Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr-Ahrweiler | AP
Reportage

Kreis Ahrweiler Angst vor der Zukunft, Sorge vor Corona

Stand: 20.07.2021 20:10 Uhr

Polizisten suchen weiter nach Opfern, ein Arzt berichtet von Anwohnern, die keinen Schlaf mehr finden - und dann ist da noch die Angst vor Corona. Auch Tage nach dem Hochwasser ist an Normalität in Rheinland-Pfalz nicht zu denken.

Von Sandra Biegger, SWR  

"Picknick an der Ahr! Auch in Deutschland ist es schön!", steht auf der Homepage der Gemeinde Müsch. Und: "Wir wünschen euch eine schöne Urlaubszeit!" Urlaub und Picknick, das erscheint vielen Menschen in der Gemeinde im Norden von Rheinland-Pfalz derzeit unwirklich und ganz weit weg. Dass am Montag die Sommerferien begonnen haben - das spielt in der derzeitigen Ausnahmesituation für die wenigsten eine Rolle.

Sandra Biegger

Touristen und Ausflügler sieht man derzeit nicht am Ufer der Ahr. Dafür jede Menge Polizisten in Gummistiefeln und Watthosen, die im und am Fluss nach Leichen suchen - besonders zwischen umgeknickten Baumstämmen, Ästen und Abfall, den die Strömung ans Ufer getrieben hat.

Schwierige Identifizierung

Systematisch durchkämmen die Einsatzkräfte das Flussufer der Ahr im kompletten Landkreis Ahrweiler. Rund 130.000 Menschen leben dort, bislang hat das Hochwasser von vergangener Woche nach Angaben der Polizei allein hier mehr als 117 Todesopfer gefordert. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz warnt, man müsse sich darauf einstellen, dass diese Zahl weiter steige. Noch immer gelten mindestens 170 Menschen in der Region als vermisst.

Die Polizei glaubt, dass sie in den kommenden Tagen vor allem Leichen in ausgepumpten Kellern im Hochwassergebiet finden wird. Bei der Suche in den Dörfern gehen die Beamten systematisch die Häuser ab. "Nicht, dass Nachbarn ihre Nachbarn finden", sagt Lewentz. Die Situation sei für die Menschen schon belastend genug. Auch weil bislang erst rund ein Drittel der Leichen identifiziert werden konnte. Die starke Strömung der Flut hat viele Tote kilometerweit von ihrem Wohnort abgetrieben.

Impfbus in Bad Neuenahr-Ahrweiler | REUTERS

Zusätzliche Herausforderung Corona: Ein Impfbus fährt die Dörfer in der Region an. Bild: REUTERS

Unvorstellbar viel Müll

Neben der Suche nach Vermissten und Leichen geht das große Aufräumen weiter. Vor den Häusern, in den Straßen, überall stapelt sich der Müll. Kaputtes Geschirr, Matratzen, Haustüren, Schränke, Gartenmöbel, Autoreifen, Elektrogeräte - alles liegt auf riesigen Haufen. Nichts ist sortiert oder für den Abtransport zerkleinert worden. Für die Entsorgungsbetriebe eine riesige Herausforderung. Seit vergangenem Freitag wurde allein in der Region Trier doppelt so viel Sperrmüll angeliefert wie sonst in einem ganzen Jahr.

Maximilian Monzel, Verbandsdirektor vom zuständigen Zweckverband Abfallwirtschaft sagt, derzeit seien 200 Lastwagen im Einsatz, um den Müll abzutransportieren. Man wolle den Hochwasseropfern wenigstens diese kleine Erleichterung verschaffen. Das sei aber aufgrund der riesigen Menge gar nicht so einfach: "Im Moment ist die größte Schwierigkeit, das Material zu laden. Schlicht und ergreifend durch die Straßen zu kommen, und dann muss man diese Massen auch erst mal auf die Lkw bekommen." Nur dank der Polizei sei es teilweise überhaupt möglich gewesen, das Verkehrschaos in den Griff zu bekommen, dass die Lastwagen schnell losfahren konnten.

Krankmeldungen für Hochwasseropfer

Improvisationstalent ist auch bei Dr. Klaus Korte gefragt. Der Mediziner hat seit 20 Jahren eine Hausarztpraxis in der Gemeinde Ahrbrück. Auch sie wurde durch die Wassermassen beschädigt, deshalb behandelt der Mediziner seine Patienten seit mehreren Tagen in der Grundschule im Ort. Zu tun gebe es mehr als genug, sagt der Arzt.

Er habe im Laufe seines Lebens schon viel gesehen und gehört. Nichts sei mit der Unwetterkatastrophe vergleichbar gewesen: "Gegen das, was hier bei uns passiert ist, ist Corona ein Kindergeburtstag!" Er und sein Team würden unter anderem für zuckerkranke Kindern Insulin besorgen, das in die Ahr gespült worden sei, Patienten mit Schlammwunden bräuchten Antibiotika, außerdem seien viele Menschen traumatisiert, könnten teilweise seit Tagen nicht mehr schlafen. Und dann, berichtet der Arzt, gebe es doch tatsächlich auch Arbeitgeber, die selbst in dieser Katastrophe darauf bestehen würden, dass ihre Angestellten, die alles verloren hätten, eine Krankmeldung bringen.

Angst vor Corona

Auch wenn die Pandemie für die meisten Hochwassergeschädigten derzeit weit, weit weg erscheint. Das Land Rheinland-Pfalz und die Kreisverwaltung Ahrweiler befürchten, dass es in dem Hochwassergebiet zu einem sprunghaften Anstieg von Corona-Erkrankungen kommen könnte. In den Stunden der Todesangst und Verzweiflung gingen den meisten Menschen viele Gedanken durch den Kopf.

Dass sie Abstand halten, eine Maske tragen und auf Hygiene achten, daran denken sie eher nicht. Zumal die Wassermassen vielerorts sowohl Masken als auch Desinfektionsmittel weggespült haben. Außerdem wurde auch das Impfzentrum in Grafschaft  unter Wasser gesetzt. Deshalb fährt ab jetzt ein Impfbus die Dörfer in der Region an. Dort kann sich jeder ohne Termin impfen lassen. Auch Coronatests werden angeboten.

Sorge um die Zukunft

Mittlerweile macht sich bei vielen Politikern, Gastronomen und Hoteliers in der Region eine andere Sorge breit. Nachdem die Flut die vielen kleinen schmucken Dörfer verwüstet hat, wer wird hier noch Urlaub machen wollen? Und: Jetzt, da klar ist, dass sich auch die bislang eher harmlose Ahr in einen reißenden Fluss verwandeln kann, wer wird sich hier nochmal ein Haus bauen wollen?

"Wir enden nicht im Schlamm"

Aber auch in der größten Katastrophe gibt es kleine Glücksmomente. Wolfgang Horna aus Ahrweiler hat so einen erlebt. Seit der Flutnacht hat er seinen Ehering vermisst - und ihn jetzt im Schlamm, einige Meter von seinem Haus entfernt, wiedergefunden. Zwischen Sperrmüll und Dreck habe ihm seine Frau den Ehering jetzt nochmal neu angesteckt, wie damals bei ihrem Ehegelübde. Mit bebender Stimme sagt Wolfgang Horna trotzig: "Ich danke dem Herrn, dass ich so eine Frau bekommen habe, mit ihr werde ich es schaffen, wir alle werden es schaffen, wir gehen nicht unter, wir enden nicht im Schlamm!"

 

 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Juli 2021 um 20:00 Uhr.

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