Meterhoch türmt sich der Unrat auf den Straßen von Altenahr. | dpa

Rheinland-Pfalz Hilferuf von Altenahr an Bund und Land

Stand: 04.08.2021 08:51 Uhr

Drei Wochen nach der Flutkatastrophe hat Altenahr den Bund und Rheinland-Pfalz um mehr Hilfe gebeten. Der Wiederaufbau sei zu komplex, um auf lokaler Ebene bewältigt zu werden, sagte Bürgermeisterin Weigand in der ARD.

Die Verbandsgemeinde Altenahr in Rheinland-Pfalz hat Bund und Land in einem offenen Brief eindringlich um mehr Hilfe in der Flutkatastrophe gebeten. In dem veröffentlichten Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsidentin Malu Dreyer fordert die Verbandsgemeinde unter anderem einen Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau des Ahrtals. Dieses Amt solle weitreichende Kompetenzen erhalten und öffentliche und private Hilfen koordinieren. Der Sonderbeauftragte müsse einen Plan zum Wiederaufbau entwickeln und die Umsetzung leiten.

Das Schreiben ist auf den 31. Juli datiert und von der Altenahrer Bürgermeisterin Cornelia Weigand, Malteser-Großkanzler Albrecht Freiherr von Boeselager und 13 Ortsbürgermeistern im Ahrtal unterzeichnet. Das Ausmaß der Zerstörung mache deutlich, dass die bisherigen Hilfen und deren Organisation "nicht ansatzweise ausreichen werden", heißt es in dem Schreiben. "Die Flutkatastrophe hat mit Toten, vielen Verletzten und unvorstellbaren Zerstörungen unermessliches Leid über das Ahrtal gebracht."

Region fordert verlässliche Zusagen

Infrastruktur, Stromversorgung, Abwasserentsorgung und Frischwasserzuleitung, Straßennetz und Gewässernetz seien zerstört. Jeden Tag steige die Gefahr von Seuchen und Krankheiten, da in weiten Teilen keine Versorgung mit Frischwasser und Entsorgung von Abwasser funktioniere.

Die Verbandsgemeinde nennt zehn Punkte, die für den Wiederaufbau, eine Bewältigung der Katastrophe und eine Perspektive im Ahrtal wichtig seien. Kurzfristig brauche die Region etwa verlässliche Zusagen, wann Strom, Wasser, Abwasser und Heizung wieder funktionierten. Auch die Verkehrsinfrastruktur müsse rasch aufgebaut werden. Schulen und Kitas müssten ersetzt oder neugebaut werden.

Langfristig brauche es Sicherheit gegen künftige Hochwasser, ein gutes Frühwarnsystem und funktionierenden Katastrophenschutz. Die Infrastruktur müsse zudem hochwassertauglich gebaut werden. Wichtig seien auch Hilfen dabei, das Trauma zu verarbeiten. "Ein Programm zur Traumabewältigung muss her. Die schrecklichen Bilder werden uns bis ans Lebensende begleiten", heißt es.

"Das Herz der Mittelahr ist faktisch herausgerissen"

"Das Herz der Mittelahr ist faktisch herausgerissen, weil wirklich alles zerstört ist", sagte die Altenahrer Bürgermeisterin Weigand in den tagesthemen. Die materiellen und beruflichen Existenzen der Menschen sowie die Infrastruktur müssten wiederhergestellt werden. "Das hat eine solche Komplexheit, dass es nicht auf lokaler Ebene zu machen ist. Das gehört auf eine Bundesebene."

Geld allein reiche dabei nicht aus, so Weigand. Der Bund und Rheinland-Pfalz müssten beispielsweise auch große Baustellen nach hinten priorisieren, um überhaupt die Arbeits- und Materialleistung für einen Wiederaufbau gewährleisten zu können.

Die Menschen im Ahrtal benötigten eine Perspektive, sagte Weigand. Momentan gebe es ein politisches Vakuum. "Das ist relativ gefährlich, wenn die Ziele noch nicht klar sind, wo es für die Menschen hingehen kann." Im Ort seien bereits vereinzelt "Querdenker" und rechtsradikale Parolen zu vernehmen. "Das passt eigentlich überhaupt nicht zu dieser Region", so Weigand.

Dreyer fordert Sondersitzung des Bundestags

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer forderte eine Sondersitzung des Bundestags in der Sommerpause, um einen Aufbaufonds für die Opfer der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen auf den Weg zu bringen. Mit einem Bundesgesetz müsse schnell Klarheit darüber geschaffen werden, wie das Geld bei den Betroffenen verlässlich ankomme, sagte Dreyer. Jeder Tag zähle.

Sie schlug vor, nach Schätzung der Schäden solle die Ministerpräsidentenkonferenz am 10. August einen Beschluss fassen. Anschließend könnten Bundestag und Bundesrat ein Aufbauhilfegesetz zügig beraten und beschließen. "Es ist wichtig, dass die Hilfen schnell und zuverlässig ankommen. Wir dürfen die Menschen in den betroffenen Regionen nicht im Stich lassen", sagte die Ministerpräsidentin.

Nach ersten Schätzungen gingen die Schäden in die Milliarden und lägen höher als beim Oder-Hochwasser, sagte Dreyer. Sie begrüße daher eine Beteiligung aller Länder an dem Wiederaufbaufonds. Eine nationale Katastrophe erfordere eine nationale Kraftanstrengung. Auch beim Oder-Hochwasser 2013 sei auf die Solidarität der Länderfamilie Verlass gewesen.

Als direkte Reaktion auf den offenen Brief teilte der Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, Fabian Kirsch, mit: "Die Landesregierung befindet sich in permanenter Abstimmung und Rücksprache mit den Verantwortlichen in den betroffenen Regionen. Wir gehen, wo immer es möglich ist, auf deren Wünsche und Bedürfnisse ein. Bundes- und Landesregierung haben schnell reagiert und geholfen. Viele der Forderungen des offenen Briefs sind bereits umgesetzt oder aber auf dem Wege der Umsetzung: Der Bund hat Hilfen zugesagt, das Land Soforthilfen beschlossen und ein Spendenkonto eingerichtet, erste Auszahlungen laufen. Im Innenministerium wurde ein Wiederaufbaustab eingerichtet, um den Wiederaufbau zu koordinieren und Verzögerungen zu vermeiden."

Zahl der Toten im Ahrtal auf 139 gestiegen

Fast drei Wochen nach den verheerenden Unwettern im Westen Deutschlands stieg die Zahl der Toten im Ahrtal auf 139. Nach Angaben des Landkreises Ahrweiler konnten bisher 106 der Opfer identifiziert werden. Weitere 26 Menschen gelten immer noch als vermisst.

Insgesamt meldete der Kreis bisher 766 Verletzte. In der vom Unwetter besonders schwer getroffenen Region sind derzeit rund 5000 Kräfte der Feuerwehr, des THW, der Polizei, der Bundeswehr sowie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Einsatz.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. August 2021 um 20:00 Uhr.