Interview

Interview mit Afrikanistin "Ein folgenschwerer Teil unserer Geschichte"

Stand: 27.02.2010 04:40 Uhr

In Afrika nach Spuren der Kolonialzeit zu suchen, ist naheliegend. Doch auch in Deutschland gibt es koloniale Relikte. Nicht alle kann man sehen. Die Vorstellung, "dass Schwarze allenfalls unsere Diener sein können, existiert in manchen Köpfen noch immer", sagt Afrikanistin Bechhaus-Gerst im Gespräch mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Wie bewerten Sie Initiativen, wie das Tribunal zum Gedenken an 125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz?

Marianne Bechhaus-Gerst: Ich halte solche Initiativen für wichtig und überfällig. Sie machen bewusst, dass es sich um einen sehr wichtigen und folgenschweren Teil unserer Geschichte handelt. Denn von den Spätfolgen der Kolonisierung hat sich Afrika bis heute nicht ganz erholt. Deutschland beschäftigt sich allerdings zu wenig mit dieser Epoche. Sie ist kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert. Auch auf der offiziellen politischen Ebene ist noch zu wenig passiert. Sogar für den Völkermord an den Herero gab es 2004 nur eine halbherzige Entschuldigung der damaligen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

alt Prof. Marianne Bechhaus-Gerst von der Universtität Köln ist Expertin für Kolonialgeschichte.

Zur Person

Marianne Bechhaus-Gerst ist Professorin für Afrikanistik an der Universität Köln. Die deutsche Kolonialgeschichte und das Bild Afrikas in der populären Kultur gehören zu den Schwerpunkten ihrer Forschung. Sie ist Vorsitzende des Vereins Kopfwelten, der sich für den Abbau von stereotypen Vorstellungen von Afrika einsetzt.

tagesschau.de: Warum fällt das öffentliche Gedenken an diese Zeit eher dürftig aus?

Bechhaus-Gerst: Das liegt sicher daran, dass die Zeit, in der Deutschland tatsächlich Kolonien hatte, nur von 1884 bis 1918, also 34 Jahre, dauerte. Man hat sich lange nicht damit beschäftigt, wie die politischen und historischen Prozesse danach verlaufen sind. Zum Beispiel weiß kaum jemand, dass es noch bis 1943 Bestrebungen gab, die Kolonien zurückzugewinnen. Ein anderer Grund ist die natürlich notwendige Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die uns aber die Epoche der deutschen Kolonialzeit vergessen ließ.

Relikte aus der Kolonialzeit

tagesschau.de: Welche Relikte aus der Kolonialzeit finden sich heute noch in der deutschen Alltagskultur?

Bechhaus-Gerst: Viele Städte haben Straßennamen oder Denkmäler, die an vermeintliche Kolonialhelden oder vermeintliche deutsche Großtaten während der Kolonialzeit erinnern. Zu erwähnen wären hier zum Beispiel Straßen in verschiedenen Städten, die noch immer nach Carl Peters oder Hermann von Wissmann benannt sind, obwohl man beide als gewalttätige Kolonialisten bezeichnen kann. Diesbezüglich begann aber vor einiger Zeit eine Auseinandersetzung, die von verschiedenen Initiativen und auch Parteien forciert wird.

Passanten betrachten eine Gedenktafel
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In der Wilhelmstraße in Berlin erinnert eine Gedenktafel an die Afrika-Konferenz. Es gibt aber auch noch Straßennamen, die nach vermeintlichen Kolonialhelden benannt sind. erinnern soll.

Es gibt aber noch andere Beispiele für materielle Relikte in unserer Alltagskultur. Wenn Sie zum Beispiel in ein Dekorationsgeschäft oder in ein Möbelhaus gehen, dann finden Sie dort Abbildungen von Afrikanern, die als Gehilfen in Form von Kerzenhalter oder Schalenträger dargestellt werden. Diese Figuren sind gerade wieder sehr populär. So wird die koloniale Vorstellung repräsentiert, dass Schwarze allenfalls unsere Diener sein können.

tagesschau.de: Welche Bilder prägen heute außerdem die Vorstellung von Afrikanern?

