Gruppe am Gipfel
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tagesthemen mittendrin Streit über den "Wächter des Allgäus"

Stand: 26.10.2020 15:19 Uhr

"Wächter des Allgäus" wird der Grünten genannt. Doch spätestens seit Corona wird der Berg überrannt - und nun will eine Familie auch noch die Lifte modernisieren. Der Streit über den Tourismus entzweit die Anwohner.

Von Andreas Herz, BR

Auf dem Gipfel des Grünten wischt Thomas Karl durch seine Handy-Bilder. Mehr als hundert Mal ist er in den letzten Monaten auf den Berg gestiegen, um den Ansturm zu dokumentieren. Dann hat er das Bild gefunden. Mit beiden Fingern vergrößert er den Gipfel. Dort sitzen Menschen dicht gedrängt. "Manche machen da Prosecco-Frühstück."

Adrian Gioja sitzt neben Karl und nickt. Er hat schon Leute in weißen Mokassins auf den Gipfel steigen sehen. Zusammen mit Karl engagiert er sich in einer Bürgerinitiative, die eine Modernisierung der Lifte am Grünten verhindern will. Er fürchtet, dass der Berg überrannt wird.

Böse Briefe aus dem Norden

Anja Hagenauer, eine junge Frau mit braunem Pferdeschwanz, hat diese Sorge schon unzählige Male zurückgewiesen. Sie ist das mediale Aushängeschild der Hagenauers. Die Familie investiert in den Berg-Tourismus im Allgäu und will das nun auch am Grünten tun.

Was genau die Pläne derzeit sind, will Hagenauer nicht mehr öffentlich sagen. Zu oft sei sie angefeindet worden. Sogar aus Hamburg und Neuss kamen böse Briefe. Der letzte Stand war, dass der alte Zweier-Sessellift, der jetzt aus dem Ort Kranzegg hinauf zur Grüntenhütte führt, durch eine Zehner-Gondel ersetzt wird.

Sommer-Gaudi für die Massen?

Die Grüntenhütte ist ein in die Jahre gekommener Bau mit Holzschindeln, die am Fundament abbröckeln. Gioja sagt, dass sie nach den Plänen der Hagenauers einem zweigeschossigen Bau weichen solle, durch den dann die Gäste aus der Zehner-Gondel durchgeschleust werden. Kässpätzle und Almdudler im Dauerbetrieb.

Die Hagenauers - da sind sich Befürworter wie Gegner einig - haben jedoch ein Problem: Der Grünten ist nur 1737 Meter hoch. Schneesicherheit sieht in Zeiten des Klimawandels anders aus. Deshalb wird der Sommerbetrieb immer wichtiger. Ursprünglich planten die Hagenauers deshalb eine Walderlebnisbahn. Die Pläne wurden jedoch nach dem Protest der Gegner auf Eis gelegt.

Schnell über die A7 zu erreichen

Gioja fürchtet jedoch, dass die Pläne wieder aus der Schublade kommen, wenn die Lifte erstmal ertüchtigt sind, unterstützt mit Geldern der bayerischen Staatsregierung. Den Grünten, der Berg, an dem er aufgewachsen ist, sieht er dann auf dem Weg in die Reihe austauschbarer Skigebiete, wie man sie in den Alpen zuhauf findet.

Doch es gibt auch eine andere Wahrheit. Zurück auf dem Gipfel sitzt da eine junge Frau mit ihrem Mann. Sie kennt den Berg noch aus ihrer Kindheit als Ort der Ruhe. Doch nun: "Jeder postet auf Instagram oder Facebook: 'Heute wieder Grünten!' Alle nachts auf den Grünten, alle tags auf den Grünten!" Alle wollen raus, gerade seit Corona.

Tatsächlich ist der Berg auch ohne Zehner-Gondel schon überlaufen. Das liegt einerseits daran, dass der "Wächter des Allgäus" schnell über die A7 zu erreichen ist. Das liegt aber auch daran, dass sich heute jeder in der Natur individuell verwirklichen will.

 Ausflügler starten an einem voll belegten Parkplatz zu einer Wanderung auf den Grünten. | dpa

Ausflügler starten an einem voll belegten Parkplatz zu einer Wanderung auf den Grünten. Während der Corona-Pandemie hat sich Wandern als Krisen-Gewinner entpuppt. Das hat auch Nachteile, finden viele Anwohner. Bild: dpa

Streit entzweit Familien

Anton Rothärmel ist Gastwirt unweit der Talstation. Die Ego-Trips am Berg stoßen ihm sauer auf. Die Tourenski-Geher, die nachts Wild aufscheuchen, aber von anderen Naturschutz einfordern. "Wenn man schon sagt, man will etwas CO2-neutral machen, dann muss doch keiner nach Österreich oder ins Kleinwalsertal fahren, wenn man von Kempten hierher 19 Kilometer fährt", meint Rothärmel.

Er findet die Pläne der Hagenauers gut: "Das würde auch den Ort wiederbeleben. Früher hatten wir in unserem Ort noch ein Hotel, heute nicht mehr. Statt früher sieben Wirtschaften sind wir nun noch zwei. Es ist alles ein bisschen im Dornröschenschlaf."

Der Streit entzweit inzwischen die Anwohner. Die Risse gingen sogar durch Familien, berichtet Gioja. "Zum Teil sind Geburtstage auseinander." Thomas Karl sieht es auch als Zeitgeist-Phänomen. "Man bedroht sich mit juristischen Schritten, auf Facebook würden Sachen behauptet die nicht stimmen und völlig an der Sache vorbei gehen." Man habe verlernt, miteinander zu reden statt übereinander, sagt eine Anwohnerin.

Widersacher an einem Tisch

Ob das möglich ist, wollen wir testen. Es gelingt, den Lift-Gegner Gioja und den Lift-Befürworter Rothärmel an einen Tisch zu bringen. Über vieles streiten sie weiter. Gioja fürchtet den Sommerbetrieb, Rothärmel glaubt nicht an den Ansturm. In manchem sind sie sich aber auch einig, etwa darin, dass die massive künstliche Beschneiung ein Problem ist.

Und: Beide hören sich zu. Das ist noch keine Lösung für den Grünten. Aber es ist ein Anfang.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. Oktober 2020 um 22:35 Uhr.