Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende von Die Linke im Bundestag | dpa
Analyse

Nach Impf-Äußerung Wie die Linke mit Sahra Wagenknecht hadert

Stand: 01.11.2021 19:23 Uhr

Nachdem Sahra Wagenknecht öffentlich Zweifel an den Corona-Impfungen angemeldet hat, schlägt ihr heftige Kritik entgegen. Auch aus der eigenen Partei. Dort ist man die Alleingänge der einstigen Galionsfigur sichtlich leid.

Von Sarah Frühauf, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist Montagmittag, Zeit für die allwöchentliche Pressekonferenz der Linken im Karl-Liebknecht-Haus. Ein paar Minuten lang spricht die Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow über die Corona-Lage, den Weltklimagipfel und den Jahrestag der NSU-Aufdeckung. Zum Fernseh-Auftritt ihrer Parteikollegin Sahra Wagenknecht am Abend zuvor in der ARD-Sendung Anne Will sagt sie zunächst kein Wort.

Sarah Frühauf ARD-Hauptstadtstudio

Bei der ersten Frage dann muss Hennig-Wellsow lächeln - Krisenhumor. Sie weiß, sie kommt nicht um das Thema herum. Wie genervt sei sie von Auftritten wie dem von Wagenknecht? Ein Seufzen kann Hennig-Wellsow gerade noch unterdrücken. Aber ihre Resignation kann sie nicht verbergen: Sie könne und wolle Wagenknecht nicht mehr erklären, sagt sie.

Impfen als individuelle Entscheidung

Es ist ein neuerlicher Höhepunkt der scheinbar unendlichen Serie "Sahra Wagenknecht gegen die eigene Partei." Bei Anne Will bekannte Wagenknecht, nicht geimpft zu sein. Argumentierte mit ungewissen Langzeitfolgen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach widersprach vehement, warf ihr vor, Unsinn zu reden. Wagenknecht aber blieb dabei: Impfen sei eine individuelle Entscheidung.

Eine Aussage, die besonders deswegen aufhorchen lässt, weil die Forderung nach gesellschaftlicher Solidarität zum Markenkern den Linken gehört. So fühlt Parteichefin Hennig-Wellsow sich gezwungen, klarzustellen, dass es eine Beschlusslage gebe, in der es heißt, dass die Linke jede Impfkampagne unterstütze.

Wagenknecht polarisiert und provoziert

Die Partei hat es nicht einfach mit Wagenknecht. Sie ist immer noch das bekannteste Gesicht der Linken. Tritt sie auf, sind die Marktplätze voll. Das kommt bei Veranstaltungen der Linken derzeit nur noch selten vor. Vor allem im Osten gilt Wagenknecht als Galionsfigur. Dort, wo die Linke immer mehr an Zustimmung verliert und zahlreiche Bürger mittlerweile statt links die AfD wählen. Doch Wagenknecht polarisiert und provoziert. Nicht nur durch ihre politischen Sichtweisen. So spricht sie zum Beispiel Auftritte wie den gestern nicht mit der Parteispitze ab.

Im Bundestagswahlkampf sorgte sie mit einem Buch für Aufregung, in der sie der Partei Abgehobenheit vorwarf. Eine Art Generalabrechnung, in der sie den Begriff der "Lifestyle-Linken" prägte. Und den Wahltag verbrachte sie lieber mit einem "Spiegel"-Journalisten, der sie beim Essen begleitete, als mit ihren Parteikollegen.

Eine Art Burgfrieden

Dabei sah es in den vergangenen Wochen nach einer Art Burgfrieden aus. So hatte die Parteivorsitzende Hennig-Wellsow im Sommer Wagenknecht und ihren Lebenspartner Oskar Lafontaine zu einem Wahlkampfauftritt nach Weimar eingeladen. Es ging versöhnlich weiter: Zur Überraschung vieler kam Wagenknecht zur Sitzung der Bundestagsfraktion Ende Oktober. Meldete sich zwar nicht zu Wort, war aber immerhin da. Was in der vergangenen Legislatur nur selten der Fall war.

Es schien, als hätte sich Wagenknecht das Wahldebakel der Linken doch zu Herzen genommen. Schluss mit der, wie es aus der Partei immer wieder heißt, "Vielstimmigkeit". Was ein Euphemismus dafür ist, dass man sich nun genug auf offener Bühne gestritten habe.

Konterkariert die neue Geschlossenheitsoffensive

Doch dann, gut ein Monat nach der Bundestagswahl tritt Wagenknecht in einer Talkshow auf und konterkariert die neue Geschlossenheitsoffensive der Partei. Nun fällt "Die Linke" wieder zurück in alte Muster. Linken-Mitglieder machen ihrem Frust öffentlich Luft. So schreibt Henriette Quade, Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt, bei Twitter, dass Wagenknechts "Schwurbeleien" Menschen gefährden würden.

Auch Forderungen nach einem Parteiausschluss Wagenknechts werden wieder laut. Doch die Linke kann nicht so einfach auf Wagenknecht verzichten. Sie hat nicht nur Kritiker in der Partei, sondern auch zahlreiche Unterstützer. Insbesondere in der Bundestagsfraktion, die nur noch aus 39 Mitgliedern besteht. Deren Zustand ist fragil: Würden drei austreten, würde die Linke ihren Fraktionsstatus verlieren. Was sie jetzt also tun werde, wird Hennig-Wellsow am Ende der Pressekonferenz gefragt. Ja, es werde Gespräche geben, sagt sie. Und lächelt kurz.

Über dieses Thema berichtete dasErste in der Sendung Anne Will am 31. Oktober 2021 um 21:45 Uhr.