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Interview

Analyse zum IS-Terror Kalifat am Ende - mehr Gewalt in Europa

Stand: 18.08.2017 17:45 Uhr

Ist der IS wirklich für den Anschlag in Barcelona verantwortlich? Er steht massiv unter Druck und es ist zu vermuten, dass deshalb vermehrt Attacken aus propagandistischen Gründen initiiert werden - an welchem Ort auch immer in Europa, sagt ARD-Terrorismusexperte Michael Götschenberg im Interview.

tagesschau.de: Wie wahrscheinlich ist es, dass der IS wirklich hinter diesem Anschlag steckt?

Michael Götschenberg: Das kann man momentan noch sehr schwer beurteilen. Diese Bekennerbotschaft ist sehr vage gehalten. Sie enthält keinerlei sogenanntes Täterwissen - also Informationen, die nur die Täter gehabt haben können und mit denen der IS dann demonstrieren könnte, dass er in die Planungen eingeweiht war. Es gibt weder Namen noch Einzelheiten zum Ablauf. Es wäre nicht das erste Mal, dass der IS Taten für sich reklamiert, mit denen er am Ende nichts zu tun gehabt hat. Man wird jetzt einfach die Ermittlungen abwarten müssen.

tagesschau.de: Hat denn die IS-Terrormiliz gerade jetzt Interesse daran, den Terror nach Europa zu tragen?

Götschenberg: Ja - definitiv. Der IS ist militärisch so stark wie noch nie unter Druck geraten. Es ist möglich, dass das Kalifat über kurz oder lang verschwinden wird. Der IS hat natürlich ein Interesse daran, diese drohende militärische Niederlage propagandistisch aufzufangen, indem er möglichst viele Anschläge begeht - natürlich auch in Europa. Er ist ja auch durchaus erfolgreich darin gewesen, in den vergangenen Monaten viele Leuten zu rekrutieren, die über das Internet Kontakt aufgenommen haben oder von Instruktoren angesprochen wurden. Diese konnten dann tatsächlich so weit radikalisiert werden, dass sie Anschläge verübten.

tagesschau.de: Jetzt sagen Kritiker, solche Anschläge wie in Barcelona seien auch deswegen möglich, weil der europaweite Datenaustausch noch immer nicht richtig funktioniere. Ist das so?

Götschenberg: Also, ob das in diesem Fall ein Thema war, kann man erst beurteilen, wenn wir mehr über die Attentäter wissen. Wenn sie europaweit unterwegs waren - dann haben wir möglicherweise erneut einen Fall, wo Informationen nicht umfassend geflossen sein könnten. Das wird man jetzt sehen müssen.

Im Endeffekt ist die entscheidende Frage: Haben wir es hier mit einer Zelle zu tun, bei der es denkbar ist, dass einzelne Mitglieder dieser Zelle beim IS gewesen sind? Wir wissen auch nicht, ob es im Vorfeld Warnhinweise gab. Auch stellt sich die Frage, ob einzelne Attentäter einschlägig bekannt sind. Die Behörden halten sich da noch sehr bedeckt.

tagesschau.de: Es war wieder ein Anschlag mit einem Fahrzeug. Sind solche Anschläge nicht zu verhindern?

Götschenberg: Das ist im Moment das Mittel der Wahl - sehr geringer Aufwand und große Wirkung. Man kann auch auf diese Weise viele Menschen töten und der IS propagiert seit langem, dass all´ die Attentäter, die sich keine Waffen und keinen Sprengstoff besorgen können, eben zu solchen Mitteln greifen sollen. Und das Hauptproblem ist, dass solche Anschläge eben für die Behörden im Vorfeld sehr schwer zu erkennen und dementsprechend auch fast nicht zu verhindern sind.

tagesschau.de: Spanien hat bereits scharfe Anti-Terror-Gesetze. Haben diese geholfen, das Land sicherer zu machen?

Götschenberg: Seit den großen Anschlägen in Madrid auf Regionalzüge im März 2004 mit 191 Todesopfern sind viele Jahre vergangen ohne islamistisch motivierte Anschläge in Spanien. Es hat eine Menge Razzien gegeben und eine Menge Festnahmen in den vergangenen Jahren. Dem IS ist es im Endeffekt egal, wo in Europa er zuschlagen kann und wo er Leute findet, die für ihn Anschläge verüben. Es mag reiner Zufall sein, dass er - wenn es eine Verbindung zum IS gibt - in diesem Fall dann in Spanien fündig geworden ist.

Die Fragen stellte Jan Malte Andresen, tagesschau24

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. August 2017 um 15:00 Uhr.