Das ukrainische Atomkraftwerk in Tschnernobyl | AFP

Gefährdete AKW in der Ukraine Wie Deutschland gerüstet ist

Stand: 11.03.2022 14:09 Uhr

Die IAEA hat nach Tschernobyl auch die Verbindung zum AKW Saporischschja verloren. Russische Truppen hatten beide Standorte eingenommen. Wie gut ist Deutschland im Fall erhöhter Radioaktivität gerüstet?

Von Mirja Fiedler, RBB

Es ist ein Mahnmal - das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl. Vor 36 Jahren hatte es dort einen katastrophalen Unfall gegeben. Hunderte Menschen kamen deswegen ums Leben. Radioaktives Material breitete sich über Europa aus. 14 Jahre später wurde der letzte Reaktorblock abgeschaltet. Doch die Brennelemente klingen dort weiter ab und brauchen Strom, um gekühlt zu werden. Aber dieser Strom fehlte jetzt. Unabhängige gesicherte Informationen aus den umkämpften Gebieten gibt es derzeit kaum.

Mirja Fiedler

Nach Angaben der staatlichen ukrainischen Atomenergiefirma waren wegen anhaltender Kämpfe Leitungen gekappt worden. Da russische Soldaten die Anlage besetzt hätten, sei es nicht möglich, die Stromleitungen zu reparieren. Laut russischem Energieministerium haben Spezialisten aus Belarus die Stromversorgung mittlerweile wiederhergestellt.

Kuleba warnt vor radioaktiver Strahlung

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hatte aber gewarnt, wenn der Strom weiter ausfalle, bestehe die Gefahr, dass radioaktive Strahlung austrete. Dieselgeneratoren als Reserve hätten eine Kapazität von 48 Stunden, um das AKW Tschernobyl mit Strom zu versorgen. Auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zeigte sich besorgt. IAEA-Chef Rafael Grossi hatte mitgeteilt, dass auch die Datenverbindung zu den Überwachungsgeräten im größten europäischen Atomkraftwerk in der Ukraine, Saporischschja, verloren gegangen sei.

"Die Situation verschlechtert sich", sagte Grossi. Laut IAEA hat der Stromausfall in Tschernobyl zwar keine kritischen Folgen für die Sicherheit. Dennoch sei es ein Problem, wenn die IAEA nicht durchgehend Daten bekäme, um zu kontrollieren, dass das Nuklearmaterial nur für friedliche Zwecke genutzt werde, erklärte Grossi in Wien.

Behörden: Gefahr für Deutschland gering

Deutsche Behörden sehen aber nach eigenen Angaben momentan keine akute Gefahr. "In Tschernobyl lagern ungefähr 20.000 Brennelemente in einem Lagerbecken", heißt es aus dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV), das sich mit dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) abstimmt. "Selbst bei einem vollständigen Stromausfall besteht nach Einschätzung des BMUV und BfS keine Gefahr sofortiger Freisetzung von radioaktiven Stoffen, da sich das Lagerbecken aufgrund des hohen Alters der Brennelemente (mehr als 20 Jahre) nur langsam erwärmen würde."

Messwerte laut Bundesamt im normalen Bereich

"Alle vorliegenden radiologischen Messwerte bewegen sich im normalen Bereich", erklärt das BfS. "Radiologische Auswirkungen auf Deutschland sind nach dem Stand der verfügbaren Informationen nicht zu befürchten." Die Behörde überwacht die Radioaktivität in Deutschland nach eigenen Angaben rund um die Uhr mit rund 1700 Messsonden, deren Daten im Internet einzusehen seien. "Kein anderes Land verfügt über ein so dichtes Messnetz wie Deutschland", sagt ein BMUV-Sprecher.

Wenn der Radioaktivitätspegel an zwei benachbarten Messstellen einen bestimmten Schwellenwert überschreiten sollte, wird dies laut BfS automatisch gemeldet. Notfallmaßnahmen beträfen voraussichtlich zuerst die landwirtschaftliche Produktion.

Bundesländer lagern für den Katastrophenfall Jodtabletten

"In Deutschland sind 189,5 Millionen Jodtabletten in den Bundesländern bevorratet, die bei einem Ereignis, bei dem ein Eintrag von radioaktivem Jod in die Luft zu erwarten ist, in den möglicherweise betroffenen Gebieten durch die Katastrophenschutzbehörden verteilt werden", ergänzt das BfS. Die Tabletten sollen Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Erwachsenen vorbeugen. Sie seien für bis 45-Jährige im Umkreis von rund 100 Kilometern um Atomkraftwerke gedacht, außerdem bundesweit für Kinder, Jugendliche und Schwangere, erläutert BfS-Sprecherin Anja Lutz.

