AfD-Wahlplakat in Stuttgart (Archivbild)

Politologe zum Flügelkampf in der AfD "Machtkampf mindert die Wahlchancen"

Stand: 22.01.2015 16:26 Uhr

Der nationalkonservative Flügel der AfD will die Partei auf einen neuen Kurs einschwören. Das geht aus einem Papier hervor, das dem SWR vorliegt. Wer sind die treibenden Kräfte und was heißt das für die Wahlchancen? tagesschau24 hat den Politologen Jürgen Falter gefragt.

tagesschau24: Offenbar dockt das Papier an Forderungen an, die auch von der islamkritischen "Pegida"-Bewegung gestellt werden. Was könnte denn der Gedanke dahinter sein?

Jürgen Falter: Ich glaube, die AfD hat festgestellt, dass mit dem Euro-Thema alleine keine Wahlen zu gewinnen sind. Man merkt, man kann eigentlich sehr wenig ausrichten dagegen - auch wenn man glaubt, man hat recht. Und da gibt es eben einen anderen Bereich innerhalb der politischen Gemengelage: Das sind die Themen Ausländer, Migration, Islam. Das versucht man zu besetzen, weil man entdeckt hat, dass es da einen großen Teil in der Bevölkerung gibt, der sehr unzufrieden ist mit der Politik der etablierten Parteien und der Bundesregierung.

alt Jürgen W. Falter

Zur Person

Jürgen Falter lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz. Zu seinen Schwerpunkten gehören Wahlforschung sowie politischer Extremismus.

tagesschau24: Einigen AfD-Mitgliedern gefällt ja gerade diese Nähe zur "Pegida"-Bewegung nicht. Wer in der Partei forciert denn diese Neuausrichtung und werden sich die Kräfte Ihrer Meinung nach durchsetzen?

Falter: Diejenigen, denen das nicht gefällt, das ist eindeutig Bernd Lucke, einer der derzeit drei Vorsitzenden und der vielleicht künftig alleinige Vorsitzende. Und das ist Hans-Olaf Henkel, der Europaabgeordnete und Transatlantiker.

Diejenigen, denen das gefällt, sind eher die Nationalkonservativen. Es sind diejenigen, die in den ostdeutschen Bundesländern große Wahlerfolge erzielt haben: Alexander Gauland und Frauke Petry, die ja auch Herrn Lucke schon sehr stark herausgefordert haben (Anm. d. Red.: Petry gehört derzeit zum Führungstrio und ist Fraktionschefin der AfD im sächsischen Landtag, Gauland ist AfD-Vizechef und Chef der brandenburgischen AfD). Ich glaube, das sind die Haupttriebpersonen, die hinter diesem Versuch der Neuausrichtung der AfD stecken.

Kein Ost-West-Flügelkampf

tagesschau24: Könnte man sagen, dass das letztlich ein Flügelkampf von AfD-Ost gegen AfD-West ist?

Falter: Nein, man kann es nicht so auf Ost gegen West zurechtspitzen. Auch im Westen gibt es eine ganze Reihe von AfD-Mitgliedern und AfD-Wählern, die einen stärker nationalkonservativen Kurs wollen. Die sind auch Euro-kritisch, aber eben auch sehr stark Islam-kritisch. Sie haben Angst vor zu vielen Immigranten, vor zu vielen Asylbewerbern. Ich glaube, insgesamt ist das die Gemengelage, die im Augenblick diese Flügelkämpfe bestimmt. Diejenigen, die die wirtschaftsliberale und Euro-kritische Position vertreten, könnten leicht in die Minderheit geraten.

Die AfD und die Wahlen im Jahr 2015

In diesem Jahr wird lediglich in zwei Bundesländern gewählt: Im Mai in Bremen und im Februar in Hamburg. Die AfD hofft, in beiden Stadtstaaten in die Bürgerschaft einziehen zu können. Für Hamburg gibt es Umfragewerte: Laut NDR käme die AfD im Moment auf 5 Prozent. Sie würde den Sprung in das erste westdeutsche Landesparlament damit schaffen - allerdings nur äußerst knapp.

tagesschau24: Wie gefährlich sind diese Flügelkämpfe zum jetzigen Zeitpunkt für die AfD?

Falter: Die AfD versteht sich als eine bürgerliche Partei - und in bürgerlichen Parteien sind offen ausgetragene Flügelkämpfe immer abträglich bei Wahlen. Das ist ein Problem, vor dem sich jede bürgerliche Partei sieht. Bei der AfD ist es besonders schlecht, weil man ja nicht weiß, welchen Kurs sie in Zukunft wirklich einschlagen wird - ob den der nationalkonservativen und auch fremdenfeindlichen und Islam-kritischen Richtung oder doch stärker den der Euro-kritischen Richtung.

Die Fragen stellte Kristina zur Mühlen, tagesschau24.

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