Zwei Pflegerinnen gehen im Bundeswehrkrankenhaus Ulm an dem Schriftzug "Intensiv" vorbei (Archivbild). | dpa

Deutscher Ärztetag Warnung vor dramatischem Personalmangel

Stand: 01.11.2021 12:43 Uhr

"Wenn nicht bald etwas passiert, droht der Kollaps des Systems": Ärztepräsident Reinhardt warnt vor einem massiven Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Er forderte von SPD, Grünen und FDP, bei den Koalitionsverhandlungen nachzubessern.

Der Deutsche Ärztetag befürchtet einen dramatischen Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. "Die Personalsituationen in unseren Kliniken, in den Altenpflegeeinrichtungen und bei den mobilen Pflegediensten verschlechtert sich zusehends. Wenn hier nicht bald etwas passiert, droht der Kollaps des Systems", sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, zur Eröffnung des Deutschen Ärztetages in Berlin. Auch im ärztlichen Dienst zeigten sich massive Engpässe. "Sie sind heute schon spürbar und werden sich in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen."

Reinhardt forderte von SPD, Grünen und FDP, bei den Koalitionsverhandlungen nachzubessern. Viele stationäre Einrichtungen funktionierten nur noch, weil in großem Stil Ärztinnen und Ärzte nach Deutschland geholt worden seien. Dies sei auch unter globalen Gesichtspunkten nicht gerecht.

Der Ärztepräsident verlangte in diesem Zusammenhang mehr Studienplätze für Medizin. Jedes Jahr kämen auf rund 11.000 freie Studienplätze mehr als 60.000 Bewerber. "Bundesweit 3000 bis 5000 Studienplätze mehr, dann wären wir etwa da, wo wir im Jahr der Wiedervereinigung waren." Dies würde die Lage mittelfristig entschärfen.

Besseres Pandemie-Krisenmanagement

Als Lehre aus der Corona-Pandemie forderte Reinhardt ein bundesweit besser abgestimmtes Krisenmanagement. "Wir brauchen auch eine zentrale Stelle zur Koordinierung der Aktivitäten der einzelnen Gesundheitsämter." Das Robert Koch-Institut (RKI) könnte einer solchen Bundesbehörde zuarbeiten, sollte aber nicht selbst diese Rolle ausfüllen. Vielmehr brauche das RKI ein "Upgrade" zu einer echten Infektionsschutzbehörde wie in den USA in Unabhängigkeit vom Bundesgesundheitsministerium.

Reformbedarf sieht der Ärztepräsident auch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Nie war die Vermittlung von Gesundheitskompetenz in der Allgemeinbevölkerung so wichtig wie in der Pandemie" - auch um Antworten auf falsche Informationen in den sozialen Medien zu geben. Konkret könnte laut Reinhardt das nationale Gesundheitsportal unter der Federführung der Bundeszentrale weiterentwickelt und ausgebaut sowie sein Bekanntheitsgrad deutlich erhöht werden.

Reinhardt begrüßte, dass sich die beteiligten Parteien bei den Koalitionsverhandlungen klar zum Erhalt des dualen Krankenversicherungssystems bekannt hätten. Auch hier gebe es aber erheblichen Reformbedarf. "Vor allem die eigentliche persönliche ärztliche Zuwendung ist inzwischen völlig unangemessen unterbewertet", sagte er.

Gesundheitsgefahren durch Klimawandel

Darüber hinaus warnte Reinhardt vor Gesundheitsgefahren durch den Klimawandel. Diese Gefahren seien "keine ferne Bedrohung mehr", sondern eine weltweite Realität, sagte er. "Immer häufiger kommt es auch in Deutschland zu Hitzewellen, die vor allem für ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen tödlich verlaufen können."

Weitere Gefahren entstünden durch neuartige Krankheitserreger und Extremwetter. Auf die Gesundheitseinrichtungen kommen Reinhardt zufolge dadurch neue Aufgaben bei der Patientenversorgung zu. Neben einem nationalen Hitzeschutzplan sollten konkrete Maßnahmenpläne für Kliniken, Not- und Rettungsdienste sowie Pflegeeinrichtungen zur Vorbereitung auf Extremwetterereignisse verpflichtend werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. November 2021 um 12:00 Uhr.

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Moderation 01.11.2021 • 14:56 Uhr

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