders jüngere Pillen der dritten und vierten Generation das bereits genannte Thrombose-Risiko. Sie enthalten andere Hormone als die alten Pillen. "Ich bin froh, dass ich den Hormon-Cocktail los bin", sagt Studentin Lea. "Auch wenn die Verhütung super geklappt hat und es so simpel war, setze ich jetzt lieber auf das Kondom als auf die Pille."

Am Anfang nur für Verheiratete

1960 kam die Pille mit dem Namen Enovid erstmals in den USA auf den Markt, ein Jahr später wurde sie auch in Deutschland vertrieben. Sie wurde zunächst gegen Menstruationsbeschwerden eingesetzt. Die Empfängnisverhütung wurde beiläufig als "Nebenwirkung" erwähnt. Enovid wurde anfangs nur verheirateten Frauen verschrieben.

Eunovid war die erste Antibabypille | Bildquelle: Museum für Verhütung und Schwa
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Enovid: Die erste Antibabypille kam 1960 in den USA auf den Markt.

"Durch den Rückgang ungewollter Schwangerschaften wurde besonders bei jungen Frauen der Grundstein für eine bessere gesellschaftliche Teilhabe gelegt", sagt Medizinhistoriker Matthis Krischel von der Universität Düsseldorf. Die Zahl der Abiturientinnen und Akademikerinnen sei gestiegen, gleichzeitig sei die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche gesunken, die in den 1960er-Jahren häufig illegal durchgeführt wurden.

Sexualität und Schwangerschaft waren durch die Pille erstmals getrennt. Frauen konnten Sex haben ohne die Sorge, ungewollt schwanger zu werden. "Im Verlauf der 1970er-Jahre erreichten sowohl die Akzeptanz als auch der Gebrauch hormoneller Verhütung in der Bundesrepublik breite gesellschaftliche Kreise", sagt Medizinhistoriker Matthis Krischel. In der DDR wurde die Pille ab 1972 kostenlos abgegeben.

Alternativen zur Pille

Studentin Lea berichtet, dass einige Freundinnen mit der Pille keinerlei Probleme haben und sie weiter nehmen. "Ich hatte häufig Stimmungsschwankungen und Kopfschmerzen. Eine Freundin hatte aber dank der Pille kaum noch Regelschmerzen", sagt sie.

Als zuverlässige Alternativen zur Pille kommen auch der etwas geringer dosierte hormonelle Verhütungsring infrage. Er wird in die Vagina eingelegt. "Es gibt aber auch hormonelle Verhütungs-Pflaster oder die Hormon-Spirale, die nur sehr niedrige Mengen an Gestagen freisetzt und normalerweise lokal wirkt", sagt Albring vom Berufsverband der Frauenärzte.

Als sehr sichere nicht-hormonelle Methode gebe es noch die Sterilisation, die allerdings nur bei abgeschlossener Familienplanung zum Tragen komme. Das ist für Studentin Lea derzeit keine Alternative. Ohne die Pille, sagt Lea, wurde sie gezwungen, sich mit dem eigenen Körper und der Fruchtbarkeit auseinanderzusetzen. Das sei nicht immer einfach gewesen, aber man lerne sich so deutlich besser kennen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 18. August 2020 um 12:56 Uhr.

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