Bechhaus-Gerst: Die Medien vermitteln nur ein sehr eingeschränktes Bild von Afrika. Man hört und sieht meistens nur von Afrika, wenn es um Krieg, Hunger oder Armut geht. Die Bilder, die dann gezeigt werden, bestätigen sehr oft die Stereotypen vom Afrikaner, der sich selbst nicht entwickeln kann, der nicht arbeiten will. Diese Vorstellungen wurden zur Kolonialzeit und auch davor entwickelt, um den Kolonialismus - die gewaltsame Aneignung eines Kontinents - zu rechtfertigen.

tagesschau.de: Wie entstand denn dieses Bild des Afrikaners, der nicht arbeiten will?

Bechhaus-Gerst: Das Bild vom faulen Afrikaner wurde konstruiert, weil die Afrikaner nicht freiwillig auf den Plantagen der Deutschen arbeiten wollten. Diese Weigerung konnte man sich nach dem vorherrschenden Diskurs der Zeit nur durch die vermeintliche Faulheit und Dummheit der Afrikaner erklären. Dabei wollten sie sich die eigene Infrastruktur nicht zerstören lassen und waren nicht bereit, sich für einen Hungerlohn zu Tode zu arbeiten.

Die Sexualisierung der Afrikaner

tagesschau.de: Ein anderes Stereotyp ist die vermeintliche Omnipotenz der Afrikaner. Woher kommt dieses Bild?

Bechhaus-Gerst: Diese Sexualisierung von Afrikanern war schon in der Kolonialzeit sehr dominant. Zum Bild des naturverbundenen, unzivilisierten Afrikaners gehörte auch eine angeblich animalische, ungezügelte Sexualität, die im Gegensatz zu der bedeckten Prüderie stand, die Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland herrschte. Diese Klischees finden sich auch heute noch zum Beispiel in der Werbung wieder.

Karte Namibia Afrika Togo Kamerun Tansania Ruanda Burundi
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Dort wo heute diese Staaten sind, befanden sich früher deutsche Kolonien. Die Kolonialgebiete gingen teilweise über die heutigen Grenzen hinaus.

Um ihre Beziehungen zu Einheimischen zu rechtfertigen, erschufen Kolonialisten Fantasien von der afrikanischen Frau als Verführerin, deren Tricks sie nicht widerstehen konnten. Die beliebten Völkerschauen, auf denen man Afrikanerinnen und Afrikaner halbnackt sehen konnte, weil das das vermeintlich Natürliche war, trugen ebenfalls zur Sexualisierung der Afrikaner bei. Die Attraktivität, die afrikanische Männer auf deutsche Frauen ausübte, war damals ein Tabuthema. Es ist allerdings überliefert, dass junge Frauen wie Groupies mit ihren Köfferchen am Bahnhof standen, um hinter den Teilnehmern der Völkerschauen herzureisen.

tagesschau.de: Sie sind Vertrauensdozentin für Studierende, die Opfer von Diskriminierungen sind. Welche Fälle sind typisch für die Diskriminierung von Afrikanern?

Bechhaus-Gerst: Auch im akademischen Bereich gibt es Fälle, in denen Afrikaner und Afrikanerinnen als zu dumm erachtet werden, an der Universität mitzuhalten. Allerdings sind solche Fälle von Diskriminierung sehr selten. Im Alltag sieht das jedoch oft anders aus. Ich habe zum Beispiel von Situationen gehört, in denen Afrikanerinnen von wildfremden Männern 20 Euro angeboten wurden, damit sie mit zu ihnen nach Hause kämen. Die koloniale Vorstellung, dass sich Afrikanerinnen als Dienerinnen, Putzfrauen oder Prostituierte nützlich machen können, existiert noch immer in den Köpfen vieler Menschen.

Die Fragen stellte Melanie Stinn für tagesschau.de

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