Ärztin untersucht ein Kind | Bildquelle: picture alliance / BSIP

Ärztemangel Wessen Rechnung stimmt?

Stand: 18.06.2018 05:08 Uhr

Viele Kinderärzte müssen Patienten abweisen. Doch auf dem Papier gibt es eine Überversorgung. Das Problem sind die Berechnungsgrundlagen.

Von Robert Schöffel und Steffen Kühne, BR

In der niederbayerischen Stadt Landshut ist Ärztemangel Realität. Andreas Wiesheu ist Mitinhaber einer Kinderarztpraxis, er muss seit einiger Zeit regelmäßig Patienten wegschicken. "Unsere Termine sind voll", sagt Wiesheu. Auch andere Kinderarztpraxen in Landshut haben einen Aufnahmestopp eingerichtet. Die niederbayerische Stadt ist kein Einzelfall. München, Köln, Dortmund, Rostock - überall klagen Eltern über Engpässe.

Auf dem Papier allerdings gibt es keinen Mangel. Eine Auswertung der BR-Datenjournalisten zeigt, dass 97 Prozent der Planungsbereiche in Deutschland mit Kinderärzten überversorgt sind. Neuzulassungen von Ärzten sind dort in der Regel nicht möglich, auch wenn es wie in Bayern zahlreiche Beschwerden von Patienten und Ärzten gibt.

Veraltete Bedarfspläne

Das Problem an den offiziellen Versorgungszahlen ist: In die Berechnung fließen Arzt-Einwohner-Verhältnisse ein, die in den 1990er-Jahren festgelegt wurden. Doch seitdem hat sich viel geändert. Zum Beispiel ist die Zahl diagnostizierter psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen.

Kinderärzte müssen deutlich mehr Leistungen pro Kind erbringen als früher. Laut Kinderarzt Andreas Wiesheu besteht Handlungsbedarf: "Die Bedarfsplanung müsste neu aufgelegt werden, das heißt, man müsste wirklich schauen, wie viele Ärzte eine Stadt wie Landshut braucht, wo es so viele Kinder gibt."

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Kinderärzte haben in den vergangenen Jahren neue Aufgaben bekommen.

GKV: Jährliche Anpassung

Zuständig für die Reform der Bedarfsplanung ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) - ein Gremium, in dem sich Vertreter der Krankenkassen, Ärzte und Patienten treffen, um Eckpunkte der medizinischen Versorgung festzulegen.

Der G-BA gab bei der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Gutachten in Auftrag, in dem geprüft wird, ob die Ärzteplanung überarbeitet werden muss. Dem BR liegt das noch unveröffentlichte Gutachten vor. Darin heißt es: "Insgesamt ist es möglich und aus Sicht der Gutachter erforderlich, die Verhältniszahlen an neuere Erkenntnisse und Entwicklungen […] anzupassen."

Nach Angaben des G-BA soll 2019 eine neue Richtlinie zur Bedarfsplanung in Kraft treten. Ob die Verhältniszahlen von Grund auf neu berechnet werden, ist aber offen, weil die Krankenkassen hierfür offenbar keine Notwendigkeit sehen.

Auf BR-Anfrage antwortet der im G-BA stimmberechtigte Krankenkassen-Spitzenverband GKV: "Der Zulassungsausschuss passt die Zulassungszahlen jährlich bezogen auf die Bevölkerungsdichte an. Somit kann nicht die Rede davon sein, dass die Bedarfsplanung veraltet ist, weil das System 1992 eingeführt wurde."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell (BR Hörfunk) am 17. Juni 2018 in der Sendung "Der Funkstreifzug" ab 09:15 Uhr.

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