Polizeibeamte untersuchen nach dem Anschlag den BVB-Bus. | AFP

Urteil gegen BVB-Attentäter Ein Anschlag für die Geldanlage

Stand: 26.11.2018 20:07 Uhr

Beim Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Jahr 2017 waren zwei Menschen verletzt worden. Der Attentäter hatte auf die Aktie des Vereins spekuliert und gestand. Nun wird ein Urteil gesprochen.

Von Moritz Stadler, WDR

Sven Bender gehört nicht zu den Fußballprofis, die sich unter riesigen Kopfhörern verstecken oder am Handy daddeln, um vor einem Spiel die Anspannung zu bekämpfen. "Ich fokussiere mich auf dem Weg ins Stadion immer, indem ich aus dem Fenster schaue", sagte er während seiner Aussage im Prozess um das Attentat auf den Mannschaftsbus des Bundesligisten Borussia Dortmund.

Moritz Stadler

Weil Bender aus dem Fenster blickt, sieht er am Abend des 11. April 2017, wie plötzlich ein grelles Licht aufblitzt und wie Teile der Hecke wegfliegen. Er hört, wie im Bus Fenster bersten und wie der verletzte Spieler Marc Bartra aufschreit. Seine Mannschaftskameraden rufen durcheinander. Einige fordern den Busfahrer auf weiterzufahren. Andere brüllen, er solle stehen bleiben.

Ein Polizeibeamter führt den Angeklagten Sergej W. in den Gerichtssaal. | dpa

Ein Polizeibeamter führt den Angeklagten Sergej W. im Dezember 2017 in den Gerichtssaal. Dem Angeklagten wird 28-facher Mordversuch vorgeworfen. Bild: dpa

Von Metallsplitter nur knapp verfehlt

Die Physiotherapeutin Swantje Thomßen robbt durch den Bus, um sich um den verletzten Bartra zu kümmern. Er wird am Unterarm getroffen, ein Metallsplitter schlägt außerdem in seine Kopfstütze ein. Dem Gericht erzählte Bartra, er habe in diesem Moment Todesangst gehabt. "Ich fürchtete, meine Familie nie wiederzusehen", sagte er.

Viele Spieler schilderten im Zeugenstand, wie sie der Vorfall bis heute beschäftigt, berichteten von Angstzuständen, brachen in Tränen aus. Bei dem Anschlag wurde auch ein Motorradpolizist verletzt. Am Dienstag wird das Dortmunder Schwurgericht voraussichtlich ein Urteil sprechen.

Spieler als Spekulationsobjekte für den Attentäter

In dem Prozess angeklagt ist der 29-jährige Sergej W. Ihm wird 28-facher Mordversuch vorgeworfen. Das Leid der Opfer wird bei der Urteilsfindung eine entscheidende Rolle spielen. Dass W. die Bomben deponierte und per Fernzünder auslöste, bestreitet er nicht. Vor Gericht gesteht er, hinter dem Anschlag zu stecken. Sein Motiv soll Geldgier gewesen sein.

Der BVB ist ein börsennotierter Fußballverein. In der kühlen Logik des Attentäters ist der Verein vor allem ein Spekulationsobjekt. W. kaufte massenhaft sogenannte Put-Optionsscheine, die im Falle eines Kursverlusts der BVB-Aktie Gewinne abwerfen. Dafür nahm er einen Kredit auf. Anschließend versuchte er, den Kursverlust herbeizuführen, indem er das Kapital des Börsenkonzerns angriff: die Spieler. Laut Anklage hätte er so bis zu einer halben Million Euro Gewinn machen können.

Angeklagter bestreitet Tötungsabsichten

Allerdings bestreitet W., dass er Spieler habe töten wollten. Sein Verteidiger Carl Heydenreich wählte im Prozessverlauf ausgerechnet einen Fußballvergleich, um die Tötungsabsicht seines Mandanten zu entkräften: "Wenn ein Spieler unbedrängt vor dem Tor steht und nicht trifft, dann fragen Sie sich zwangsläufig: Wollte er nicht, oder konnte er nicht?" W. habe demnach nicht getroffen, weil er nicht treffen wollte.

Ein Großteil der Sprengladungen sei absichtlich am Bus vorbeigeflogen, so der Anwalt. "Er wollte den Gewinn ohne den Schaden", sagte Heydenreich in seinem Plädoyer und fordert eine Haftstrafe unter zehn Jahren.

Ordner im Prozess um BVB-Anschlag | dpa

Ordner im Prozess um BVB-Anschlag. Dass nicht mehr passierte, sei reines Glück gewesen, sagten mehrere Gutachter in dem Prozess. Bild: dpa

Oberstaatsanwalt: "Hanebüchener Unsinn"

Für Oberstaatsanwalt Carsten Dombert ist die Theorie des kontrollierten Sprengstoffattentats ein "hanebüchener Unsinn". Er sieht es als erwiesen an, dass W. an jenem Abend mehr wollte als Angst und Schrecken zu verbreiten. "Alles, was er getan hat, sollte dazu führen, ein größtmögliches Schadensbild herbeizuführen", sagte Dombert. Er forderte im Plädoyer die Höchststrafe: lebenslängliche Haft.

Mehrere Gutachter hatten zuvor bestätigt, dass es schlicht nicht möglich sei, Splitterbomben - wie sie der Angeklagte gezündet hatte - zu kontrollieren. Dass nicht mehr passierte, sei reines Glück gewesen.

Ausgefallenes Spiel schon am Folgetag nachgeholt

Für die Spieler und den verletzten Motorradpolizisten war der Abend auch so schlimm genug. Der Beamte erlitt ein Knalltrauma und ist bis heute dienstunfähig. Die Spieler standen bereits einen Tag nach dem Attentat wieder auf dem Platz, um die am Anschlagstag ausgefallene Partie nachzuholen. Das sei zu früh gewesen, wie einige vor Gericht sagten.

BVB-Geschäftsführer Watzke sagte im vergangenen Monat der "Sport Bild": "An so einem massiven Angriff hätte der Verein zerbrechen können, aber er hat sich letztlich nicht spalten lassen und gezeigt, dass er außergewöhnliche Situationen meistern kann."

Das Urteil des Gerichts könnte für alle Betroffenen ein weiterer Schritt werden, endlich mit den Erlebnissen abzuschließen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. November 2018 um 06:30 Uhr.