DDR-Bürger fahren 1989 über die Grenze nach Westdeutschland.  | Bildquelle: REUTERS

30 Jahre Mauerfall Die große Wanderung nach Westen

Stand: 02.11.2019 01:59 Uhr

Millionen Menschen sind seit 1945 von Ost nach West gezogen - vor und nach dem Fall der Mauer, teils in enormen Ausmaßen. In Ostdeutschland kehrt sich der Trend inzwischen um.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Ob mit Eisernem Vorhang oder ohne - eine Konstante der vergangenen Jahrzehnte ist die Abwanderung von Ost nach West. Mehr als fünf Millionen Menschen hätten die DDR bis zum 1. Juni 1990 verlassen, schreibt etwa der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch "Die Übernahme". Mit Blick auf Zentral- und Osteuropa heute spricht der bulgarische Politologe Ivan Krastev von einem Ausmaß, dessen Folgen völlig unterschätzt würden.

Die Abwanderung begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Allein in den ersten zwölf Jahren nach Gründung der DDR 1949 zogen 2,7 Millionen Menschen fort. Allerdings waren unter ihnen eine Million Ostvertriebene, die nach dem Krieg in die sowjetisch besetzte Zone gekommen waren und noch kein neues Zuhause gefunden hatten.

1961 wollte die DDR-Führung nicht mehr zusehen, wie sich die Menschen für das Leben in dem von ihr verdammten Kapitalismus entschieden. Doch auch nach dem Bau der Mauer verließen jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen die DDR. Bei Fluchtversuchen wurden mehr als 100 Menschen getötet.

Letztlich zwang die SED Dissidenten sogar zum Weggang. Der Prominenteste war der Liedermacher Wolf Biermann. Dass er 1976 nach einer Reise nicht mehr zurück in die DDR durfte, war eine Zäsur. Viele kritisch eingestellte Bürger gaben die Hoffnung auf Veränderung in der DDR auf und stellten Ausreiseanträge.

1984 dann reagierte die DDR-Führung auf internationalen Druck im Rahmen der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE), bei der sie sich zu Freizügigkeit verpflichtet hatte. Die Bundesrepublik kaufte zudem politische Häftlinge frei. Es kam zu einer regelrechten Ausreisewelle, die bis zum 1989 anschwoll und die DDR-Führung überrollte.

Wer konnte, verließ Osteuropa

Nicht allein aus der DDR strömten Menschen in den Westen. 1987 hätten 76.000 Staatsbürger aus Osteuropa, die eine deutsche Herkunft vorweisen konnten, eine Anerkennung als Aussiedler beantragt, berichtete die "Zeit" damals. 1988 waren es bereits 200.000. Vorausgegangen waren Vereinbarungen der Bundesregierung mit Staaten wie Polen, Rumänien und der Sowjetunion. Motivation für die Auswanderer sei wohl weniger die Abstammung als die ausweglose Lage in diesen Staaten gewesen, so die "Zeit".

Ging die Bundesregierung anfangs großzügig mit den Anträgen um, wurde die Gesetzgebung für Spätaussiedler und ihre Angehörigen in den Folgejahren eingeschränkt. Zwischen 1950 und 2012 kamen 4,5 Millionen Spätaussiedler und Angehörige in die Bundesrepublik.

Spätaussiedler gingen zumeist nach Westdeutschland

2,4 Millionen von ihnen siedelten aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion über, die meisten von ihnen nach der Wende. Sie zogen hauptsächlich nach Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen. Weniger als fünf Prozent gingen in die neuen Bundesländer, Berlin nicht mitgerechnet.

Wer sich in Osteuropa nicht auf politische Gründe, Religion oder Abstammung berufen konnte, für den ergaben sich nach der Wende und mit den EU-Beitritten Chancen, das eigene Glück oder überhaupt ein Auskommen im Westen zu suchen. Die Folgen für Länder wie Rumänien oder Bulgarien sind gewaltig, von dort wanderten jeweils mehr als drei Millionen Menschen aus.

In Polen ersetzen inzwischen viele Ukrainer jene, die in den Westen der EU gezogen sind. 40 Prozent aller McDonalds-Mitarbeiter in Polen stammten aus der Ukraine, sagt Andy Hunder, Präsident der "American Chamber of Commerce" in der Ukraine. Inzwischen fehlten die Arbeitskräfte in der Ukraine. Doch das Lohnniveau ist einfach zu niedrig und der Frust über Korruption und mangelnde Reformen zu hoch.

