Flüchtlinge aus Lesbos kommen in Hannover an. | dpa

Nach Brand im Lager Moria 139 Geflüchtete in Deutschland angekommen

Stand: 30.09.2020 14:22 Uhr

Geflüchtete aus dem abgebrannten Lager Moria sind in Hannover gelandet. Unter ihnen sind unbegleitete Minderjährige und kranke Kinder mit ihren Familien. Die Aufnahme sei ein humanitärer Akt, aber keine nachhaltige Lösung, so Kanzlerin Merkel.

139 Geflüchtete aus griechischen Lagern sind mit dem Flugzeug in Hannover gelandet. Zu der Gruppe gehören 51 unbegleitete Minderjährige, die vom Brand des Lagers Moria auf Lesbos betroffen waren, wie das Bundesinnenministerium mitteilte. Bei den restlichen Angekommenen handelt es sich um 17 kranke Kinder mit ihren Kernfamilien - insgesamt 88 Menschen.

Sie sind Teil zweier unabhängig voneinander beschlossenen Initiativen, wie das Ministerium erklärte. Zum einen hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer im März beschlossen, im Rahmen einer europäischen Hilfsaktion 243 kranke Kinder mit ihren Familien aus Griechenland aufzunehmen. Zum anderen hatte die Bundesregierung nach dem Brand auf Lesbos erklärt, sich an der Aufnahme von 400 unbegleiteten Minderjährigen zu beteiligen. Insgesamt sollen in den nächsten Wochen bis zu 150 von ihnen nach Deutschland kommen.

Darüber hinaus hatte die Bundesregierung entschieden, weitere 1553 Familienangehörige von den griechischen Inseln aufzunehmen, die nach einer Entscheidung der griechischen Regierung schutzberechtigt sind. Die Aufnahme dieser Personen solle zeitnah beginnen, hieß es.

Verteilung auf acht Bundesländer

Die nun in Hannover angekommenen Menschen sollen auf die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein verteilt werden. Grundlage ist ein gemeinsames Bund-Länder-Konzept, das in Abstimmung mit allen Ländern entwickelt wurde. Dabei werden auch Kriterien wie familiäre Bindungen und besondere medizinische Bedarfe berücksichtigt.

Elf der unbegleiteten Minderjährigen aus Moria sollen in Niedersachsen ein neues Zuhause finden. Nach Angaben des niedersächsischen Sozialministeriums sind sie zwischen neun und 17 Jahre alt. Unter ihnen sind zwei Mädchen und neun Jungen. "Sie sind allein ohne ihre Eltern auf der Flucht und hatten bislang nicht die geringste Chance auf ein kindgerechtes Leben, von Zukunftschancen ganz zu schweigen", sagte Sozialstaatssekretär Heiger Scholz. "Ich freue mich, dass sie jetzt endlich die Möglichkeiten für ein Aufwachsen in einem stabilen Umfeld erhalten werden." Die Kinder und Jugendlichen aus Afghanistan und Pakistan werden überwiegend in Privatfamilien unterkommen.

Insgesamt wurden dem Innenministerium zufolge in diesem Jahr bereits 713 Flüchtlinge, darunter 104 unbegleitete Minderjährige und 142 kranke Kinder, per Flugzeug von Griechenland nach Deutschland gebracht. Erst vor zwei Wochen war ein Flugzeug mit 26 Kindern und ihren Angehörigen aus griechischen Lagern in Hannover gelandet.

Merkel strebt europäische Lösung an

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in ihrer Rede in der Generaldebatte zum Haushalt im Bundestag, es sei richtig, dass Deutschland nach dem Brand helfe. Zugleich wisse sie, dass dies keine nachhaltige Lösung des Problems sei. Merkel appellierte in ihrer Rede an die EU-Mitgliedstaaten, beim angestrebten EU-Asyl- und Migrationspakt zu einem Kompromiss zu finden. "Wenn wir auf Dauer in der Frage der Migration keine gemeinsame Grundlage zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union finden, ist das eine schwere Bürde für die Handlungsfähigkeit Europas", sagte sie. Die Pläne für ein von der EU mitverantwortetes Flüchtlingszentrum auf Lesbos befürwortet Merkel. Die Kommission plant dort nach dem Brand im Lager Moria ein entsprechendes Pilotprojekt.

In einem Appell, den Bundestagsabgeordnete, Kommunalpolitiker sowie Vertreter von evangelischer Kirche und Hilfsorganisationen verbreiteten, hieß es, Moria dürfe sich nicht wiederholen. "Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union tragen die Verantwortung dafür, Mindestschutzstandards in allen Lagern für Geflüchtete auf europäischem Boden zu gewährleisten", mahnten darin Politiker von Grünen, SPD und CDU. Erneuert wird auch die Forderung, die Aufnahmebereitschaft deutscher Kommunen in der Migrationspolitik stärker zu berücksichtigen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. September 2020 um 13:00 Uhr.