Kerzen vor der Synagoge in Hamburg | dpa

Angriff vor Synagoge in Hamburg "Widerliche Attacke"

Stand: 05.10.2020 13:06 Uhr

Der Angriff vor einer Hamburger Synagoge auf einen jüdischen Studenten sorgt für Entsetzen: Justizministerin Lambrecht verurteilte die "widerliche Attacke". Die Ermittler gehen von versuchtem Mord aus und durchsuchten eine Wohnung.

Die Attacke auf einen jüdischen Studenten in Hamburg weckt Erinnerungen an den Anschlag von Halle und sorgt für breite Kritik: Bundesjustizministerin Christine Lambrecht sprach von einer "widerlichen Attacke". "Der Hass gegen Jüdinnen und Juden ist eine Schande für unser Land", sagte die SPD-Politikerin. Der Rechtsstaat müsse alles tun, um jüdisches Leben zu schützen. Dem Opfer wünschte sie baldige und vollständige Genesung, viel Kraft und "die Solidarität von uns allen".

Wir müssen uns der Hetze noch entschiedener entgegenstellen und stärker für die Betroffenen von Hass und Gewalt da sein.

Auch Außenminister Heiko Maas verurteilte die Attacke: "Das ist kein Einzelfall, das ist widerlicher Antisemitismus und dem müssen wir uns alle entgegenstellen." Seine Gedanken seien bei dem Studenten. 

Besserer Schutz gefordert

Auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erklärte, die Attacke sei "ein widerwärtiger Akt". Jüdisches Leben in Deutschland zu schützen, "bleibt unsere tägliche Pflicht", erklärte er auf Twitter.

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) bezeichnete den Vorfall als "erneuten Schock für die jüdische Gemeinde in Deutschland". Es sei "unerträglich zu erleben, dass sich Hass und Gewalt gegen Juden immer wieder auf deutschen Straßen entlädt", erklärte der ORD-Vorstand Avichai Apel. Er forderte einen besseren Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. 

Auch der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, äußerte sich erschüttert. Er sei traurig darüber, dass ein Jahr nach dem Anschlag von Halle erneut eine deutsche jüdische Gemeinde mit einem "gewalttätigen, antisemitischen Terrorakt" konfrontiert worden sei, erklärte Lauder. In Hamburg sei die Sicherheitspräsenz nicht ausreichend gewesen, um jemanden vor einer schweren Verletzung zu schützen.

Ermittler werten Angriff als versuchten Mord

Während einer studentischen Feier anlässlich des Jüdischen Laubhüttenfestes Sukkot in der Hamburger Synagoge Hohe Weide hatte am Sonntag ein militärisch gekleideter Angreifer einem jüdischen Studierenden mit einem Spaten eine schwere Kopfverletzung zugefügt. Sicherheitskräfte, die die Synagoge bewachten, konnten den Angreifer überwältigen und festnehmen.

Polizei und Generalstaatsanwaltschaft werten den Angriff nach ersten Erkenntnissen als versuchten Mord - mutmaßlich aus Judenhass. "Aufgrund der derzeitigen Einschätzung der Gesamtumstände ist bei der Tat von einem antisemitisch motiviertem Angriff auszugehen", teilten beide Behörden in Hamburg mit.

Wegen der Bedeutung des Falles und wegen eines möglichen extremistischen Hintergrundes habe die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen. Beamte des Staatsschutzes sind im Einsatz. Nach aktuellem Ermittlungsstand gebe es keine Hinweise auf Mittäter.

Täter machte "extrem verwirrten Eindruck"

Der 29-Jährige mutmaßliche Täter macht laut Polizei einen "extrem verwirrten Eindruck". Es sei sehr schwierig, ihn zu vernehmen, sagte eine Polizeisprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Der Angreifer sei ein deutscher Staatsbürger mit kasachischen Wurzeln. Zunächst war angenommen worden, dass er in Berlin wohnen würde. Eine Überprüfung habe aber ergeben, dass er dort seit 2019 nicht mehr wohnt.

"Weitere Ermittlungen führten zu einer Wohnung in Hamburg-Langenhorn, in der sich der Beschuldigte unangemeldet aufhielt", hieß es weiter. In der Nacht zum Montag sei die Wohnung durchsucht worden. "In der Wohnung wurden Datenträger sichergestellt, deren Auswertung andauert." Der Mann sei bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten. Nach seiner Festnahme hatten die Ermittler einen Zettel mit einem handschriftlich aufgemalten Hakenkreuz in seiner Hosentasche gefunden.

Vor einem Jahr waren bei einem Anschlag auf eine Synagoge während Jom Kippur in Halle zwei Menschen gestorben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Oktober 2020 um 09:00 Uhr.