Bundeswehrsoldaten patrouillieren zu Fuß in der Nähe von Charrah Darreh nahe Kundus und unterhalten sich dabei mit der afghanischen Bevölkerung - links ein Übersetzer. | picture alliance / dpa

Afghanische Bundeswehr-Mitarbeiter Angst vor der Rache der Taliban

Stand: 01.06.2021 05:00 Uhr

Hunderte Mitarbeiter der Bundeswehr in Afghanistan wollen ausreisen, weil sie nach dem Abzug die Rache der Taliban fürchten. Doch es ist ein Rennen gegen die Zeit - und gegen die Mühlen der Bürokratie.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Den 11. Februar 2014 wird Aliullah Nazary nie vergessen. Es ist der Tag, an dem sein zweites Leben beginnt. Der Tag, an dem der Afghane in Hamburg landete. "Bis eine Nacht davor hatte ich viel Angst", erinnert er sich.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Viele Jahre hatte der junge Mann am gefährlichsten Standort der Bundeswehr, im nordafghanischen Kundus, als Übersetzer für die Deutschen gearbeitet - hatte für sie mit Extremisten verhandelt, Seite an Seite mit den Soldaten im Kugelhagel ausgeharrt. Für die islamistischen Taliban wurde er damit zum Verräter, zum Ungläubigen. Sie schickten ihm Todesdrohungen per Anruf, per Brief. "Ich musste dauerhaft meine Adresse wechseln, bei Freunden und Verwandten wohnen", erzählt er. "Das war schwierig."

Aliullah Nazary | Kai Küstner

Die Taliban sahen Aliullah Nazary wegen seiner Arbeit als Übersetzer für die Deutschen als Verräter. Im Februar 2014 gelang ihm die Ausreise aus Afghanistan. Bild: Kai Küstner

"Jetzt ist Deutschland dran"

Sobald feststand, dass die Bundeswehr im Herbst 2013 aus Kundus abziehen würde, war für Nazary klar: Er muss mit. Doch vom Tag des Antrags auf ein Visum für Deutschland bis zur rettenden Ausreise verging ein gutes Jahr.

Tage, Wochen, Monate der Angst, die in der Erinnerung des 31-Jährigen gerade jetzt wieder wach werden, wie er im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio erzählt - weil sich nun auch das Schicksal all jener Afghanen entscheidet, die bis zuletzt noch für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet haben: "Es gibt ein sehr gutes Sprichwort auf Deutsch: 'Eine Hand wäscht die andere.' Damals haben die afghanischen Ortskräfte die Bundeswehr unterstützt. Jetzt ist Deutschland dran."

Hunderte Gefährdungsanzeigen

Bei rund 520 Personen dürfte die Zahl derer liegen, die aktuell noch einen Arbeitsvertrag bei der Bundeswehr haben oder einen solchen in den vergangenen zwei Jahren hatten. Fast alle von ihnen haben mittlerweile eine Gefährdungsanzeige aufgegeben, erfuhr das ARD-Hauptstadtstudio aus Regierungskreisen.

Zusätzlich hatte die Bundesregierung für Anfang Juni Anlaufstellen in Masar-i-Sharif und in Kabul angekündigt, um den Ortskräften dort einen Visumsantrag zu ermöglichen. Wie prekär die Sicherheitslage ist, dafür dürfte die Tatsache, dass sich die zuständigen Ministerien nun in Schweigen hüllen über Ort und Umstände dieser Kontaktstellen, der beste Beweis sein.

Aufruf mit 100 Unterzeichnern

Doch die Zeit läuft den Afghanen davon: Die deutschen Truppen dürften innerhalb etwa eines Monats vom Hindukusch abgezogen sein. Dann ist auch niemand mehr da, der bei der Erfassung biometrischer Daten für die Visa-Anträge hilft, wie es die Bundeswehr bislang getan hat.

Eine "Initiative zur Unterstützung der Aufnahme afghanischer Ortskräfte" - angestoßen unter anderem von Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig - hat mittlerweile mehr als 100 Unterzeichner gefunden, darunter namhafte Politiker und Ex-Generäle. Auch Marcus Grotian, Bundeswehr-Hauptmann und Vorsitzender des "Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte" in Potsdam, hat unterschrieben: "Hier geht es nicht darum, ob jemand keine zehn Euro kriegt, die ihm zustehen, sondern ob er hinterher tot ist", sagt er der ARD.

Eine "unbürokratische und schnelle Aufnahme parallel zum Abzug" wird in dem Aufruf gefordert. Unbürokratisch heißt: Die Beschränkung auf Ortskräfte, die in den letzten zwei Jahren für die Bundeswehr tätig waren, muss aus Sicht der Initiative fallen. Und sie schlägt vor, Afghanen aktiv auszufliegen, bevor sie die Rache der Taliban zu spüren bekommen. Doch beide Forderungen scheinen derzeit wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Die Bundesregierung bekräftigte nun noch einmal, dass die Betroffenen die Kosten für einen Flug nach Deutschland selber zu tragen hätten.

Nazary darf dauerhaft bleiben

Schon nach dem Abzug aus Kundus 2013 warfen Kritiker der Regierung vor - obwohl sie rund 800 Ortskräfte in Sicherheit brachte - viel zu viele im Stich gelassen zu haben. Wie es den afghanischen Helfern der Deutschen jetzt beim endgültigen Abzug ergeht, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden.

Nazary fiebert und bangt von Hamburg aus mit ihnen mit. Er selbst hat sehr schnell Deutsch gelernt, arbeitet heute für eine vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanzierte Beratungsstelle für junge Geflüchtete aus dem Iran, dem Irak oder auch Afghanistan. Da Nazary nun schon seit mehr als fünf Jahren einen Job hat und in die deutschen Sozialsysteme einzahlt, darf er jetzt dauerhaft hierbleiben. Sein nächstes Ziel: die deutsche Staatsbürgerschaft. Davon sind Hunderte Afghanen, die den Deutschen am Hindukusch halfen und noch immer um ihre Ausreise bangen müssen, weit entfernt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Mai 2021 um 08:12 Uhr.