Ein Mann wird nach Afghanistan abgeschoben (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Abschiebungen aus Deutschland Albtraum für alle

Stand: 16.04.2019 03:17 Uhr

Mehr als 23.000 Menschen wurden 2018 aus Deutschland abgeschoben - reibungslos verläuft dies selten. Unser Korrespondent hat Bundespolizisten im Abschiebebereich des Frankfurter Flughafens begleitet.

Von Sebastian Kisters, HR

Es ist 6:30 Uhr, da wissen die Bundespolizisten im Abschiebebereich des Frankfurter Flughafens: Das wird ein frustrierender Tag - wie so viele andere. 79 Menschen sollen in Flugzeuge gesetzt werden, um Deutschland zu verlassen. Doch bereits am frühen Morgen haben zehn Ausländerbehörden gemeldet, dass sie die Abzuschiebenden nicht gefunden haben. "Dabei wird es nicht bleiben", sagt ein Polizist.

Parkplätze im Neonlicht: Das sehen abgelehnte Asylbewerber noch, bevor sie Deutschland verlassen müssen. In kleinen Bussen werden sie von Polizisten oder Mitarbeitern von Ausländerbehörden aus ganz Deutschland zum Frankfurter Flughafen gebracht. Mit einem großen Aufzug geht es dann in einen abgeriegelten Teil des Terminals. Die Tür schließt sich, der Parkplatz verschwindet. Oben übernehmen Bundespolizisten die Ausreisepflichtigen.

Einen Tag im Abschiebebereich am Frankfurter Flughafen
morgenmagazin, 16.04.2019, Sebastian Kisters, HR

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"Ich will bleiben, Deutschland ist schön"

Jetzt übernehmen sie einen jungen Afghanen. Er hat in den vergangenen zwei Jahren bei seinem älteren Bruder in Deutschland gelebt. Asyl hatte er aber bereits in Italien beantragt. Das Land erreichte er wohl mit einem Flüchtlingsboot. Nach EU-Recht heißt das: Im Ankunftsland muss der Asylantrag bearbeitet werden. "Da war ich aber nur vier Tage. Dann Deutschland! Ich will bleiben. Deutschland ist schön", erklärt er den Polizisten. Der junge Mann, der aussieht wie ein Junge, sagt: Er wird sich in kein Flugzeug setzen.

Ein Polizist holt Kaffee für alle und meint, sie würden versuchen, Vertrauen aufzubauen. Das erleichtere die Arbeit. Wem man vertraue, den wolle man nicht enttäuschen. So der Plan. Der ursprünglich für den Afghanen reservierte Flug nach Mailand hat Frankfurt bereits verlassen. Die Bundespolizei bucht jetzt in der nächstmöglichen Maschine drei Plätze. Einen für den Afghanen, die weiteren für zwei Bundespolizisten. Sie werden den Mann spontan begleiten und eingreifen, wenn er auf dem Linienflug nach Mailand spuckt, beißt und schreit. Wie so viele, deren Traum von einem Leben in Deutschland am Frankfurter Flughafen endet.

Ein Mann wird auf dem Frankfurter Flughafen zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Wenn der Traum von einem Leben in Deutschland endet: Bundespolizisten am Frankfurter Flughafen bringen einen Mann zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan.

Bürokratischer Albtraum in Endlosschleife

Es ist 9:30 Uhr, und weitere Ausländerbehörden haben gemeldet, dass sie heute nicht mit abgelehnten Asylbewerbern kommen werden. Mittlerweile gibt es mehr als 30 Absagen. Das heißt: Die Bundespolizei muss Flüge stornieren, später erneut Kontakt mit den Behörden in Zielländern aufnehmen. Viele abgelehnte Asylbewerber haben keine Pässe. Botschaften haben ihnen Ersatzpapiere ausgestellt, die sind aber nur wenige Wochen gültig. Gelingt eine Abschiebung nicht in diesem Zeitraum, ist die Chance erst einmal vertan. Ein bürokratischer Albtraum in Endlosschleife.

"Rückführungen, Abschiebungen - das ist ein sehr komplexer Vorgang in Deutschland. Es sind über 5000 Ausländerbehörden, mit denen die Bundespolizei am Frankfurter Flughafen zusammen arbeiten muss", sagt Reza Ahmari, Sprecher der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen.

Es ist Mittag. Aus Süddeutschland wird ein Mann aus Nigeria gebracht. Er hat sich bereits im Bus Pullover, Hose und Unterhose vom Körper gerissen. Der Mann will Deutschland auf keinen Fall verlassen. Nackt kommt er nun am Parkplatz vor dem Aufzug an. Polizisten wickeln ihn in Decken und setzen den Mann in einen Rollstuhl. Auch er soll zurück nach Italien.

Wenig später: Ein Mann aus dem Tschad schreit und wird an Armen und Beinen in einen mit Gummimatten gepolsterten Raum getragen. Nebenan finden Polizisten bei einer Durchsuchung eine Rasierklinge, eingenäht in eine Unterhose. Oft haben Menschen sie auch im Mund versteckt. Sie verletzen sich damit selbst; blutend wird niemand in ein Flugzeug gebracht. "Angegriffen werden wir damit selten", berichtet Reza Ahmari. "Meist geht es bei uns mehr um Bisswunden."

Drei Tage unterwegs für eine Abschiebung

Als der Tag zu Ende geht, hat der junge Afghane Deutschland widerstandslos verlassen. Drei Bundespolizisten fliegen mit dem Mann aus dem Tschad am frühen Abend über Marokko in sein Heimatland. Drei Tage werden sie für die Abschiebung eines Mannes unterwegs sein. Der andere Afrikaner hat sich wieder angezogen und lässt sich nach Italien fliegen. Zwei Tage später wird ihn die Bundespolizei bei einer Routinekontrolle in Passau wieder treffen. Andere abgelehnte Asylbewerber wehrten sich so heftig, dass sie Frankfurt nicht verlassen konnten oder sie wurden gar nicht erst zum Flughafen gebracht. Von 79 geplanten Abschiebungen gelingen an diesem Tag 37. Alltag für die Bundespolizei am Frankfurter Flughafen.  

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 16. April 2019 um 07:44 Uhr.

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