Entscheidend sei, die hochdosierten Tabletten weder zu früh noch zu spät einzunehmen, damit sie schützten. Das BMUV rät dringend davon ab, Kaliumiodidtabletten selbstständig einzunehmen: "Eine Selbstmedikation birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinerlei Nutzen."

Evakuierung oder in geschlossenen Räumen bleiben?

Wenn es in Deutschland zu einer nuklearen Katastrophe kommen sollte, empfiehlt die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) für die Bevölkerung zwei Optionen: "Das Gebiet sollte evakuiert werden", sagt GRS-Sprecher Jan Klebert. "Ansonsten sollten Sie sich in Ihre Wohnung oder Ihr Haus begeben, Türen und Fenster geschlossen halten und warten." Nach dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima vor elf Jahren ist der Radius um Atomkraftwerke für mögliche Katastrophenschutzmaßnahmen ausgedehnt worden.

Berlin nach eigenen Angaben gut vorbereitet

"Berlin ist - wie Deutschland insgesamt - sehr gut auf radiologische Gefahrenlagen vorbereitet", meint der Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, Jan Thomsen. Bei erhöhter Strahlenbelastung werde das Land die Bevölkerung unter anderem über das Modulare Warnsystem des Bundes inklusive des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sowie die Warn-Apps NINA und KATWARN informieren.

In einer Broschüre gebe die Senatsverwaltung außerdem Tipps, wie Menschen sich verhalten sollten, falls eine radioaktive Wolke durch Berlin zieht.

Bund: AKW gegen meiste militärische Waffen teilweise geschützt

Die wichtigen Gebäude der deutschen Atomkraftwerke sind laut BMUV mit massiven Stahlbetonwänden umgeben. "Hierdurch ist sowohl ein gewisser Schutz gegen die meisten militärischen Waffen als auch gegen den unfallbedingten Absturz eines schnellfliegenden Militärflugzeugs gewährleistet“, erklärt der BMUV-Sprecher. Nur bei einem gezielten Angriff mit schweren bunkerbrechenden Waffen könne der Bund nicht ausschließen, dass radioaktive Stoffe freigesetzt werden. Mit dem Krieg in der Ukraine dagegen steige dort das Risiko für einen Unfall mit lokal schwerwiegenden radiologischen Folgen, ergänzt der Sprecher. "Eine vergleichbare Auswirkung wie Tschernobyl 1986 wäre jedoch nicht anzunehmen."

Tschernobyl-Gelände sollte Atommüllzwischenlager werden

Davon gehen auch viele Wissenschaftler aus, unter anderem weil die Reaktortypen in der Ukraine heute andere seien. "Ich denke, dass es wichtig ist zu vermeiden, dass die Kühlbecken austrocknen", erklärt Mark Foreman von der Technischen Hochschule Chalmers in Schweden. "Aber die Konsequenzen trockener Kühlbecken wären viel geringer als beim Unfall 1986 in Tschernobyl oder dem jüngeren Unfall in Fukushima."

Eigentlich sollte in diesem März sogar damit begonnen werden, das ukrainische Inventar an alten Brennelementen nach Tschernobyl zu verlegen. "Jetzt stellt es sich als Glücksfall dar, dass nicht - anders als geplant - das Reaktorgelände in Tschernobyl als zentrales Zwischenlager für den gesamten radioaktiven Abfall auch aus den anderen ukrainischen Atomkraftwerken genutzt wurde", sagt Umweltradioaktivitätsprofessor Georg Steinhauser von der Universität Hannover. "Das ist durch die Invasion natürlich nicht zustande gekommen."

Bund und Länder erarbeiten Notfallpläne

Die Bundesregierung reagiert trotzdem. "Die radiologische Notfallplanung wird derzeit umfassend überarbeitet", sagt der BMUV-Sprecher. Dazu zählten allgemeine und besondere Notfallpläne von Bund und Ländern. Auch die Energieminister der G7-Staaten erklärten, sie seien angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zutiefst besorgt um die Sicherheit der Atomanlagen dort.

Dies schaffe eine dauerhafte Gefahr weit über die Grenzen der Ukraine hinaus, teilten die Minister von Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien, den USA sowie die EU-Energiekommissarin gestern Abend mit. "Wir rufen Russland auf, jeglichen Gebrauch von Gewalt gegen oder in der Nähe von ukrainischen Anlagen einzustellen", so die Minister. Die Anlagen müssten unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung bleiben.