Afghanische Flüchtlinge besteigen im Rahmen der Evakuierungsmaßnahmen "Operation Allies Refuge" ein US-Militärflugzeug von Typ Boeing C-17 Globemaster III am Hamid Karzai International Airport. (Archiv)  | dpa

Hilfe für Ortskräfte gefordert Mehr Menschen vor den Taliban retten

Stand: 13.08.2022 17:12 Uhr

Noch immer warten in Afghanistan Tausende frühere Ortskräfte auf die Ausreise. Sie fürchten die Rache der Taliban. Politiker fordern eine schnellere und großzügigere Aufnahme in Deutschland.

Ein Jahr nach dem Fall von Kabul an die radikalislamischen Taliban verstärken sich die Forderungen zur Rettung ehemaliger afghanischer Ortskräfte. Beim ersten Kongress "Afghanische Ortskräfte", den die Evangelische Akademie zu Berlin, das Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte, die Flüchtlingshilfeorganisation Pro Asyl und der Bundeswehrverband in Berlin organisiert hatten, wurde über ein mögliches Vorgehen diskutiert.

Laut Pro Asyl setzt die Bundesregierung ihre Zusage, gefährdete Menschen zu retten, nur ungenügend um. Die Organisation fordert, das Ortskräfteverfahren zu reformieren und den Familiennachzug zu beschleunigen. Die Zahl der Menschen, die Schutz bekommen sollen, sei viel zu gering. 

Die Definition, wer als Ortskraft gilt, müsse alle Gefährdeten einschließen, zum Beispiel auch Subunternehmerinnen und -unternehmer, die für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet haben, sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt.

Erleichterungen im Umgang mit den Familien  

Auch der SPD-Innenpolitiker Helge Lindh sprach sich für Erleichterungen im Umgang mit den Familien ehemaliger Ortskräfte aus. Bislang dürfen nur Mitglieder der Kernfamilie mit nach Deutschland umziehen. "Ich habe den pragmatischen Wunsch, dass wir in Bezug auf Afghanistan wegen der besonderen Verantwortung, die wir dort haben, einen erweiterten Familienbegriff im Ortskräfteverfahren anwenden", sagte Lindh.

Ähnlich äußerte sich die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Luise Amtsberg (Grüne): Auch Mitarbeiter von Subunternehmern, die für die Bundeswehr arbeiteten, sollten künftig darunter fallen. "Der Familienbegriff sollte über die deutsche Kernfamilie hinausgehen", sagte Amtsberg. "Auch die 18-jährige Tochter, die noch im Haushalt der Eltern lebt, sollte künftig mit nach Deutschland dürfen, obwohl sie rechtlich als volljährig gilt."

"Ohne Ortskräfte wird es auch künftig nicht gehen"

Der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Peter Tauber, mahnte, dass bereits zu Beginn eines Bundeswehreinsatzes geklärt werden müsse, wie man künftig mit einheimischen Kräften umgehen wolle. "Ohne Ortskräfte werden Bundeswehreinsätze auch künftig nicht gehen", sagte Tauber. "Wenn wir Menschen dazu bringen wollen, dass sie unsere Soldaten im Einsatz unterstützen, müssen wir diesen Menschen eine Perspektive bieten", so der CDU-Politiker.

Ein Jahr nach dem überstürzten Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan leben noch immer Tausende ehemalige Mitarbeiter der Bundeswehr, von Regierungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen im Land am Hindukusch. Von den etwa 23.000 Menschen, denen seitens der Bundesregierung die Aufnahme zugesichert wurde, befinden sich nach Angaben Amtsbergs derzeit etwa zwei Drittel in Deutschland.

Frauenprotest mit Warnschüssen aufgelöst

Unterdessen beklagte das Kinderhilfswerk UNICEF eine massive Unterfinanzierung der humanitären Hilfe für Afghanistan. Im laufenden Jahr sei bisher nur ein Drittel der benötigten Mittel bereitgestellt worden, schrieb der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, im "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Nahrungsmittelversorgung sei katastrophal. "Über eine Million Kinder sind lebensgefährlich mangelernährt. Acht von zehn Menschen werden auch heute verschmutztes Wasser trinken", kritisierte Schneider.

Er prangerte vor allem die Politik der Taliban an, Mädchen gezielt von Bildung fernzuhalten. Heute lösten Taliban-Kämpfer in Kabul eine friedliche Demonstration von Frauen gewaltsam auf. Die Kämpfer schossen in die Luft, um die ungefähr 40 Demonstrantinnen zu vertreiben, die vor dem Bildungsministerium "Brot, Arbeit und Freiheit" skandierten. Auf Aufnahmen in sozialen Medien ist zu sehen, wie die Taliban die Frauen auch körperlich angriffen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2022 um 17:00 Uhr.