Transportflugzeuge A400M der Luftwaffe vor Abflug nach Kabul auf dem Fliegerhorst Wunstorf | dpa

Evakuierung aus Afghanistan Hoffen auf den rettenden Flieger

Stand: 16.08.2021 01:53 Uhr

Nachdem die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen haben, drängt die Zeit für die Evakuierung aus Kabul. In Sorge sind vor allem die Ortskräfte der Bundeswehr - sie berichten von Todesangst.

Von Anja Günther, ARD-Hauptstadtstudio

Die Ereignisse überschlagen sich - nicht nur in Afghanistan, sondern auch im politischen Berlin. Erste Bundeswehr-Militärtransporter vom Typ A400M brachen in Richtung Kabul auf. Die deutsche Botschaft in der afghanischen Hauptstadt ist geschlossen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen vom militärischen Teil des Kabuler Flughafens aus in Sicherheit gebracht werden, wie Bundesaußenminister Heiko Maas mitteilte:

Wir setzen jetzt alles daran, unseren Staatsangehörigen und unseren ehemaligen Ortskräften eine Ausreise in den kommenden Tagen zu ermöglichen. Die Umstände, unter denen das stattfinden kann, sind aber derzeit schwer vorherzusehen.
Anja Günther ARD-Hauptstadtstudio

"Das ist ein gefährlicher Einsatz"

Die Bundeswehr unterstützt und sichert den Evakuierungseinsatz mit Fallschirmjägern. Geplant ist, die Botschaftsangehörigen sowie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und afghanische Ortskräfte zunächst in ein afghanisches Nachbarland zu bringen - von dort aus soll es dann mit zivilen Flugzeugen weiter gehen nach Deutschland. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte, die Bundeswehr sei auf extreme Lagen eingestellt: "Wir wissen, dass dies eine sehr schwierige Situation ist für die Menschen vor Ort. Aber auch für die Soldatinnen und Soldaten. Das ist ein gefährlicher Einsatz, in den wir sie jetzt schicken."

Extrem gefährlich und schwierig ist die Lage auch für die afghanischen Ortskräfte. Sie hatten den langjährigen Militäreinsatz der Bundeswehr in Afghanistan unterstützt - als Dolmetscher und Fahrer etwa. Nun fürchten sie dafür die Rache der radikal-islamischen Taliban.

"Da schwingt ganz klar Todesangst mit"

Axel Steier, Sprecher der Hilfsorganisation Mission Lifeline, schilderte gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio die dramatische Lage der Ortskräfte und ihrer Familien. "Bei uns melden sich Ortskräfte und ihre Familien, die gestrandet sind, am Flughafen oder auch außerhalb. Die Situation ist ausweglos, die Menschen wissen nicht, wohin. Da schwingt ganz klar Todesangst mit."

Linke, FDP und Grüne warfen Union und SPD mangelnde Fürsorge und Verantwortungslosigkeit gegenüber den afghanischen Ortskräften vor. Etwa 8000 Betroffene sollen es dem Grünen-Verteidigungsexperten Omid Nouripour zufolge sein.

Wir diskutieren den Schutz derjenigen, die in Gefahr sind, weil sie uns Deutschen geholfen haben, seit neun Jahren. Die Bundesregierung redet davon seit Wochen, hat 1700 (Ortskräfte) rausbekommen, aber Tausende nicht. Das ist ein moralisches Versagen, zerstört aber auch das Bild Deutschlands in der Welt als verlässlicher Partner.

"Herrschaft einer fanatischen Minderheit"

Die Nachrichten aus Afghanistan seien nur schwer zu ertragen, sagte Außenminister Maas. Die Bundesregierung allerdings wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, sehenden Auges auf diese Lage zugesteuert zu sein. Viele Experten hatten gewarnt, dass nach dem Abzug der NATO-Truppen das Land in die Hände der Taliban fallen würde.

Der Abzug sei verfrüht gewesen und die USA seien dafür verantwortlich, findet Norbert Röttgen. Als CDU-Politiker allerdings ist er Teil der Großen Koalition und räumte im ARD-Interview Fehler ein: "Nichts zu tun, zuzuschauen, diese Inaktivität, einem schweren amerikanischen Fehler dann einfach nur hinterher zu trotten und nicht zu fragen: Was ist unsere eigene Verantwortung? Wir waren ja schließlich auch 20 Jahre da. Das führt dazu, dass wir die Afghanen wieder nicht sich selber überlassen, sondern der Herrschaft einer fanatischen Minderheit."

Offensichtlich wurde die Bundesregierung vom schnellen Vormarsch der Taliban überrascht. Und anscheinend waren sich die Zuständigen im Verteidigungs- und im Außenministerium zu lange nicht einig, was wann am besten zu tun ist. Nun ist der deutsche Rettungseinsatz angelaufen - mit ungewissem Ausgang.

Über dieses Thema berichtete am 16. August 2021 die tagesschau um 05:30 Uhr und Deutschlandfunk um 05:40 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".