Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Bundesverteidigungsministerin, nimmt an der Konferenz Bilanzierung und Würdigung 20 Jahre Afghanistan-Einsatz teil und hält eine Rede.  | dpa

Afghanistan-Bilanz Auf Fehlersuche

Stand: 06.10.2021 18:54 Uhr

Das Verteidigungsministerium hat mit der Aufarbeitung der Afghanistan-Einsatzes begonnen. Doch die Auftaktveranstaltung zeigt: Fehler öffentlich zu benennen, fällt Politik und Generälen nach wie vor schwer.

Von Uli Hauck und Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Die Aufarbeitung von 20 Jahren Afghanistan-Einsatz beginnt in einem Berliner Sterne-Hotel - und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) setzt die Erwartungen hoch: "Nur eine ehrliche, eine offene und damit auch eine schmerzliche Debatte bringt uns weiter", sagt die Ministerin bei ihrem Eingangsstatement. Das sei man den Soldatinnen und Soldaten schuldig, die in Afghanistan gedient haben - und denen, die in Zukunft international "für deutsche Interessen und Werte" einstehen.

Uli Hauck ARD-Hauptstadtstudio
Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Bundeswehr verspricht, auf Fehlersuche zu gehen

Doch beim Auftakt der Afghanistan-Aufarbeitung sind die Bundeswehr-Generäle noch nicht allzu selbstkritisch. Denn trotz der raschen Machtübernahme der Taliban will Generalinspekteur Eberhard Zorn keine Schlüsse für künftiges militärisches Krisenmanagement in Konfliktregionen ziehen und diese grundsätzlich in Frage stellen.

Der Kommandeur, der die Evakuierungsmission der Bundeswehr am Flughafen Kabul leitete, Brigadegeneral Jens Arlt, gesteht im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio durchaus ein: "Wir müssen noch einmal durchleuchten, dass das Ergebnis nicht so ist, wie wir uns das gewünscht haben." In der Gesamtschau aber, so Arlt, sei der Einsatz keineswegs gescheitert.

Echte Fehler in Afghanistan öffentlich zu benennen, da tun sich Politik und Generäle nach wie vor schwer. Dabei gäbe es viele Fragen: Warum konnte die Bundeswehr das Einsickern der Taliban nach Kundus in den Jahren ab 2006 nicht verhindern? War es ein Fehler, mit lokalen Machthabern von zweifelhaftem Ruf gemeinsame Sache zu machen? Warum verspielte man die Sympathien der anfangs so euphorischen Zivilbevölkerung?

Einer, der auch auf einem Podium - eingerahmt von vier uniformierten Generälen - unangenehme Fragen stellt, ist der Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, Sönke Neitzel: "Es ist immer so, dass die Bundeswehr die Politik basht und die Politik die Bundeswehr. Niemand, der dort war, wird jetzt sagen: Ich habe da Mist gebaut."

"Lehmschicht zwischen Generalinspekteur und Verteidigungsministern"

Ein Punkt, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist die mangelhafte Kommunikation zwischen Militärs und politischer Führung. Der Vorwurf: Kritische Berichte über die Lage in Afghanistan sind zwar im Verteidigungsministerium angekommen, allerdings haben sie in der politischen Kommunikation der Bundesregierung dann selten eine Rolle gespielt. Von einer "Lehmschicht zwischen den Generalinspekteuren und den jeweiligen Verteidigungsministern" spricht Neitzel.

Zudem sei völlig unklar, so Neitzel, wie das Außen- und das Entwicklungshilfeministerium den Bundeswehr-Einsatz gesehen und wie Diplomaten in Kabul die Lage eingeschätzt haben. Entsprechende Berichte lägen im Auswärtigen Amt unter Verschluss.

"Vernetzter Ansatz"

Doch so stolz die Bundesregierung in 20 Jahren Afghanistan auch stets auf ihren "vernetzten Ansatz" war (das Zusammenwirken der Ressorts) - bei der Aufarbeitung scheint jedes Ministerium auf seiner eigenen Spur unterwegs zu sein. Der eingeladene Außenminister Heiko Maas (SPD) und die maßgeblichen Verteidigungspolitiker von Grünen, FDP, SPD und Union aus dem deutschen Bundestag hatten die von der Verteidigungsministerin angestoßene Diskussion kurzfristig abgesagt. Begründung: Der Termin während der laufenden Regierungsbildung sei "völlig unpassend".

Eine 20-Jahres-Bilanz zu Afghanistan einfach so "dazwischen zu quetschen", halte sie für falsch, bekräftigte die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio: "Es zeigt einmal mehr - die Ministerin liebt ihre Alleingänge."

Dabei war der Auftakt der Afghanistan-Bilanz ursprünglich schon bereits für Ende August geplant, er wurde aber wegen der militärischen Evakuierungsmission in Kabul verschoben. Jenseits parteipolitischer Scharmützel dürfte die Debatte um die Auslandseinsätze der Bundeswehr künftig an Fahrt aufnehmen. Denn nach den Afghanistan-Erfahrungen steht auch der umstrittene Bundeswehreinsatz in Mali zunehmend unter ganz besonderer Beobachtung.