Fallschirmjäger steigen aus einem Airbus A400M in Usbekistan, Taschkent aus. | dpa

Mission in Afghanistan Späte Ehre

Stand: 22.09.2021 03:09 Uhr

Kanzlerin Merkel hat Soldaten geehrt, die an der Evakuierungsmission in Kabul beteiligt waren. Doch die Frage bleibt: War der 20-jährige Einsatz in Afghanistan umsonst?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Wer Afghanistan-Veteran Torsten* gegenübersitzt, merkt schnell, wie sehr ihn das alles aufwühlt, verzweifelt und wütend macht. So intensiv wirkten die Bilder von der Taliban-Machtübernahme auf ihn ein, erzählt der Soldat, dass er aus Selbstschutz zeitweise keine Nachrichten mehr hörte.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Am meisten aber regt den Mann, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, auf: Niemand aus der Politik ließ sich blicken, als die letzte Bundeswehr-Maschine nach fast 20 Einsatzjahren aus Masar-i-Sharif Ende Juni im niedersächsischen Wunstorf landete. "Das war ein Schlag ins Gesicht für jeden einzelnen Einsatzsoldaten. Egal, wo er gedient hat: auf dem Balkan, in Somalia oder Afghanistan."

Torsten hat einst am gefährlichsten Einsatzort der Bundeswehr, in Kundus, gedient. Aus seiner Sicht spiegelt all dies das Desinteresse von Politik und Gesellschaft an deren Streitkräften wider: "Das war respektlos."

Dass nun immerhin die auch von der Bundeswehr - in einem ihrer gefährlichsten Einsätze überhaupt - aufrechterhaltene Luftbrücke von Kabul gewürdigt wird, ist für Torsten eine Selbstverständlichkeit. Auch, dass die Kanzlerin den Soldatinnen und Soldaten ihre Ehre erweist: "Das ist schlicht ihre Aufgabe. Wir Soldaten können uns auch nicht die Aufgaben aussuchen, die uns gerade genehm sind."

Soldaten sehen mangelnde Wertschätzung

Womit der Mann ein Thema anschneidet, das die Bundeswehr während der gesamten zwei Einsatzjahrzehnte umtrieb: Dass die Politik Jahre brauchte, bis sie Gefahren, Todesgefahren im Einsatz offen benannte, dass auch die Kanzlerin nicht nur das Thema Afghanistan, sondern seit dem Jahr 2013 auch Besuche in dem Land gerne vermied, legten ihnen die Soldatinnen und Soldaten als mangelnde Wertschätzung aus.

Genau diese Wertschätzung will Merkel nun bekunden: "Die Begegnung, das direkte Gespräch mit den Soldaten ist ihr ein wichtiges Anliegen", betont Merkels Sprecher, Steffen Seibert, vor dem Besuch in der Fallschirmjägerkaserne in Seedorf.

Fehler von Wunstorf soll sich nicht wiederholen

In einem über Twitter verbreiteten und mit dramatischer Musik unterlegten Video dankte das Verteidigungsministerium erneut dem Kommandeur, Jens Arlt, und dessen Kontingent für den Evakuierungseinsatz von Kabul. "Wir alle in Deutschland stehen Ihnen und den Männern und Frauen der Bundeswehr Ihres Einsatzverbandes gegenüber in einer ganz tiefen Schuld." Dies hatte Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei der Ankunft der Truppe betont, nachdem sie diese von Usbekistan aus im Flieger begleitet hatte. Der Fehler von Wunstorf, die Abwesenheit der Politik damals, sollte sich nicht wiederholen.

Die Bundeswehr habe eine "einzigartige Bewährungsprobe mit Bravour gemeistert", lobt Unions-Fraktionsvize Johann Wadephul gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio die Evakuierungsmission. Mitte Oktober sind zudem eine Ehrung der Einsatzsoldatinnen und -soldaten im Verteidigungsministerium und eine Würdigung mit dem "Großen Zapfenstreich" vor dem Bundestag geplant.

"Sind keine Söldner oder Roboter"

Holt die Politik hier auf, was sie während der 20 Einsatzjahre an öffentlicher Ehrenbezeugung, an öffentlicher Debatte versäumte? Mit Blick auf noch laufende Missionen wie die in Mali, mit Blick auf noch kommende wünscht sich Torsten, dass Ziele klar benannt, Bevölkerung und Bundeswehr von vornherein über Risiken aufgeklärt werden: "Wir sind ja keine Söldner oder Roboter. Die Bevölkerung muss diese Einsätze mittragen, und wir Soldaten müssen wissen, worauf wir uns einlassen."

Dass die Taliban jetzt wieder Afghanistan kontrollieren, also jene Islamisten, die auch er bekämpft hat, die ihn bekämpft haben, ist für Torsten nur schwer zu ertragen. Immer wieder stellt er sich die eine Frage: War es das wert? Angesichts der getöteten Afghanen, der gefallenen Kameraden, der an Körper und Seele Verwundeten. Eine endgültige Antwort hat der Soldat darauf noch nicht gefunden.

* Name geändert