Ali Mitgutsch | picture alliance/dpa

Ali Mitgutsch Der "Vater der Wimmelbücher" ist tot

Stand: 11.01.2022 21:50 Uhr

Mit seinen Wimmelbüchern hatte Ali Mitgutsch ein neues Genre geschaffen - jedes einzelne Bild sei ein Teil von ihm, sagte er einmal. Nun ist der Illustrator und Kinderbuchautor im Alter von 86 Jahren gestorben.

Ali Mitgutsch, der "Vater der Wimmelbücher" ist tot. Das teilte sein Sohn dem BR mit. Auch der Ravensburger Verlag bestätigte die Nachricht: Der Kinderbuchautor sei am Montagabend im Alter von 86 Jahren in München gestorben.

"Frech, witzig, liebevoll - Ali Mitgutschs Sicht auf die Welt, auf den Zauber des Alltäglichen war einzigartig, hat Generationen von Kindern und Erwachsenen begeistert und ihn zum 'Vater der Wimmelbücher' gemacht", teilte Ravensburger in einer Würdigung mit. Der Verlag verneige sich "vor seinem Freund und langjährigem Autor".

Millionen Exemplare verkauft

Mitgutsch wurde 1935 in München geboren. Seine Karriere begann er als Grafiker, 1968 erschien sein erstes Wimmelbuch "Rundherum in meiner Stadt" im Ravensburger Verlag. 1969 erhielt Mitgutsch dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. Seitdem sind mehr als 70 Bücher, Poster und Puzzles mit seinen Figuren und Zeichnungen erschienen.

Mit den Wimmelbüchern hat Mitgutsch ein neues Genre geschaffen. Allein in Deutschland wurden über fünf Millionen Exemplare der ohne Worte auskommenden Kinderbücher verkauft, international kamen mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare dazu.

In Interviews zu seinem 80. Geburtstag sagte Mitgutsch: "Jedes einzelne Wimmelbild ist ein Teil von mir." Futter für seine Bilder bekam der Künstler auf Streifzügen durch die Stadt, vor allem durch sein geliebtes Schwabing. "Dazu habe ich stets einen kleinen Block und einen Stift dabei und zeichne flink Skizzen, mit denen ich dann später arbeite."

Prägend: Eine Fahrt auf dem Riesenrad

Schon als Kind war Mitgutsch, der eigentlich Alfons hieß, ein guter Beobachter. Auch sein Talent fürs Zeichnen zeigte sich früh. Doch das Leben war hart: Der Zweite Weltkrieg, Heimatlosigkeit, Hunger und bittere Not prägten seine Kindheit. Großen Einfluss auf ihn hatten damals die Geschichten seiner Mutter. Sie konnte ihren Kindern zwar kein wohlhabendes Elternhaus bieten, dafür aber ihre reiche Fantasie. "Sie hüllte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und fühlten uns darin geborgen", schrieb Mitgutsch in den Kindheitserinnerungen "Herzanzünder".

Ein prägendes Erlebnis seiner Kindheit wurde die Fahrt auf dem Riesenrad auf dem Münchner Jahrmarkt Auer Dult. Was der Junge aus der Gondel sah, faszinierte ihn: "Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig, die Geschichten gingen nicht aus: Menschen liefen über den Platz, kamen zu Gruppen zusammen, lösten sich wieder auf, Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster und ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hinauf", erinnerte er sich.

Das Riesenrad findet sich im ersten Wimmelbuch von 1968. "Die Aufsicht auf Dinge und Situationen blieb für mich ein Leben lang ein spannendes Thema: Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder", sagte Mitgutsch.

Seit 2017 im Ruhestand

Noch heute bestechen die Wimmelbilder durch farbenfrohe Fröhlichkeit und den ironischen Blick auf Kleinigkeiten und menschliche Schwächen. Ein Mann rutscht aus, ein Lauser plant einen Angriff - Situationen, die dazu einladen, die Geschichten weiterzuspinnen. Genau das wollte Mitgutsch erreichen: "Meine Wimmelbücher sind gemacht, um die Kinder in die Gärten der Fantasie zu führen, dass sie selber weitermachen."

Ab 2007 konzentrierte sich Mitgutsch auf das Schaffen seiner "Traumkästen", kleiner gerahmter Bühnen. Seit 2017 war er im Ruhestand und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Januar 2022 um 20:00 Uhr.