Auf dem schnellem Weg in die Zukunft

Mit Blick auf die Motivation der Auswanderer verwies der Politologe Krastev bei einer Veranstaltung des "Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien" in Berlin auf ein Paradox: Normalerweise verließen nach Revolutionen die Verlierer ihr Land. Nach der Wende Anfang der 1990er-Jahre hätten aber in Scharen die Gewinner - die Liberalen - ihre Heimat hinter sich gelassen.

Die Wende-Revolutionäre hätten die erhoffte Zukunft sofort erleben wollen, und sie fanden sie gleich vor der Haustür. Es sei eben einfacher, in die Zukunft zu reisen, als sie selber zu errichten, sagte Krastev. Für sehr viele war und ist es jedoch die fehlende Perspektive oder auch nur ein auskömmlicher Job.

Verlorene Investitionen und fehlende Einnahmen

Zurückgebliebene Angehörige profitieren von Überweisungen. Der Preis ist jedoch eine oft jahrelange Trennung. Zu den Folgen der Abwanderung zählt der Politologe Krastev verlorene Investitionen der Herkunftsländer in die Bildung der Ausgewanderten. In entvölkerten Gegenden fehlen auch Steuereinnahmen für die Infrastruktur und Abgaben für die Sozialsysteme.

Aus der Ferne am sichtbarsten sind die politischen Folgen. Wissenschaftler wie Krastev sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Abwanderung vor allem junger, liberaler Bürger und dem Erfolg autoritärer, nationalistischer Populisten. Zunächst fehlen sie als Wähler.

Mehr Angst vor Abwanderung als vor Immigration

Populisten wie der ungarische Premier Viktor Orban stellten den Liberalismus und offene Grenzen in Opposition zu den nationalen Traditionen und dem Erbe der Länder, so Krastev. Wer ins Ausland gehe, denke an den eigenen Erfolg und nicht an das Fortkommen der Gemeinschaft, laute ein Vorwurf.

Ungarns Regierungschef Orban | Bildquelle: AFP
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Populisten wie Orban stellten offene Grenzen in Gegensatz zu nationalen Traditionen, so Krastev.

Eine Umfrage vom April 2019 ergab, dass Menschen in süd- und osteuropäischen Ländern mehr über die Abwanderung ihrer eigenen Bürger besorgt sind als über Immigration. Das betreffe Polen, Ungarn und Rumänien, aber auch Spanien, Italien und Griechenland, so das "European Council on Foreign Relations", das die Umfrage durchführte. In Polen und Ungarn ist diese Angst demnach so groß, dass die Hälfte der Befragten Maßnahmen gegen Abwanderung zustimmen würde.

Wo Menschen Angst vor Verlust der eigenen Kultur haben, wachsen die Vorbehalte gegen Fremdes, stellten Forscher beispielsweise in den USA und Deutschland fest. Eine Umfrage von Infratest Dimap zur Europawahl ergab, dass in Regionen mit hohen Abwanderungsraten die AfD bessere Ergebnisse als anderswo erzielt - ob in Ost- oder Westdeutschland.

Die Freiheit zur Rückkehr

Andere Umfragen zeigen allerdings, darauf verweist Krastev, dass die offenen Grenzen immer noch zu den größten Errungenschaften des Untergangs der sozialistischen Staaten gezählt werden. Es ist auch die Freiheit zur Rückkehr - in Ostdeutschland stabilisierte sich ab 2001 das Verhältnis zwischen Abwanderung und Zuwanderung. Seit 2011 ist es ausgeglichen und in einigen Regionen nimmt die Bevölkerung wieder zu.

Die Region mit der höchsten Rückkehrerrate deutschlandweit ist das katholische Eichsfeld im Nordwesten Thüringens, wie das Leibniz-Institut für Länderkunde für die Jahre zwischen 2001 bis 2014 feststellte. Generell ziehe es eher Abgewanderte aus ländlichen Gegenden in ihre Heimat zurück. Die Gründe sind vielfältig: Es kann die Rückkehr zur Familie und zu Freunden sein, die Pflege der Eltern, die Übernahme eines Hauses, der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren und auch gute Lebensbedingungen.

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