Trauermarsch für die Opfer von Hanau | Bildquelle: AFP

Rassistischer Anschlag in Hanau Was kommt nach der Betroffenheit?

Stand: 01.03.2020 06:51 Uhr

Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau verunsichert und wütend. Häufig wird der alltägliche Rassismus nicht ernst genommen. Das Vertrauen ist erschüttert.

 Von Justus Kliss und Ariane Reimers, ARD-Hauptstadtstudio

Farhad Dilmaghani engagiert sich seit Jahren für eine Einwanderungsgesellschaft und gegen Rassismus. Dafür hat er den Verein "DeutschPlus" gegründet. Schon vor vier Jahren hat er Vorschläge für ein besseres Zusammenleben gemacht und mehr Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte in Politik und öffentlicher Verwaltung gefordert - ohne großen Erfolg.

Er sorgt sich, dass auch nach den Morden in Hanau wieder nichts passiert. Nach der Betroffenheit müsse endlich das Handeln kommen. Vielleicht bewegt sich jetzt etwas.

Dilmaghani sieht einen kleinen Hoffnungsschimmer: Am Montagmorgen hat die Kanzlerin etwa 50 Vertreter von Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften anlässlich der rassistischen Morde zum Gespräch ins Kanzleramt geladen. Und auch auf dem Integrationsgipfel direkt im Anschluss sollen Rassismus, Antisemitismus und antimuslimische Hetze Thema sein.

Staatsakt für die Opfer gefordert

Die Zeit drängt. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte sehen sich in Deutschland benachteiligt. Ihre Empfehlungen und Vorschläge fänden zu wenig Gehör. Nur wenn wieder ein Anschlag passiert, würden sie gefragt, so Marta Neüff, Vorsitzende des Polnischen Sozialrats.

Dabei sei Rassismus ein politisches und gesamtgesellschaftliches Problem, das tief in der Gesellschaft verankert ist, beklagt Cihan Sinanoglu von der Türkischen Gemeinde Deutschland. Er fordert nach den Morden von Hanau einen Staatsakt für die Opfer. Eine solche symbolische Geste könnte ein Akt sein, um die Menschen, die Angst haben, und darüber nachdenken, dieses Land zu verlassen, wieder abzuholen. "Mit einem Staatsakt würde man ihnen sagen, wir wollen, dass ihr hier bleibt, Ihr seid Teil dieses Landes."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenkt der Opfer in Hanau. | Bildquelle: MAXIMILIAN VON LACHNER/EPA-EFE/R
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenkt der Opfer in Hanau.

"Ohne Angst verschieden sein können"

Jeder vierte Deutsche hat eine Einwanderungsgeschichte. Deutschland bekennt sich mittlerweile dazu, ein Einwanderungsland zu sein, aber Menschen werden nach wie vor wegen ihres Aussehens oder wegen ihres Glaubens ausgegrenzt. Man müsse ohne Angst verschieden sein können, so die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU).

Es gebe kein "wir Deutsche und Ihr Eingewanderte". Sie will das erst am 19. Februar im Kabinett beschlossene Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus noch einmal nachschärfen, deutlicher gegen Islamfeindlichkeit ausrichten und die Präventionsarbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus stärken.

Appell an die Bürger

Doch gegen das Gift Rassismus, wie es die Kanzlerin nach den Morden in Hanau nannte, müssen Politik und Gesellschaft noch andere Antworten finden. Mehr Orte der Begegnung, mehr Orte des Dialogs und des Austauschs, fordert die Bundestagsabgeordnete der Linken, Gökay Akbulut. Und die Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestags Andrea Lindholz (CSU) erklärt, Deutschland müsse aufstehen und die Bürgerinnen und Bürger sagen: "Wir wollen diesen rechtsextremen Terror nicht dulden."

Auf jeden Fall kein "Weiter so", so sehen es die Vertreter und Vertreterinnen der Migrantenorganisationen. Das Bekenntnis zum Einwanderungsland müsse klarer ausfallen, vielleicht im Grundgesetz verankert werden. Der Rechtsruck bedürfe eines Gegensymbols.

Mehr dazu im Bericht aus Berlin am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Bericht aus Berlin am 01. März 2020 um 18:30 Uhr.

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Justus Kliss, RBB | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo RBB

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Ariane Reimers, NDR

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