Bundeswehrsoldaten verlassen Masar-i-Scharif in Afghanistan (Archiv) | dpa

Vorwurf auch an Kanzlerin Merkel "Menschen bewusst zurückgelassen"

Stand: 24.08.2021 15:03 Uhr

Das Patenschaftsnetzwerk Afghanischer Ortskräfte wirft der Bundesregierung unterlassene Hilfeleistung vor. Man habe afghanische Helfer "bewusst zurückgelassen". Verantwortlich dafür sei auch Kanzlerin Merkel.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Eins ist jetzt schon klar: Die Luftbrücke ist zu kurz geraten. Die Zeit wird nicht reichen. Es wird den USA, Deutschland, dem Westen nicht gelingen, alle Menschen aus Afghanistan auszufliegen, die schutzbedürftig sind.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Marcus Grotian macht das alles fassungslos. Er wählt ein einprägsames Bild zur Beschreibung der Lage: "Man steht nun allenthalben neben einem brennenden Haus. Und weist darauf hin, wie man jetzt schön versucht zu löschen."

Viel zu spät mit Rückführung begonnen

Grotian hat als Vorsitzender des "Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte" vor allem jene im Blick, die einst den Deutschen am Hindukusch halfen. Nun ist es ihm ein Anliegen, die Bundesregierung daran zu erinnern, wie es zu dem Brand überhaupt erst kam: Viel zu spät habe man mit der Rückführung der ehemaligen Helfer begonnen, mit bürokratischen Tricks habe man ihre Zahl heruntergerechnet.

Auch jetzt noch würden am Flughafen Kabul Menschen abgelehnt, weil sie nicht auf Listen stünden. "Alle anderen Länder evakuieren jetzt alle Ortskräfte, wir evakuieren diejenigen, die man ausgewählt hat." So Grotian, der selber Soldat ist, wörtlich.

Sein Fazit: Die Bundesregierung habe sich "unterlassene Hilfeleistung" vorwerfen zu lassen. Die zuständigen Ministerien, Innen, Außen, Entwicklung und Verteidigung, müssen sich seit spätestens Mai bohrende Fragen zu den Ortskräften gefallen lassen. Zuletzt verwiesen sie gern darauf, dass die Regierung in Kabul sich zu bürokratisch verhalten habe. Grotian sieht das anders: "Ich habe den Eindruck, wir haben hier Menschen bewusst und wissentlich zurückgelassen."

Marcus Grotian | dpa

Marcus Grotian erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. Bild: dpa

Luftbrücken-Zeit wird laut Maas nicht ausreichen

Außenminister Heiko Maas gibt nun unumwunden zu, dass die Luftbrücken-Zeit nicht ausreichen wird, alle auszufliegen, denen man helfen will. Man habe begonnen, mit den USA und Großbritannien zu überlegen, wie auch nach der Evakuierungsmission Menschen außer Landes gebracht werden können: "Dass der Flughafen zivil weiter betrieben werden kann, da sind unsere Partner und wir uns einig, dass wir dafür bereit wären, auch dafür, die Organisation zu stellen. Damit das Ende der militärischen Evakuierung nicht das Ende der Möglichkeit ist, Menschen aus Afghanistan rauszubringen", so Maas bei Bild TV. Ohne ein Einverständnis der Taliban dürfte das wohl kaum gehen.

Einen Hauptteil der Verantwortung für die Versäumnisse der vergangenen Wochen tragen aus Sicht des Patenschaftsnetzwerks für afghanische Ortskräfte aber nicht nur die sich gegenseitig blockierenden Ministerien, sondern auch Kanzlerin Angela Merkel. Sie hätte sozusagen als "Blockadelöserin" tätig werden können.

Keine Antwort auf fünf Briefe

Auf fünf Briefe habe er nie eine Antwort erhalten, so Grotian: "Das Kanzleramt hätte eingreifen können, hat es aber leider nicht getan." Aus seiner Sicht sind es insgesamt rund 8000 Afghaninnen und Afghanen, ihre Familien mit eingerechnet, die Anspruch auf ein deutsches Visum hätten. Rund 2000 von ihnen könnten sich seinen Informationen zufolge bereits in Deutschland befinden.

Der Hauptmann war selbst einst in Afghanistan im Einsatz. Viele Bundeswehr-Soldaten berichten nun davon, dass sie angesichts der Bilder aus Afghanistan "re-traumatisiert" seien. Für Grotian ist das nachvollziehbar. "Wir sind moralisch verletzt", sagt er. Und zwar nicht von den Taliban, sondern von der eigenen Regierung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. August 2021 um 15:00 Uhr.

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Moderation 24.08.2021 • 18:11 Uhr

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